Tschüss, Elfenbeinturm!

Deutsche Ökonomen richten den Blick auf Afrika, unter anderem im neuen Wirtschaftswissenschaftlichen Cluster Afrikaforschung. Sie wollen ein realistischeres Bild des Kontinents zeichnen – auch für die Wirtschaft.

August 2022
Autor:  Michael Monnerjahn

Die Forschungsinitiativen wollen eine neue Perspektive auf Afrika vermitteln. © MattGrove/Getty Images

Die Panafrikanische Freihandelszone (AfCFTA) – sie habe mehr Starts absolviert als die NASA kommt aber trotzdem nicht vom Fleck, spottete kürzlich der „Economist“. Was aber bremst den Frei­handel in Afrika? Das will unter anderem Philipp von ­Carlowitz mit seinem Team an der ESB ­Business School in Reutlingen herausfinden.

Carlowitz ist einer der wenigen deutschen Wirtschaftswissenschaftler, die gezielt zu ­Afrika forschen. Gemeinsam mit dem am Kieler ­Institut für Weltwirtschaft (IfW) tätigen Rainer Thiele treibt er das Wirtschaftswissenschaftliche Cluster Afrikaforschung voran. Bundeswirtschafts- und Bundesfinanzministerium (BMWK und BMF) fördern darin Forschung zu Handelsfragen, zu Investitionen und zu den Aktivitäten von Unternehmen in Afrika.

„Das gab es bisher nicht“, sagt Carlowitz, der Professor für Internationales Management ist. Mit seinem Kollegen Simon Züfle befragt er unter anderem Unternehmen zu ihren Vertriebsaktivitäten in Afrika und plant einen Workshop mit ihnen. „Wir wollen die deutsche sowie europäische und auch die afrikanische Perspektive aufzeigen.“

Rainer Thiele vom IfW hat drei Forschungsschwerpunkte: Mit Kollegen untersucht er den Zukunftsmarkt Afrika, analysiert die Investitions- und Handelspolitik und beleuchtet die makroökonomische Entwicklung des Kontinents. „Wir hoffen auf eine weitere Zusammenarbeit mit dem BMWK und BMF“, sagt Thiele zur Gründung des neuen Forschungsclusters.

„Aus Deutschland hatten wir bisher wenig Forschung zu Wirtschaftsthemen in Afrika. Nun haben wir einen guten Auftakt in dem Bereich“, sagt Dorothee Schneider, Referatsleiterin für Subsahara-Afrika im BWMK. Sie ist überzeugt: Der Blick auf Afrika wird sich durch die Forschung verändern. Üblicherweise blickt die ökonomische Forschung nämlich vor allem auf die Sicherheit oder die Politik des afrikanischen Kontinents.

Automobilindustrie mit großen Plänen

Was eine gezielte Wirtschaftsforschung beitragen kann, zeigt der Blick auf die Auto­mobilindustrie: Die Branche habe die Vision, die Anzahl der in Afrika produzierten Autos in den kommenden zehn Jahren von aktuell einer Million auf vier bis sechs Millionen Autos zu steigern, sagt Markus Thill, Vize-Vorsitzender der African Association of Automotive Manufacturers. Für den Automobilzulieferer Robert Bosch verantwortet er das Afrikageschäft – und sagt: „Die Crux ist die Automotive Policy.“

Das Thema Regulierung der Automobil­politik sei hochkomplex, und Europa täte es gut, sich mit Afrika zu beschäftigen, weil das ­ ­einer der Standorte von hoher Relevanz ist, stellt Thill fest. „Afrika hat 50 Prozent der Rohstoffe. Die Wertschöpfung findet jedoch größtenteils außerhalb des Kontinents statt.“ Eine Frage an die Wirtschaftswissenschaft ­laute also: „Wie kann man die Wertschöpfungsketten in Afrika wirklich entwickeln?“

Auch Thomas Schäfer, Vorsitzender der Marke Volkswagen Pkw und Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG, ist überzeugt: „Es bedarf der Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik und Institutionen.“ Dass Unternehmen bei der Umsetzung nachhaltiger Projekte in ­Afrika eher langsam vorankommen, liege unter anderem an den fehlenden Werkzeugen zur Risikominimierung für die Wirtschaft, meint Schäfer. Während seiner Zeit als Leiter des VW-­Geschäfts in Südafrika hatte Schäfer den Aufbau von Produktionsstätten in Ghana, Kenia und Ruanda angestoßen.

IfW-Ökonom Rainer Thiele hofft nun auf weitere Finanzmittel für die Afrikaforschung. „Wir wollen das fortführen, was wir machen“, sagt er. Die Wirtschaftsforschung zu Afrika sei durch das Cluster gewachsen und sichtbarer geworden, die Sicht auf Afrika habe sich jedoch bisher noch nicht überall geändert. „Das Afrika­bild wird noch immer von den Problemen dominiert und weniger von den Möglichkeiten für Unternehmen“, sagt Thiele. Das neue Forschungscluster könnte zu einem neugierigeren Blick auf Afrika beitragen. Und möglicherweise auch zu einem realistischeren.

»Die Zusammenarbeit hat sich verändert.«

Rainer Thiele, Direktor der Africa ­Initiative am Institut für Weltwirtschaft in Kiel, über den Nutzen von Afrikaforschung und seine afrikanischen Partner.

Wo steht die Wirtschaftsforschung zu Afrika heute?

Das Institut für Weltwirtschaft gehört zu den wichtigsten Forschungseinrichtungen, die zu wirtschaftlichen Themen in Afrika forschen. Auch einzelne Lehrstühle forschen zu Wirtschaftsthemen. Es fehlte aber bisher an einer kritischen Masse an Forschern. Jetzt wird die Forschung gebündelt und sichtbarer.

Inwiefern kann die Wirtschaftsforschung dazu beitragen, Investitionen in Afrika zu fördern?

Ich kann nicht versprechen, dass es unmittelbar zu Investitionen in Afrika kommt. Es wird jedoch einiges an mittelbarem Nutzen entstehen. Die Studien zu Ghana und Nigeria untersuchen etwa die Erfolgsbedingungen von mehreren Hundert Unternehmen. Das Wissen darüber kann auch für deutsche Unternehmen spannend sein.

Wie kooperieren Sie mit afrikanischen Institutionen?

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zusammenarbeit deutlich verändert. Vor zwei Jahrzehnten haben die afrikanischen Partner häufig zugeliefert und wenig vom wissenschaftlichen Erfolg profitiert. Inzwischen liefern sie nicht nur die Daten, sondern sind Teil einer kooperativen Forschung. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Forscherinnen und Forscher in Afrika besser ausgebildet sind.

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