Abfallwirtschaft im Fokus: Zeit aufzuräumen

Ein Drittel des weltweiten Abfalls wird immer noch nicht nachhaltig entsorgt, und die Abfallmenge steigt weiter. Ein Großteil davon landet auf offenen Deponien, insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern. Für deutsche Recyclingunternehmen ergeben sich enorme Marktchancen.

April 20222
Autor: Benedict Hartmann

Die Fotos stammen vom US-Fotografen Gregg Segal. Für seine Reihe „7 Days of Trash“ hat der 58-Jährige Freunde, Bekannte und Nachbarn im kalifornischen Altadena fotografiert – in ihrem Müll, den sie in einer Woche anhäufen. Segals Werke wurden vielfach ausgezeichnet und ausgestellt. © Gregg Segal

„Wenn sich die Art und Weise, wie wir Ressourcen verbrauchen, nicht ändert, bräuchten wir bis 2050 drei Erden, um unseren Bedarf zu decken.“ Mit diesen eindringlichen Worten beschreibt die Europäische Union (EU) die Bedeutung der Abfallwirtschaft in ihrem aktuellen Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft. Die Staatengemeinschaft appelliert: Wir müssen umdenken, weg von einer Gesellschaft mit Wegwerfkultur und hin zu einer klimaneutralen, ökologisch nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. Das gilt nicht nur innerhalb der EU, sondern auch darüber hinaus.

Dabei gilt es, das Abfallaufkommen besser zu nutzen. Das bestätigt auch der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE): „Wenn wir die ambitionierten Klimaziele erreichen und trotzdem ein wettbewerbsfähiger Wirtschaftsstandort bleiben wollen, wird es ohne Kreislaufwirtschaft nicht gehen“, sagt BDE-Präsident Peter Kurth. „Wir müssen vom Ressourcenverbrauch zum Ressourcengebrauch kommen.“ Deutschland ist in Sachen Abfallmanagement relativ weit vorn. Auch deutsche Technologie ist weltweit nachgefragt. „Die deutsche Abfall- und Recyclingwirtschaft gilt international als Vorbild. Die Unternehmen der Branche bieten auf der Basis vielfältiger Erfahrungen in allen Bereichen der Entsorgungskette relevante, erprobte und wettbewerbsfähige Lösungen an“, sagt Karin Opphard, Geschäftsführerin des Branchenverbandes Retech Germany. Technologische und unternehmerische Innovationen gelten als zentraler Hebel, die komplexe zirkuläre Wirtschaft beherrschbar zu machen.

GTAI auf der IFAT

Vom 30. Mai bis 3. Juni findet in München die größte Plattform für Wasser-, Abwasser-, Abfall- und Rohstoffwirtschaft statt. GTAI ist auf dem Bundesgemeinschaftsstand vertreten und bietet am 1. Juni eine Veranstaltung für deutsche KMU an.

Nach wie vor ist es häufig günstiger, den Müll in Entwicklungs- und Schwellenländer etwa nach Afrika und Asien zu exportieren. Müllweltmeister sind die USA: Das Land produziert jeden Tag rund 625.000 Tonnen Müll. Aufs Jahr gerechnet heißt das: Auf jeden US-Amerikaner entfallen 809 Kilogramm Müll jährlich. Deutschland schneidet im direkten Vergleich mit knapp 609 Kilogramm pro Kopf und pro Jahr zwar besser ab, liegt damit aber immer noch deutlich oberhalb des EU-Durchschnitts von 502 Kilogramm Müll pro Kopf. Am sparsamsten sind die Länder südlich der Sahara; sie kommen im Durchschnitt jährlich mit knapp 170 Kilogramm Müll pro Kopf hin. Auch in Südost- und Ostasien liegt der Wert deutlich unterhalb der westlichen Welt mit knapp 204 Kilogramm pro Kopf, wobei hier die regionalen Unterschiede wesentlich mehr ins Gewicht fallen.

Müll als Exportschlager

Mehr als die Hälfte des aus den USA exportierten Mülls landet in Niedriglohnländern, die keinen ordentlichen Umgang damit pflegen, obwohl Recyclingtechnologien in den USA weit fortgeschritten sind. Viele Jahre war China ein wichtiger Abnehmer, aber das Blatt wendete sich schlagartig, als die Volksrepublik 2018 die Einfuhren von Abfällen aus den USA und Europa verbot. Die Folge: Ein großer Teil der Exporte landet seither mit hoher Wahrscheinlichkeit in illegalen Recyclinganlagen oder Deponien in den Nachbarländern. ­Leidtragende ist, wie so häufig, die arme Bevölkerung in Entwicklungs- und Schwellenländern. Für sie lohnt es sich, etwa Kupfer aus alten Elektrogeräten zu extrahieren und wiederzuverkaufen. Häufig bezahlt sie dafür mit ihrer Gesundheit, da sie bei dem Prozess giftige Gase einatmet und Schadstoffe in das Grundwasser gelangen.

Baseler Konventionen und WEEE-Richtlinie

Das Baseler Übereinkommen ist ein internationales Umweltabkommen, das am 22. März 1989 in Basel unterzeichnet wurde. Mittlerweile haben 188 Länder ihre Beteiligung unterzeichnet. Das Abkommen wurde für ein umweltgerechtes Abfallmanagement eingeführt und regelt die Kontrolle der grenzüberschreitenden Transporte gefährlicher Abfälle wie beispielsweise gebrauchter Elektronik.

Die Konvention ist ein guter Ansatz. Dennoch fallen in Afrika und Asien immer größere Mengen Elektroschrott an, häufig mit Ursprung in Europa. Der Grund: Alte Computer und Monitore wurden kurz vor ihrem Ableben in Entwicklungsländer transportiert, um dort den digitalen Fortschritt zu gewährleisten. Die Geräte waren somit zunächst kein Müll und mussten nicht als solcher deklariert werden. Auch in der nationalen Umsetzung des Abkommens scheitert es häufig am bürokratischen Aufwand, unterschiedlicher Umsetzung oder mangelnder Kenntnis lokaler Behörden.

Auf europäischer Ebene existiert bereits seit 2012 die Richtlinie WEEE (Waste from Electrical and Electronic Equipment). Sie soll unter anderem helfen, gegen den illegalen Export von gefährlichen Elektroaltgeräten vorzugehen. Für die Hersteller der Elektrogeräte werden Verordnungen der Extended Producer Responsibility (EPR) angewandt. Im Rahmen der EPR sind alle an der Wertschöpfungskette beteiligten Unternehmen (Produzenten, Markeninhaber, Entsorgungsunternehmen, Konsumenten und unter Umständen Händler) zur Umsetzung der Vorgaben verpflichtet. Die neue Richtlinie soll auch das Recycling und die Verwertung fördern, indem die Rückgabe für Verbraucher einfacher wird.

Bild: © Andriy Onufriyenko

Der Report der Weltbank „What a Waste 2.0“ kommt zu dem Schluss, dass nach wie vor mehr als 90 Prozent des Abfalls in Niedriglohnländern auf offenen Deponien gelagert oder verbrannt werden. Aber nicht nur in Ent­wicklungs- und Schwellenländern gibt es Nachholbedarf in Sachen Kreislaufwirtschaft. Weltweit fallen mehr als zwei Milliarden Tonnen Haushaltsmüll im Jahr an, lediglich 77 Prozent davon werden nachhaltig entsorgt. Aktuelle Hochrechnungen gehen aufgrund der steigenden Weltbevölkerung von 70 Prozent mehr Abfall in den kommenden 30 Jahren aus – das macht immense 3,4 Milliarden Tonnen im Jahr.

Der meiste Müll landet auf Deponien

Oftmals schicken gerade die Länder ihren Müll ins Ausland, die ihn eigentlich gut vor Ort wiederverwerten könnten. Die Recyclingquote in Nordamerika beispielsweise liegt bei 33 Prozent, in Europa werden sogar 48 Prozent des Mülls wiederverwertet. In Subsahara-Afrika sind es lediglich zwölf Prozent. Kein Wunder also, dass dort der Großteil des Mülls auf riesigen Deponien gelagert oder verbrannt wird. Rund 70 Prozent des Mülls landen in Subsahara-Afrika auf wilden Deponien, in Südost- und Ostasien sind es 46 Prozent. Die Folgen für die Umwelt sind verheerend. Mülldeponien sind nämlich für 1,9 Prozent der täglichen CO2-Emissionen verantwortlich. Zum Vergleich: In den USA und in Westeuropa endet laut Weltbank kein Müll auf offenen Deponien, sondern in Kompostier- und Verbrennungsanlagen.

Die Welt erstickt im Abfall – und das, obwohl Recyclingtechnologien längst erprobt sind. © Gregg Segal

Vorreiter in Sachen Abfallmanagement ist Südkorea. Das sagt der Welt-Abfall-Index, in dem das slowakische IT-Unternehmen Sensoneo alle Industrieländer hinsichtlich ihres Verantwortungsbewusstseins für entstandene Müllmengen vergleicht. Auf den weiteren Plätzen folgen Schweden, Japan, die Schweiz, die Niederlande und Deutschland. Schlusslicht ist die Türkei mit einer quasi nicht vorhandenen Recyclingquote. Und ausgerechnet in dieses Land exportiert die EU den Großteil ihres Mülls. Der Index speist sich unter anderem aus der Abfallmenge des jeweiligen Landes sowie den vor Ort verwendeten Recycling- und Deponierungsverfahren.

Im Fall Südkorea spiegelt die gute Platzierung vor allem die ambitionierten Vorhaben der Regierung wider: In den vergangenen Jahren hat sich viel getan im Land. 2005 wurden nur zwei Prozent der Lebensmittelabfälle recycelt, heute sind es nahezu 95 Prozent. Grundlage hierfür ist die fast sortenreine Mülltrennung. Das lässt sich sogar aufs Gramm nachvollziehen, da jeder Haushalt in Südkorea seit 2013 mit Hightechbiomülltonnen ausgestattet ist. Die öffnen ihren Deckel erst, wenn jemand eine Magnetkarte mit RFID-Chip dranhält. Dann wiegen sie die Abfallmenge und übermitteln den Wert an die entsprechende Behörde. Das System kann auch nachvollziehen, ob der richtige Müll in der Tonne gelandet ist. Wird der Müll falsch getrennt, müssen die Bewohner mit Strafen rechnen. Der Plan scheint zu funktionieren: Bislang konnten 20 bis 30 Prozent der Lebensmittelabfälle reduziert werden, weil die Menschen sich genau überlegen, was in die Tonne kommt und was nicht.

Interview

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Abfallwirtschaft in Schweden: Aus Müll wird Energie

Auch das Abfallmanagement von Schweden kann sich sehen lassen. Das liegt unter anderem daran, dass das Land mehr als die Hälfte seines Abfalls in Energie umwandelt. Die andere Hälfte des Mülls wird recycelt. Wenn Abfälle verbrannt werden, ist das zunächst eine umweltschädliche Sache. Die 32 Müllverbrennungsanlagen in Schweden jedoch nutzen die durch die Verbrennung entstandene Wärme, um dadurch Energie zu gewinnen, statt sie einfach aus den Schornsteinen in die Umwelt zu blasen. Aus dem verbrannten Müll beziehen ungefähr eine Million Haushalte Wärmeenergie zum Heizen und etwa 250.000 Haushalte Strom. Diese Waste-to-Energy-Methode trägt zwar nicht zu einer unendlichen Kreislaufwirtschaft bei, da die Abfälle verbrannt werden. Sie zeigt aber eine Alternative auf, die Energiewirtschaft nachhaltiger zu gestalten, denn sie macht immerhin rund drei Viertel der weltweiten CO2-Emissionen aus. Damit das auch funktioniert, muss der Müll möglichst kleinteilig getrennt werden. Die schwedische Abfallentsorgungsstrategie sieht deshalb vor, die Trennung von Verpackungen, Papier und Essensabfällen kontinuierlich zu verbessern.

Auch Kunststoffe können in Energie umgewandelt werden, wie das norwegische Unternehmen Quantafuel zeigt. Verschiedene Kunststoffe werden so lange erhitzt, bis die darin enthaltenen Polymermoleküle zerbrechen und ein Gas entsteht. Das dient als Alternative zu Erdöl und Erdgas. Die Norweger beliefern beispielsweise den Ludwigshafener Chemiekonzern BASF mit dem neuartigen Energieträger. BASF bezieht künftig 15 Millionen Liter Pyrolyseöl im Jahr, bis 2025 sollen es sogar bereits 250 Millionen Liter pro Jahr sein.

809 Kilogramm Müll produziert jeder US-Amerikaner im Jahr. Pro Tag entstehen landesweit 625.000 Tonnen Abfall. Damit sind die Vereinigten Staaten Müllweltmeister. © Gregg Segal

Laut einer Umfrage der Confederation of European Waste-to-Energy Plants (CEWEP) vermerken 80 Prozent der europaweiten Waste-to-Energy-Anlagenbetreiber eine hohe Auslastung. CEWEP prognostiziert, dass die Kapazitäten künftig nicht ausreichen, um die ehrgeizigen Ziele der EU zu erreichen. Diese sehen vor, bis 2050 eine klimaneutrale, nachhaltige, giftfreie und geschlossene Kreislaufwirtschaft zu erreichen. Bis dahin wird eine Menge von 142 Millionen Tonnen behandlungsbedürftigem Restabfall anfallen. Aktuell wird eine Kapazität von rund 100 Millionen Tonnen erreicht. Demnach fehlt aus heutiger Sicht eine Kapazität von rund 40 Millionen Tonnen für die umweltgerechte Behandlung von Restabfällen.

Recycling als Mittel der Wahl

Eine funktionierende Kreislaufwirtschaft basiert auf Recycling. Mehr noch: Mit jedem recycelten Rohstoff werden CO2-Emissionen eingespart. Werden beispielsweise 50 Kühlschränke sachgemäß recycelt, können bis zu 1.000 Kilogramm CO2 eingespart werden. Diese Berechnung fußt auf den sogenannten CO2-Äquivalenten. Im schwedischen Motala beispielsweise baut der deutsche Recyclingspezialist Sutco Recycling Technik GmbH die weltweit größte Recyclinganlage Site Zero. Bis 2023 soll sie fertig sein und dann 200.000 Tonnen Kunststoffverpackungen pro Jahr klimaneutral recyceln. Weitere Anlagen sind laut Unternehmen auch in anderen Ländern geplant.

12 %

des Mülls in Subsahara-Afrika werden recycelt. Zum Vergleich: In den USA sind es 33 Prozent, in der EU 48 Prozent.

Eine etwas ungewöhnliche Form des Recyclings von Plastikflaschen haben Wissenschaftler der Universität Edinburgh herausgefunden: Plastik kann in einem chemischen Recyclingprozess in Vanillin umgewandelt werden. Somit haben die Wissenschaftler eine Blaupause für ein Verfahren entwickelt, das Plastik in Chemikalien verwandeln kann, die zum Aromatisieren von Eiscreme und Duftstoffen verwendet werden.

Chancen für deutsche Unternehmen der Abfallwirtschaft

Für deutsche Unternehmen der Abfallwirtschaft ergeben sich international also zahlreiche Chancen. Allein das Marktsegment „Technik für die Abfallwirtschaft“ hatte im Jahr 2018 ein Exportvolumen von 5,1 Milliarden Euro, das vor allem Recyclingtechnologien made in Germany umfasst. Die wichtigsten Zielmärkte sind die USA, China und Frankreich. Neben den großen Absatzmärkten gibt es auch Potenzial in Schwellen- und Entwicklungsländern: In Indien stellt die Regierung beispielsweise 19 Milliarden US-Dollar bereit, um die Abfallbehandlung in den Griff zu bekommen. Gerade für Anbieter von Ausrüstungen und Dienstleistungen für die Kreislaufwirtschaft bietet die Regierungsabsicht Geschäftschancen. Das Ziel: In den kommenden fünf Jahren die Abfalltrennung verbessern, Plastikmüll reduzieren, alte Deponien sanieren sowie neue Müllverbrennungs- und Waste-to-Energy-Anlagen in den Städten und Biogasanlagen auf dem Land bauen.

Nun kann man theoretisch versuchen, Rohstoffe so oft wie möglich weiterzuwenden. Noch nachhaltiger ist es allerdings, wenn Hersteller bereits während der Produktion ihrer Produkte darüber nachdenken, was mit den einzelnen Rohstoffen geschieht, nachdem der Artikel ausgedient hat. Die Basis bildet die Cradle-to-Cradle-Methode, die darauf abzielt, alle Materialien wiederzuverwerten. Am nachhaltigen Ressourcenmanagement führt also kein Weg vorbei. Für eine effiziente Wiederverwendung braucht es eine nahezu sortenreine Mülltrennung, fundiertes Know-how und eine gewisse Akzeptanz in der Gesellschaft. Sicher steht das Konzept der Müllvermeidung ganz oben in der Abfallhierarchie. Bevor man sich um die Entsorgung kümmert, sollte Müll also wenn möglich gar nicht erst entstehen.

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