Weichenstellungen

Rund 11.000 Kilometer legen Züge zwischen dem chinesischen Chongqing und Duisburg zurück. Seit Ausbruch des Ukrainekrieges fahren Logistiker aber nur noch ungern den direkten Weg über Russland. Die Alternativroute über das Kaspische Meer ist kompliziert – und langwierig.

August 2022
Autorin: Lisa Flatten

Wegen des Ukrainekrieges ist die Route über Russland derzeit kaum ausgelastet, auf der 2021 noch ständig Transporte rollten – wie der voll beladene Zug, der hier im Duisburger Bahnhof einfährt. © picture alliance/dpa/MAXPPP

Das Jahr 2021 war das Jahr der Spitzenwerte. „Wöchentlich verkehrten bis zu 70 Züge zwischen China und Duisburg, jeder mit bis zu 40 Containern beladen“, berichtet Carsten Hinne, Vorstandsmitglied der Duisburger Hafen AG (Duisport). Ein Phänomen, das auch Hendrik Wehlen, Head of Business Development beim Schienenlogistiker VTG, beobachtete: Einschränkungen in der Luftfahrt, coronabedingte Lockdowns chinesischer Häfen sowie die Blockade im Suezkanal machten den Zugverkehr seit 2020 zu einer rentablen Alternative für den Warentransport zwischen China und Europa. „Aufgrund der geringeren Wartezeiten im Vergleich zum Seeverkehr sowie der gleichzeitig sinkenden Kosten stiegen viele Firmen auf die Schienenverbindungen um“, sagt er. Die Strecke war 2021 somit praktisch voll ausgelastet. Die Folge waren Kapazitätsengpässe und Staus. Das führte zu Transitzeiten von bis zu 30 Tagen.

In diesem Jahr stellt sich die Situation jedoch ganz anders dar: Unmittelbar nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine ging die Nachfrage nach Transporten auf dem Schienenweg erheblich zurück. „Wir sehen bei uns am Standort derzeit ein bis zu 50 Prozent geringeres Volumen im Vergleich zu den Spitzenwerten im Jahr 2021“, sagt ­Duisport-Vorstand Hinne. Bei anderen Logistikern fällt der Einbruch mit bis zu 80 Prozent noch drastischer aus. Nach der Luft- und Seefracht, die schon durch die Coronapandemie aus dem Gleichgewicht gerieten, beeinträchtigt der Krieg in der Ukraine nun auch den Zugverkehr. Liefer- und Logistikketten zwischen Europa und Asien werden damit noch störanfälliger.

Ukrainekonflikt beeinflusst Transporte

Zwar wird die Schiene bisher im Unterschied zu allen anderen Transportmitteln nicht sanktioniert – die Züge rollen ungehindert über russisches Gebiet und es gibt kaum Wartezeiten an den Grenzen. Die Strecke ist aktuell in 14 Tagen zu schaffen. Für die Zukunft sind Sanktionen aber auch nicht auszuschließen. Seit Beginn des Krieges verursachen Haftungs- und Versicherungsfragen den Logistikern und ihren Auftraggebern Schwierigkeiten. Logistikunternehmen, wie beispielsweise Maersk, haben ihre Lieferungen über die Schiene deshalb komplett eingestellt. Sie befürchten, dass ihre Waren kurzfristig konfisziert werden könnten, wenn der Westen weitere Sanktionen gegen Russland verhängt. Branchenkenner wie Hinne und Wehlen rechnen jedoch mit einem erneuten Anziehen der Nachfrage nach Schienentransporten in den kommenden Monaten.

Der Grund für ihre Zuversicht: Auch mit anderen Transportmitteln können Unternehmen die Route Europa–Asien nicht ohne Weiteres zurücklegen. So stören zum Beispiel Luftraumsperrungen den regulären Flugverkehr. Hinzu kommt, dass etwa elf Prozent aller weltweit verschifften Waren im Stau stehen. Allein die rigorosen Einschränkungen, die die chinesische Null-Covid-Politik im Frühjahr 2022 mit sich brachte, führten dazu, dass zwischenzeitlich mehrere Hundert Schiffe vor dem Shanghaier Hafen auf Abfertigung warteten. Dieser ist weltweit der wichtigste Partner deutscher Seehäfen im Containerverkehr. Die Auswirkungen des Lockdowns sind auch in Deutschland spürbar. „Schon jetzt trägt die Logistik mit etwa 20 Prozent zu den Produktionskosten in der deutschen Industrie bei“, sagt Wehlen. Viele Unternehmen verlagern ihr Schienenvolumen nun zusätzlich auf die See- oder Luftfracht. Mit einer Entspannung an der Preisfront ist deshalb nicht zu rechnen.

Eisernes Netz: Wichtige Strecken des Frachtzugnetzes zwischen China und Europa: Als Alternative (rot) soll jetzt der Umweg über das Kaspische Meer dienen.

Unternehmen testen alternative Route

Logistikexperten sehen aber auch einen kleinen Hoffnungsträger: die Trans-Caspian International Transport Route, auch Middle Corridor genannt. Auf diesem Weg können Unternehmen Waren multimodal per Schiff über das Kaspische sowie über das Schwarze Meer und auf dem Landweg per Schiene transportieren. Mehrere Testzüge laufen bereits, darunter auch von Duisport. Mit teils mehr als 55 Tagen Transitdauer und Kosten von mehr als 12.000 US-Dollar pro Container schätzen Logistiker wie Wehlen die Strecke in naher Zukunft aber nicht als rentabel ein.

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