Appetit auf Umsatz?

Die Lebensmittelverarbeitung hat in Afrika Potenzial, doch deutsche Unternehmen stehen bisher im Hintergrund. Es gibt sie aber, die Leuchtturmprojekte erfolgreicher deutscher Lebensmittelverarbeiter auf dem Kontinent. Wie sie vor Ort Fuß fassen.

Mai 2021
Autorin: Samira Akrach

Mit Sonne Lebensmittel kühlen? Im großen Maßstab? Wie das geht, zeigt das Berliner Unternehmen Solar Cooling Technologies. Es steht kurz vor dem ersten Auftrag für ein Kühlsystem in Ghana. Die solarbetriebenen Kühlungsanlagen der Deutschen kommen vor allem in der Lebensmittellogistik und -produktion zum Einsatz.

Für Ghana hat sich Geschäftsführer Arnd Pietrzak entschieden, weil es als Sprungbrett in die Region dienen kann. „Es entwickeln sich aktuell einige Infrastrukturprojekte in Westafrika zum Aufbau von lokalen Kühlketten“, sagt Pietrzak. „Unser Ziel ist es, diese aus Ghana heraus zu bedienen.“ Dass in Ghana zudem die Sonne viel und stark scheint und die Stromkosten gleichzeitig relativ nah am internationalen Durchschnitt sind – für Pietrzak einfach weitere Pluspunkte.

Dezentral kühlen mit Sonnenkraft

Branche: Kühlsysteme

Steckbrief: Gegründet vom deutschen Solartechnikexperten Arnd ­Pietrzak, produziert das Unternehmen aus Berlin seit dem Jahr 2017 solarbetriebene Kühllösungen, vor allem für Subsahara-Afrika. Das Prinzip: Wenn die Sonne brennt, erzeugen sie Kälte.

© Solar Cooling Technologies

Eine neue Mittelschicht entsteht

Der Vorteil der Solar-Cooling-Anlagen: Sie arbeiten unabhängig vom Netz. Überschüssige Kälte lässt sich über Nacht speichern. Das macht das System ideal für ländliche Regionen mit schwacher Infrastruktur. Auch bei häufigen Stromausfällen, wie sie beispielsweise in Nigeria an der Tagesordnung sind, ist die Technologie Gold wert.

Derartige Lösungen für die Lebensmittelverarbeitung in Afrika haben Wachstumspotenzial. In den Mittelschichten vieler Städte Afrikas entsteht derzeit ein neuer Verbrauchertypus, sagt der Unternehmensberater Goodluck Obi von KPMG Professional Services: digital affin, auf Hygiene und Sicherheit bedacht, aber gleichzeitig preisbewusst. Das Qualitätsbewusstsein wächst, auch Biolebensmittel erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Das Onlinegeschäft legt zu, auch bedingt durch die Coronakrise.

15 %

der Maschinen in Ghana stammen aus Europa, 36,7 Prozent dagegen aus der Region Mittlerer Osten/Asien.

21

von 33 Unternehmen, die die AHK Ghana befragt hat, geben an, dass Effizienzsteigerung ein wichtiger Grund für Investitionen in die Lebensmittelverarbeitung vor Ort sei.

161 %

beträgt zuletzt der Anstieg der Umsätze mit Backartikeln in Äthiopien, zu denen auch Haferflocken gehören.

Quellen: AHK Ghana, Befragung 2019; Central Statistical Agency (CSA) Äthiopien

Bedarf besteht in der afrikanischen Lebensmittelverarbeitung überall: bei Verarbeitungsmaschinen, Dienstleistungen, in der Lagerung und insbesondere bei Kühlsystemen, in der Logistik, bei Verpackungen und beim Thema Recycling. Auch Anbieter von Labor- und Zertifizierungsleistungen sind gefragt.

Geschäftschancen ergeben sich schon ganz am Anfang der Wertschöpfungskette: in der Landwirtschaft. Landwirtschaftliche Erzeugnisse wie Kakao, Baumwolle und Nüsse werden nur in geringen Mengen lokal verarbeitet, der Löwenanteil geht ins Ausland. Die Regierungen haben sich lange kaum darum gekümmert, eine eigene Industrie vor Ort aufzubauen. Doch das ändert sich gerade. In vielen Ländern herrscht ein großer Reformwille. Regierungen versuchen, die Wirtschaft zu diversifizieren, wollen die Abhängigkeit von Importen und Rohstoffen durch mehr lokale Produktion verringern.

Schokolade vom Kakaokontinent

Branche: Süßwaren (Schokolade)

Mitarbeiter: 54 direkte Mitarbeiter in Ghana, 861 Landwirte

Steckbrief: Seit 2016 produziert das Unternehmen mit lokalen Partnern die erste Schokolade aus Westafrika, die in europäischen Lebensmittelgeschäften zu finden ist. So will das Unternehmen lokale Wertschöpfungsketten unterstützen.

© Fairafric

Nachfrage steigt in ganz Afrika

Nicht nur die Region Westafrika entwickelt sich dynamisch, allein Nigeria hat mittlerweile mehr als 200 Millionen Einwohner. Die Bevölkerung wächst überall auf dem Kontinent, entsprechend steigt der Nahrungsmittel­bedarf. Viele Regierungen haben das Problem erkannt und Förderprogramme für die Landwirtschaft aufgelegt, Investitionen steigen. Deutsche ­Maschinenbauer sollten vor allem die westafrikanischen Staaten Ghana, Nigeria, Senegal und Côte d’Ivoire sowie Äthiopien in Ostafrika in den Blick nehmen. Denn dort entwickelt sich die Nahrungsmittelindustrie besonders schnell.

Noch ein Beispiel aus Ghana: Der deutsch-ghanaische Schokoladenhersteller Fairafric stellt Schokolade mit sozialer Wirkung her. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, Rohstoffe lokal weiterzuverarbeiten und die Wertschöpfung so weit wie möglich nach ­Afrika zu verlagern. Immerhin stammen laut Unternehmensangaben 70 Prozent des weltweiten Kakaos aus Westafrika (Côte d’Ivoire und Ghana), aber nur weniger als ein Prozent der weltweiten Schokolade. Gegründet 2016 als Idee auf der Crowd­funding-Plattform Kickstarter, stellt Fairafric mittlerweile 40.000 Tafeln Schokolade am Tag her. Das Ziel ist eine mindestens 70-prozentige Exportquote.

Anfang 2020 begann dafür der Bau der ersten eigenen solarbetriebenen Fabrik im Kakaoanbaugebiet Suhum. Trotz Corona-Lockdowns und der damit verbundenen Lieferschwierigkeiten war die Fabrik in nur neun Monaten fertig. Gründer und CEO Hendrik Reimers hat dazu viele steuerliche Vorteile genutzt, denn Fairafric genießt den Status eines Free-Zones-Unternehmens in Ghana. „Trotz Pandemie ist es uns gelungen, im Dezember 2020 den ersten Container mit Bioschokolade aus unserer neuen Fabrik zu verschiffen“, sagt Reimers stolz.

Trendfood statt Tierfutter: Nutri-Dense

Branche: Getreideprodukt (Haferflocken)

Steckbrief: Im Keller ihres Hauses in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba hat Alem Greiling die ersten Haferflocken 2016 produziert und will jetzt in die Großfertigung einsteigen. Der Markt für Produkte aus Hafer wächst in Äthiopien.

© Nutri-Dense

Äthiopien fördert Gewerbegebiete

In Ostafrika hat sich Äthiopien in den vergangenen Jahren zum größten Markt für Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen entwickelt. Das Land fährt eine ehrgeizige Strategie der Industrialisierung und setzt auf sogenannte agroindustrielle Parks. Dort sollen private Investoren Fabriken bauen und all das produzieren, was ihnen schon heute oft aus den Händen gerissen wird – Haferflocken zum Beispiel.

Seit 2016 stellt die Afrikanerin Alem Greiling das ziemlich deutsche Produkt in mühsamer Handarbeit her – im Keller ihres Hauses in der Hauptstadt Addis Abeba. Die Minimaschinen dafür hat sie aus Deutschland mitgebracht. Mit einem umgewandelten Obstentsafter dämpft sie den Hafer, verarbeitet ihn dann mit einem Spezialgerät zu Flocken weiter. Pro Monat stellt sie so 400 Kilogramm Hafer­flocken her und verkauft sie an drei Supermärkte. Mit ihrem deutschen Ehemann hat sie nun eine Fabrik für die Ausweitung der bisher sehr kleinen Produktion gebaut, die 600 Kilo schaffen soll – am Tag. Was der Fabrik noch fehlt, sind die Maschinen. Die eine Million Euro, die eine komplette Linie in Deutschland kosten würde, bekommt Greilings Firma Nutri-Dense bislang jedoch nicht finanziert.

Der Markt ist riesig, versichert Greiling. Ihre Haferflocken sind bei Ausländern und Äthiopiern gleichermaßen beliebt. In Äthiopien gilt Hafer normalerweise als Unkraut und dient als Tierfutter. Wächst er zum Beispiel beim Weizen mit, wird er aussortiert und weggeworfen. Bisher ist Greiling die einzige Anbieterin, Unterstützung für ihre Fabrik bekommt sie kaum. „Die Bürokratie, der Mangel an Devisen“, sagt sie. „Dass ich eine Frau bin, macht die Sache auch nicht einfacher.“

Service & Kontakt