Nordische Komplettlösung

Die Elektrifizierung ist weltweit auf dem Vormarsch. Entsprechend groß fällt die Nachfrage nach Batterien aus. Norwegen, Schweden und Finnland wollen künftig Produktionsstandort Nummer eins in Europa sein. Die Voraussetzungen sind gut.

Oktober 2022
Autoren: Niklas Becker und Michal Wozniak

Skandinavien stillt Europas Energiehunger: In Norwegen, Schweden und Finnland existieren zahlreiche Produktionen für Batterien – oder sind in Planung. Sie sollen Europas Abhängigkeit von Öl- und Batterieimporten verringern. © Kammann Rossi

Die Produktion einer Batterie beginnt mit dem Abbau von Rohstoffen wie Grafit, Nickel, Kobalt, Mangan oder Lithium. Diese Mineralien werden zu einer Paste verarbeitet und auf Alufolie (Kathode) beziehungsweise Kupferfolie (Anode) aufgetragen. Die Folien werden getrocknet, in einem Walzwerk unter 200 Tonnen Druck verdichtet und in kleinere Stücke zurechtgeschnitten. Moderne Roboter stapeln die Stücke und verschweißen die einzelnen Lagen mithilfe von Lasern. Nach dem wasserdichten Verpacken in sogenannten Pouches wird der Batterie im Vakuum ihr Lebenssaft eingespritzt: das stromleitende Elektrolyt.

Überstehen die Pouches die erste Testladung und die Qualitätskontrolle, werden sie zu Modulen verbunden. Aus diesen entstehen dann Batteriepacks, die im Fahrzeugboden eines Elektroautos, auf dem Unterdeck eines Schiffes oder als Speichersystem im heimischen Keller landen.

Massiver Ausbau notwendig

Die Produktion von Batterien gewinnt weltweit an Systemrelevanz. „In den kommenden zehn Jahren müssen wir die Produktionskapazitäten von 25 auf 500 Gigawattstunden massiv steigern“, sagt zum Beispiel Claes Winzell, Leiter einer Batterieinitiative des schwedischen Forschungsinstituts Rise. Gleichzeitig gilt es, die Abhängigkeit von Lieferanten zu vermeiden.

Als Wegbereiter, damit Europa diese Ziele erreichen kann, sehen sich die skandinavischen Länder. Sie seien der ideale Produktionsstandort. Und tatsächlich: In der letzten Ausgabe seines Global Lithium-Ion Battery-Supply Chain Rankings platzierte das Marktforschungsinstitut Bloomberg NEF Schweden auf Rang vier der aussichtsreichsten Produktionsländer – hinter China, den USA und Deutschland. Nach Kanada folgten Finnland und Norwegen auf Rang sechs und sieben.

Die Stärke des nordischen Raums liegt vor allem in der grünen Energie, einem wichtigen Standortfaktor, wenn es um die Produktion von Batterien geht. Zwar generierte Finnland 2020 mit rund 40 Prozent etwa genauso viel seines Stromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen wie Deutschland und die EU. Schweden kam aber auf 74 Prozent. Norwegen produzierte sogar mehr grüne Elektrizität, als das Land verbrauchen konnte. Finnland und Schweden verfügen zudem über verhältnismäßig große Kernkraftkapazitäten – und damit im Sinne der Brüsseler Taxonomie über weitere grüne Energiequellen.

Die guten Voraussetzungen locken zahlreiche Investoren in den Norden Europas: „Schweden und ganz Skandinavien haben die umweltfreundlichste und kostengünstigste Energie sowie eine gute Produktionsbasis“, sagt zum Beispiel Leia Deng, European Key Account Manager von Senior. Das chinesische Unternehmen siedelte im schwedischen Eskilstuna sein erstes europäisches Werk an. Es beliefert Batteriehersteller mit Hochleistungs-Nassprozess-Basisfolien, Keramik- und Polymer-Oberflächenbeschichtungstechnologien sowie Lithium-Ionen-Separatoren.

Der gute Zugang zu Energie und vor allem zu Nutzwasser überzeugte auch Northvolt. Das 2016 gegründete schwedische Unternehmen wurde im Mai 2022 zum ersten kommerziellen europäischen Batterielieferanten für die ­Automobilbranche. Nach Northvolt Ett (schwedisch für eins) kündigte man bereits zwei ­weitere Werke in Schweden an. Zusammen mit Volvo Cars will Northvolt ab 2023 in Göteborg eine Anlage für Batteriezellen bauen, die langfristig eine jährliche Produktionskapazität von 50 Gigawattstunden erreichen soll. In Borlänge übernahm Northvolt ein Werk des finnischen Forstbetriebs Stora Enso und will 2024 die erste Etappe des Umbaus abschließen. Dann stellt Northvolt dort Batteriezellen und Kathodenmaterial für Akkus mit bis zu 100 Gigawattstunden Leistung jährlich her. Bei diesem Projekt profitieren die Schweden nicht nur von dem bereits erschlossenen Grundstück, sondern setzen vor allem auch auf die Arbeitskraft der bisherigen Stora-Enso-Mitarbeiter.

Ein wichtiger Vorteil, denn der Kampf um qualifizierte Fachkräfte zur Produktion von Batterien ist weltweit in vollem Gange. In seinem ersten Werk in Skellefteå beschäftigt Northvolt bereits mehr als 1.000 Mitarbeiter – und stellt laut CEO Peter Carlsson monatlich 150 Personen neu ein. Der Bedarf ist enorm, wie auch Odne Stokke Burheim, Professor für Energie- und Verfahrenstechnik an der Norwegischen Wissenschafts- und Technologieuniversität in Trondheim, gegenüber der Tageszeitung „Stavanger Aftenblad“ prognostizierte: „Norwegen wird bis zum Jahr 2025 etwa 1.500 bis 2.000 zusätzliche Ingenieure auf diesem Gebiet benötigen und bis 2030 wahrscheinlich dreimal so viele.“

» Für eine effiziente Batterieproduktion sind eine verlässliche, im Idealfall nachhaltige Stromversorgung, genügend Fachkräfte sowie ausreichende Flächenverfügbarkeit die wichtigsten Standortkriterien.«

Stefan Di Bitonto, Deputy Director im Bereich Mechanik & Elektronik des Investteams der
Germany Trade & Invest

Talentsuche forcieren

Um ausreichend Mitarbeiter zu gewinnen, beschreiten Unternehmen und Selbstverwaltungen neue Wege. In Nordschweden etwa verbündeten sich mehrere Firmen zur T25-Initiative. Deren Ziel ist es, bis 2027 etwa 25.000 neue Talente für Industrieunternehmen, Sub- und Bauunternehmen in den nördlichen Regionen Västerbotten und Norrbotten zu gewinnen. Damit sich potenzielle Kandidaten nicht nur bewerben, sondern ihre Stelle auch antreten wollen, bauen die zuständigen Selbstverwaltungen aus. Drei Beispiele: Die Gemeinde Skellefteå hat angesichts des Zustroms von Northvolt-Mitarbeitern ihre Wohnungsbaupläne auf bis zu 900 Einheiten jährlich verdreifacht. „Die Herausforderung besteht darin, dass die prognostizierten Wachstumszahlen ständig nach oben korrigiert werden. Northvolt beschäftigt mehr Mitarbeiter als zuvor angegeben“, sagt Anja Palm, verantwortlich für die Unternehmensunterstützung im dortigen Business Office.

Um für die richtigen Voraussetzungen zur Entwicklung der Batteriefabrik von Morrow Batteries zu unterstützen, baut die Gemeinde Arendal nicht nur mehr Häuser, sondern versucht auch, ein „geeignetes Mietmodell für ausländische Fachkräfte zu entwickeln“, berichtet Kåre Andersen von der dortigen Wirtschaftsförderung. Wo, wie in Göteborg, die Wohnsituation besser ist, wird bereits weitergedacht. „Das internationale Haus soll als Plattform ausländische Talente anziehen und bei der Integration ihrer Familien helfen“, erklärt Joel Görsch, Investitionsberater bei Business Region Göteborg.

So viel kommunales Engagement wird von den Unternehmen gelobt. „Die Region verfügt über viel industrielles Know-how und gute Bildungseinrichtungen in relevanten Bereichen“, sagt zum Beispiel Steinar Lea, operativer Chef von Beyonder. Seine Firma will in ihrem Werk im norwegischen Stavanger die Akkuproduktion revolutionieren, wenn Sägespäne künftig Kobalt und Nickel ersetzen. Dieses und viele weitere innovative Projekte können in Norwegen von einem knapp sechs Milliarden Euro großen Fördertopf profitieren. Der Green Industrial Boost hält für sie bis Ende 2025 finanzielle Unterstützung in Form von Kreditgarantien, Vorzugskrediten oder Forschungszuschüssen bereit. Wie viel Kapital am Ende tatsächlich in Batterieprojekte fließt, hängt laut Handels- und Industrieminister Jan Christian Vestre von der Investitionsbereitschaft und der Innovationskraft der Antrag stellenden Unternehmen ab.

Aus alt mach neu

Im Sinne der Kreislaufwirtschaft wird im Norden Europas auch an der Wiederverarbeitung alter Batterien gearbeitet. Eines der fortgeschritteneren Projekte in Finnland verwirklicht der staatliche Energiekonzern Fortum: Die in Harjavalta gebaute hydrometallurgische Anlage soll im Herbst 2022 in die Testphase gehen und Anfang 2023 betriebsbereit sein.

Bereits seit Mai 2022 ist das Hydrovolt genannte Gemeinschaftsprojekt von Northvolt und der norwegischen Hydro in Betrieb. Europas größte Recyclinganlage für Elektrofahrzeugbatterien soll langfristig etwa 12.000 Tonnen Batteriepakete pro Jahr verarbeiten können – den gesamten prognostizierten Bedarf, der in Norwegen künftig anfallen soll. Mithilfe eines neuartigen Prozessdesigns werden bis zu 95 Prozent der Materialien einer Batterie zurückgewonnen und isoliert, darunter Kunststoffe, Kupfer, Aluminium und die sogenannte schwarze Masse, die unter anderem Nickel, Mangan, Kobalt und Lithium enthält.