Ausgeflittert?

Das südchinesische Shenzhen gilt als Hightechmetropole, die Weltkonzerne Huawei und Tencent haben von dort aus ihren Siegeszug angetreten. Nach vier Jahrzehnten des Booms steht die Sonderwirtschaftszone nun vor ungewohnten Problemen.

Dezember 2020
Autor: Roland Rohde

Das Tor zur Welt: Hongkongs Nachbar Shenzhen galt einst als Hightechmekka. Nun sorgt Chinas restriktive Politik für Unmut und gefährdet die Wirtschaftskraft der Stadt. © picture alliance/Wm/HPIC/dpa

Kaum eine Stadt symbolisiert den ökonomischen Aufstieg Chinas, aber auch dessen gegenwärtige Probleme, besser als Shenzhen. Die Stadt feiert 2020 ihren 40. Geburtstag als Sonderwirtschaftszone und versteht sich selbstbewusst als die Hightechmetropole der Volksrepublik. Das Pro-Kopf-Einkommen der rund 13 Millionen Einwohner liegt inzwischen auf dem Niveau Südkoreas. Und: Dank Weltkonzernen wie Huawei, Tencent und BYD exportiert Shenzhen wesentlich mehr Waren als das riesige Inselreich Indonesien.

Auch in Sachen Technologie, Mobilität und Innovation machen Shenzhen nur wenige Konkurrenz. Dank der Initiative von Huawei und Co. hat sich die Metropole zu einer veritablen Smart City entwickelt. Busse und Taxis fahren seit Jahren nur noch elektrisch. Der Bargeldzahlungsverkehr geht dank Apps wie Wechat langsam, aber sicher seinem Ende entgegen. Die Start-up-Szene floriert, sodass die deutsche Auslandshandelskammer (AHK) im Jahr 2018 sogar einen Innovationshub vor Ort eröffnete – in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Dort können sich deutsche Gründer niederlassen und Unterstützung erhalten, etwa bei der Markterschließung oder Prototypentwicklung. Auf den regelmäßigen Innovation Nights der AHK können sie ihre Ideen vorstellen und wichtige Kontakte knüpfen.

Zwei Seiten der Medaille

Über Shenzhen wurde zum Geburtstag viel veröffentlicht. Der deutsche Journalist Wolfgang Hirn betitelt sein 2020 erschienenes Buch ­überschwänglich „Shenzhen: Die Weltwirtschaft von morgen“. Es scheint in einer Zeit recherchiert und geschrieben zu sein, als die Bäume in der Megacity noch in den Himmel wuchsen. Tatsächlich befindet sich Shenzhen gerade in einer Art Midlife-Crisis. Die Gründe dafür: Im Ausland sind die Bedenken gegenüber China in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Das bekommen die Unternehmen in Shenzhen, allen voran Huawei, schmerzlich zu spüren. Viele Industrieländer wollen nicht mehr, dass ihnen der chinesische Konzern beim Aufbau von Mobilfunknetzen der fünften Generation (5G) hilft.

Lediglich in Entwicklungs- und Schwellenstaaten sind die Chinesen noch willkommen. Doch auch dort wendet sich das Blatt teilweise. Indien beispielsweise lieferte sich Mitte des Jahres mit der Volksrepublik einige Grenzscharmützel. Daraufhin verbot Neu-Delhi zahlreiche Apps und Spiele chinesischer Anbieter.

Auch der Handelskonflikt mit den USA kocht immer wieder hoch. So verfügten die Vereinigten Staaten im Spätsommer, dass chinesische Firmen nicht mehr mit Halbleitern (siehe Beitrag „Präzisionswerkzeuge“) beliefert werden dürfen, die mit US-Technik entwickelt beziehungsweise hergestellt wurden. In Folge des faktisch globalen Boykotts können Huawei oder Xiaomi ihre neuesten Smartphone-Modelle nicht mehr produzieren.

Der chinesische Präsident Xi Jinping rief im Sommer dazu auf, dass das Land seine Anstrengungen zur Autarkie nochmals verstärken müsse. Die einheimischen Unternehmen sollten sich mehr auf die Bearbeitung des inländischen Marktes konzentrieren, staatliche Firmen wieder eine größere Rolle innerhalb der Wirtschaft spielen. Zugleich verstärkt der Staat weiter die Kontrolle über den privaten Sektor (siehe Marktprognose China). Parteifunktionäre werden schon seit geraumer Zeit in die Aufsichts- und Führungsgremien von Privatunternehmen geschickt. Dem sozialen Punktesystem, das landesweit Wohlverhalten belohnt beziehungsweise Nichtkonformität bestraft, müssen sich auch Firmen unterwerfen.

Chinas res­triktive Maßnahmen hemmen den Fortschritt. Doch die Vorgaben aus Beijing sind fern für die Start-ups.

Für den technischen Fortschritt sind solche Maßnahmen eher kontraproduktiv. Das wusste bereits der Begründer der Innovationstheorie, der österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter. Ihm zufolge brauchen Innovationen ein freiheitliches Umfeld und eine hohe Fehlertoleranz. Forscher müssen auch einmal in die falsche Richtung gehen dürfen. In China passiert das Gegenteil: In den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen wächst der Druck, endlich marktfähige Lösungen zu präsentieren.

Hohe Berge, ferner Kaiser

Was bedeutet das für Shenzhen? Wahrscheinlich scheren sich Start-ups ohnehin nicht viel um die Vorgaben aus dem fernen Beijing. Im Süden gilt traditionell „Die Berge sind hoch, der Kaiser weit“. Huawei oder Tencent können sich eine solche Einstellung aufgrund ihrer Größe allerdings nicht leisten.

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