Recycling: Noch viel zu tun in Afrika

Ein Großteil des Mülls landet in Afrika. Zehntausende Müllsammler verdienen dort auf Deponien ihren Lebensunterhalt. Für eine nachhaltige Entsorgung braucht es Investitionen – und einen Plan für den informellen Sektor.

April 2022
Autorin: Samira Akrach

Rodiek entwickelt Lösung für Waste Picker in Ghana

Wie die Integrierung des informellen Sektors funktionieren kann, zeigt die Firma Rodiek & Co, Tochter des Bremer Entsorgungsunternehmens Nehlsen. Die Bremer haben das ghanaische Entsorgungsunternehmen Tidyup Ghana dabei unterstützt, eine stillgelegte Abfalltransferstation in Accra zu einer Sammelstelle für recyclingfähige Kunststoffabfälle auszubauen. Rodiek war dabei für die Planung, das Projektmanagement und Schulungen verantwortlich.

Insgesamt wurden 45 Waste Pickers aus den benachbarten Communitys unter anderem darin geschult, wie sie Materialqualität erkennen und Mengen dokumentieren. Zusätzlich gibt es Personal, das die angelieferten Wertstoffe per Hand in verwertbare Fraktionen sortiert. Die Materialströme werden durch die App des Berliner Start-ups Cleanhub dokumentiert. Darüber lassen sich die gesammelten Mengen direkt einzelnen Sammlern zuordnen, was auch deren Bezahlung vereinfacht.

Geschäftsführerin Claudia Bunkenborg erklärt die Erfolgsfaktoren des Projekts: „Man muss sich in dem Land sehr gut auskennen und eng mit lokalen Partnern zusammenarbeiten.“ Zusammen mit Nehlsen Ambiente Angola bearbeitet Rodiek das durch die Exportinitiative geförderte Projekt Ecolu. Ziel ist der exemplarische Aufbau einer getrennten Wertstoffsammlung in der Hauptstadt Luanda.

Bild: © Rodiek

So unterschiedlich die 54 Staaten des afrikanischen Kontinents auch sind: Der Abfallsektor wurde bisher überall vernachlässigt. Dabei haben sich die Volkswirtschaften in den vergangenen Jahren teils rasant entwickelt. Ein enormer Bevölkerungsdruck und eine wachsende Mittelschicht, vor allem in den Städten, führen aber auch zu immer größeren Müllbergen.

Eine Entsorgung oder gar nachhaltige Wiederverwertung stecken jedoch noch in den Kinderschuhen. Der Abfall landet zum großen Teil auf wilden, offenen Deponien, mit erheblichen Schäden für Umwelt und Gesundheit. So befindet sich die größte Deponie Nigerias, Olususon, in der Stadt Lagos. Die Halde ist rund 43 Hektar groß – das entspricht einer Größe von rund 60 Fußballfeldern – und nimmt pro Jahr etwa zwei Millionen Tonnen Müll auf. Rund fünf Millionen Menschen leben in einem Umkreis von fünf Kilometern.

Südafrika zeigt, wie es gehen könnte

Für die Anwohner, die es sich leisten können, übernehmen teils private Anbieter die Müllabfuhr. Das funktioniert nur in den Städten, auf dem Land mit oft katastrophaler Infrastruktur ist dies kaum möglich. Die afrikanischen Regierungen haben das Problem erkannt und zuletzt den erforderlichen rechtlichen Rahmen verbessert. An der Umsetzung hapert es aber, das nötige Geld soll von privaten Investoren kommen. Auch die internationalen Geber sind im Abfallsektor traditionell sehr aktiv.

Am meisten scheint sich in Südafrika zu tun. Industrialisierung und Abfallsektor des Landes sind im afrikanischen Vergleich schon gut entwickelt. Die National Waste Management Strategy 2020 hat sich nun zum Ziel gesetzt, Deponieabfälle bis 2025 um 25 Prozent zu reduzieren und die Recyclingquoten weiter hochzutreiben. Dafür hat die Regierung auch eine neue Verordnung erlassen, die die Müllverursacher stärker in die Pflicht nimmt und die Auflagen für die Industrie verschärft.

Die Umstellung auf eine moderne Kreislaufwirtschaft birgt in Afrika großen sozialen Sprengstoff. In vielen Ländern sortieren nämlich sogenannte Waste Picker den Müll, direkt aus den Mülltonnen oder auf den Müllhalden selbst. Sie sammeln die Wertstoffe und bringen sie zu Entsorgungsstationen. In Südafrika verdienen etwa 80.000 Menschen damit ihr Geld. Übernehmen nun moderne Sortieranlagen diese Aufgabe, fällt deren Einkommensquelle weg. „Die Gemeinden müssen bei Konzepten zur Mülltrennung in den Haushalten auch den informellen Sektor mitdenken, um das Armutsproblem in Südafrika nicht weiter zu verschärfen“, sagt Fausi Najjar, GTAI-Korrespondent für Südafrika. Trotz dieser schwierigen Voraussetzungen bietet der Abfallsektor in Afrika auch viele Chancen. Der Markteinstieg gelingt vielen über Ausschreibungen der Entwicklungszusammenarbeit.

In Südafrika verdienen etwa 80.000 Menschen ihr Geld auf Müllhalden als sogenannte Waster Picker.

So wie Florian Kölsch: Der Ingenieur hat im ostafrikanischen Daressalam in Tansania im Rahmen eines durch die Stadt Hamburg und das BMZ finanzierten Entwicklungsvorhabens die nach eigenen Angaben modernste Kompostieranlage in Subsahara-Afrika geplant und errichtet. Mit seiner Firma Dr. Kölsch Geo-und Umwelttechnik GmbH hat er verschiedene Abfallprojekte mittels Förderung durch EU und KfW Entwicklungsbank durchgeführt, unter anderem in Pakistan, Indonesien, im Nahen Osten und eben in Afrika. „Die Chancen für deutsche Unternehmen sind gut“, sagt Kölsch. „Generell wird deutsche Technik sehr geschätzt, unterliegt aber natürlich dem Preisdruck aus China.“ Er empfiehlt eine frühzeitige Kontaktaufnahme bei Ausschreibungen der Weltbank oder anderen Gebern.

Lokale Partner unerlässlich für Recycling in Afrika

Gefragt sind neben technischen Komponenten auch Beratungsdienstleistungen, Schulungen und das Management von Abfallprojekten. Essenziell für den Geschäftserfolg: ein starker lokaler Partner. Das bestätigt auch Isabell Faller. Sie arbeitet beim thüringischen Unternehmen Polycare, das Baumodule aus Sand oder anderen Materialien, die vor Ort vorhanden sind, herstellt. Innerhalb weniger Tage entsteht so ein komplettes Haus, umweltschonend und mit lokalen Arbeitskräften. Nach Projekten in Namibia soll es nun in vielen weiteren afrikanischen Märkten weitergehen. „Persönliche Kontakte sind ganz wichtig“, sagt Faller. „Entweder über die Teilnahme an Messen oder über die örtliche Auslandshandelskammer. Auch die GIZ war für uns ein wesentlicher Vermittler.“

Eines der Hauptprobleme in Entwicklungs- und Schwellenländern sei die Finanzierungslücke für eine nachhaltige Abfallbewirtschaftung, betont Jana Mandel, Beraterin bei der GIZ. Sie betreut ein Pilotprojekt in Nigeria, das sich mit dem Recycling von Elektroschrott beschäftigt. Darum hat sich nämlich eine lukrative, größtenteils informelle Industrie entwickelt, in der etwa 100.000 Nigerianer tätig sind. „Die umweltgerechte Behandlung von Elektroschrott ist mit Kosten verbunden“, sagt Mandel. „Dies ist vor allem bei rohstoffarmen Elektroschrottfraktionen der Fall, deren Wert noch nicht einmal die Behandlungskosten decken kann. Ohne eine Zusatzfinanzierung können standardkonforme Recycler außerdem nicht mit den kosteneffizienten Praktiken informeller Entsorger mithalten.“ Das Projekt in Nigeria zielt daher darauf ab, das Konzept der Elektroschrottkompensation voranzutreiben. Dabei können internationale Marken und Nutzer elektronischer Geräte zu einer vernünftigen Bewirtschaftung entsprechender Elektroschrottmengen in Ländern ohne funktionierende Rücknahme- und Recyclingsysteme beitragen.

In der Praxis funktioniert das so: Beim Kauf eines neuen Geräts wird die Sammlung und umweltgerechte Verarbeitung eines äquivalenten Geräts finanziert. Der Kompensationsmechanismus soll so lange Management- und Finanzierungslücken schließen, bis ein funktionierendes lokales System zur nachhaltigen Bewirtschaftung von Elektroschrott existiert.

Kaffee finanziert Recyclinganlagen in Afrika

Einen innovativen Ansatz verfolgt das Kölner Start-up Plastic2Beans. In Äthiopien wird von Jahr zu Jahr mehr Kunststoff verarbeitet, es gibt aber kaum Recycling. Da es vor Ort zu wenig Fremdwährung gibt, können Unternehmer vor Ort Know-how und Technik aus dem Ausland nicht in US-Dollar kaufen. Äthiopien hat allerdings wertvollen Kaffee, der auf den Weltmärkten einen stabilen Preis erzielt. „Um das Devisenproblem zu umgehen, kaufen wir vor Ort hochwertigen Kaffee von Kleinbauern in äthiopischen Birr“, sagt Geschäftsführer Kalie Cheng. Dieser wird dann in Deutschland als Bürokaffee an Firmen verkauft. Der Erlös geht direkt in den Wissens- und Technologietransfer, der es recyclingwilligen Unternehmern in Äthiopien ermöglicht, in dringend benötigte Recyclinganlagen zu investieren.

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