Auf Kuschelkurs

Chinas Heimtiermarkt hat sich zu einem boomenden Sektor entwickelt. Viele Chinesen kaufen Hunde und Katzen als Kinderersatz – und verwöhnen ihre Vierbeiner nach Strich und Faden. Für Pharmafirmen, Tierausstatter und Futterproduzenten ist das eine Goldgrube.

August 2020
Autorin: Stefanie Schmitt

Der Großstadtdschungel ist anstrengend: Wer in Beijing mal eine Pause braucht und Ruhe sucht, kann Hunde der Rasse Shiba Inu in einem Café streicheln.  © picture alliance/dpa

Fast jeder, der schon einmal nach China gereist ist, bekommt diesen Satz auf die ein oder andere Art zu hören: „In China essen sie doch Hunde. Pass bloß auf, dass dir kein Hundefleisch ins Essen gemischt wird.“ Was viele nicht wissen: Hundefleisch ist eine teure Spezialität – und kommt deshalb vergleichsweise selten auf den Teller. Während die Menschen im Nordosten des Landes und in bestimmten südlichen Landesteilen wie Guangxi gern Hunde­fleisch verzehren, ist es für die meisten Chinesen eine eher exotische Speise.

Das Reich der Mitte hat sich dagegen regelrecht zu einem Land der Hunde- und Katzenhalter entwickelt. Dabei ist China traditionell eigentlich eher ein Land der Fisch- und Vogelliebhaber. Nach wie vor stellen Fische mit fast 190 Millionen Exemplaren den Hauptbestand chinesischer Heimtiere. Doch Hunde und Katzen holen auf: Wie das Marktforschungsinstitut Euromonitor ermittelte, gab es im Jahr 2018 in China erstmals mehr Hunde und Katzen als in den USA. China steht damit nun an der Weltspitze. Bis zum Jahr 2024 sollen es sogar 248 Millionen sein – das wäre ein Achtel des Weltmarktes.

Tiere als Kinderersatz

Vor allem in den Städten gibt es immer mehr tierische Begleiter: Laut der chinesi­schen Heimtierinformationsplattform Goumin besaßen 2019 rund 99 Millionen der städtischen Haushalte Hunde oder Katzen – und damit dreimal so viele wie noch fünf Jahre zuvor. „Das liegt vor allem an der alternden Gesellschaft und der geringen Zahl von Kindern“, meint Liu Xiaoxia, Geschäftsführer von ­Goumin. Auch ein Verkäufer in der ­Beijinger Tierhandlung Xiao Tong Meng Chong be­stätigt, dass viele Kunden Tiere als Kinderersatz kaufen.

Und denen soll es an nichts fehlen: Neben einer breiten Auswahl an Futter, Kleidung, Körbchen und Leinen bieten einige Tierhandlungen in der Hauptstadt auch Beauty- und Spa-Bereiche für die geliebten Vierbeiner an. Dort können die Herrchen wählen zwischen japanischem Sprudelbad von Pet Esthé und Badesalz direkt aus Frankreich, Föhnfrisur nach dem Bad inklusive. Es gibt sogar Geburtstagstorten für Hunde und Katzen, gebacken von Spitzenkonditoren und natürlich ohne künstliche Zusatzstoffe. Die hauptsächlich aus Kartoffelbrei bestehenden und für den Wechat-Post reich dekorierten Meisterwerke sind für rund 55 US-Dollar zu haben.

Auch sonst lassen sich Chinesen ihre neue Leidenschaft eine Menge kosten. ­Goumin ermittelte ein Marktvolumen von 29,3 Milliarden US-Dollar. Das entspricht fast einer Verdopplung in lediglich fünf Jahren. Mit 61 Prozent entfällt das Gros der Ausgaben auf Tierfutter gefolgt von Heimtierartikeln, medizinischen Behandlungen sowie Tiermedizin und Körperpflege. ­ siehe „Der Heimtiermarkt“, Seite 45 Besonders gut im Geschäft bei Tierfutter sind Mars und Nestlé. Zu zweit decken sie, beide mit eigener Produktion vor Ort, mehr als die Hälfte des Marktes ab. Unter den chinesischen Wettbewerbern spielen lediglich Nature Bridge und Gambol Pet eine größere Rolle.

Zahlen & Fakten

35 %

Marktanteil in China hat US-Heimtierfuttermittelhersteller Mars (Royal Canin, Pedigree, Whiskas).

29,3

Milliarden US-Dollar beträgt umgerechnet das Marktvolumen im Segment Hunde und Katzen im Reich der Mitte.

Quelle: Zahlen für 2019, www.goumin.com

Gesundheitsmarkt zieht an

Angesichts seiner Vielfalt und Dynamik ist der chinesische Heimtiermarkt heiß umkämpft. Auf der Heimtiermesse Pet Fair Asia in Shanghai, die neben Modenschauen auch Massagekurse für Tierbesitzer anbietet, zeigten im vergangenen Jahr fast 1.600 Aussteller aus dem In- und Ausland ihre Produkte.

Auch die Pharmaindustrie verdient kräftig an den Heimtieren. „Für uns dürfte der Absatz im Heimtiersegment im kommenden Jahr denjenigen im Bereich Schweinezucht/-mast überflügeln“, sagt ein deutscher Firmenvertreter. „Und dies im Land mit der weltweit größten Schweinepopulation.“ Wichtige Player im Reich der Mitte sind insbesondere Boehringer Ingelheim als weltweiter Marktführer und Bayer Animal Health.

Nach Informationen der Beijing Small Animal Veterinary Association gibt es in China gegenwärtig rund 12.000 Tierkliniken. Zwar spezialisieren sich immer mehr Tiermedizinstudenten auf Heimtiere, doch der Bedarf ist noch längst nicht gedeckt: Um die Gesundheitslücke zu schließen, müssten es Schätzungen zufolge mindestens 15.000 Tierkliniken sein.

Auch der Tod des geliebten Tiers wird zum Geschäft. Für trauernde Herrchen und Frauchen gibt es in Chinas Großstädten würdevolle Bestattungen mit Musik und einer Zeremonie. Die Urne mit den sterblichen Überresten kann man mit nach Hause nehmen. Landesweit soll es laut chinesischen Medien schätzungsweise 100 Tierkrematorien geben. Doch auch diese Zahl gilt als viel zu klein. Sie könnte durchaus das Zehnfache betragen; allein in Beijing gibt es mindestens drei.

»Keine artgerechte Haltung«

Interview mit Daniel Laino, Veterinär in der Tierklinik Drs. Beck & Stone, Beijing

In China halten immer mehr Menschen Haustiere. Wo liegen die Probleme?

Es fehlt sehr häufig noch das Verständnis für das Verhalten und die Bedürfnisse der Tiere. Oder haben Sie schon einmal in Europa Hundehalter gesehen, die ihren Hund im Kleidchen im Kinderwagen spazieren schieben? Das liegt unter anderem daran, dass sich der kommerzielle Aspekt der Tierhaltung viel schneller entwickelt hat, als das Wissen über das Tier. Ich bin mir jedoch sicher, dass sich beide Kurven einander annähern werden.

Welche Chancen sehen Sie konkret für ausländische Firmen, am Heimtierboom in China zu partizipieren?

Ich sehe ein sehr großes Potenzial für professionell geführte Tierkliniken mit ausländischen oder im Ausland ausgebildeten Veterinären. Tierärzte, die in Europa oder den USA ausgebildet sind, pflegen einen ganz anderen Umgang mit dem Tier. Obwohl ich kein Wort Chinesisch spreche, kommen heute viel mehr chinesische Tierhalter zu mir als noch vor ein paar Jahren. Sie vertrauen mir ihr Tier an, weil sie sehen, wie anders ich mit ihm spreche und wie ich es anfasse. Darüber hinaus ist es selbst in Beijing nicht einfach, einen Tierarzt zu finden, der für China exotische Tiere wie Meerschweinchen, Frettchen, Schildkröten oder Chinchillas behandelt. Investoren aus dem Ausland könnten hier eine Lücke füllen.

Wie wird sich der chinesische Heimtiermarkt langfristig entwickeln?

Es wird sicher noch eine Generation dauern, bis Heimtiere in China ihren adäquaten Platz in den Familien gefunden haben – als Tier und nicht als Puppe. Aber ich bin zuversichtlich, dass es geschieht, und ich freue ich mich über jeden, der zunächst zu mir in die Praxis kommt, um sich über tierfreundliche Haltung zu erkundigen, bevor er sich ein Tier anschafft. Noch viel zu oft erfolgt die Entscheidung für ein bestimmtes Tier aus rein ästhetischen Gründen. Viele Halter baden ihren Hund lieber einmal in der Woche oder bringen ihn zum Schönheitsstudio, als ihn einmal im Jahr in einer Tierklinik untersuchen zu lassen. Das ist weniger eine Frage des Geldes als eine Frage der Einstellung. Doch das wird sich ändern. Die Tierhaltung wird selbstverständlicher und professioneller werden.

Doppelt hält besser

In seltenen Fällen lassen sich betuchte Besitzer ihren Schatz klonen. Der erste chinesische Klonhund kam 2017 durch die in Beijing ansässige Biotechfirma Sinogene zur Welt, die erste Katze 2019. Umgerechnet etwa 55.000 US-Dollar kostet es, seinen Hund wieder zum Leben erwecken zu lassen, bei Katzen sind es 40.000 US-Dollar. Eines der ersten Unternehmen in diesem Bereich ist das chinesisch-koreanische Joint Venture Boyalife-Sooam in Tianjin, das auch auf internationale Kunden ausgerichtet ist.

Vorbei sind also die Zeiten, in der Hunde in China vor allem auf den Teller kamen. Das Landwirtschaftsministerium reagiert auf die Entwicklung mit einer Revision des Nutztierkataloges. Der im April 2020 vorgestellte Entwurf enthält in der Liste der als Fleischlieferanten handelbaren Tiere unter anderem Schweine, Rinder, Hühner, Schafe, Ziegen und Kamele, jedoch keine Hunde und Katzen mehr. Wie das Ministerium erklärt, zeige dies den Fortschritt der menschlichen Zivilisation sowie die öffentliche Sorge für den Tierschutz. Speziell Hunde würden immer mehr als Gefährten des Menschen gesehen. Ein Verbot für den Verzehr von Hundefleisch ist die neue Kategorisierung allerdings nicht.

Tierschutz lässt zu wünschen übrig

Dessen ungeachtet liegt in China in puncto Tierschutz vieles im Argen. Häufig fehlt das Verständnis für die Bedürfnisse von Tieren. Das zeigt allein schon die Wortwahl: Tier heißt auf Chinesisch nämlich Dong Wu – wörtlich: sich bewegender Gegenstand.

Es ist noch ein weiter Weg, bis Rassehunde nicht mehr in engen Glaskästen unter ohrenbetäubender Musikbeschallung auf Käufer warten, bis Kinder keine Kaninchen mehr mit einem Strick um den Bauch durch Einkaufszentren zerren oder bis keine auf der Roten Liste stehenden Tiere wie chinesische Riesensalamander in sogenannten Spezialitätenrestaurants lebend zum Verzehr angeboten werden.

Zu einem wachsenden Problem werden überdies die zahlreichen von ihren Besitzern ausgesetzten Tiere. Dabei fehlt bei vielen der Blick fürs Wesentliche: Was Tiere wirklich brauchen, sind keine Torten und Spa-Besuche, sondern eine artgerechte Haltung.

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