Milliardenrausch

Immer mehr Staaten legalisieren den Anbau von Cannabis und eröffnen damit einen neuen Markt. Das Potenzial ist groß – für Landwirte, ­Produzenten und Verarbeiter gleichermaßen.

April 2022
Autorin: Jenny Eberhardt

Alles im Lot: Die Cannabispflanze, die für medizinische Zwecke verwendet wird, gedeiht prächtig in ihrer Aufzuchtanlage im nordmazedonischen Skopje. © picture alliance/Reuters/Ognen Teofilowski,

Michael Straumietis gilt als Experte im Cannabisbusiness. Der Unternehmer aus den USA ist als Big Mike bekannt und hat auf Instagram 2,5 Millionen Follower. Im Jahr 2019 hat er sich mit Zoran Zaev, dem damaligen Premierminister Nordmazedoniens, getroffen. Anschließend postete Big Mike: „Ich freue mich darauf, daran mitzuwirken, Mazedonien zu einer der ersten Cannabissupermächte Europas zu machen.“

Nordmazedonien auf dem Weg zum europäischen Kifferparadies? Zumindest scheint der Weg geebnet. Der Anbau von Hanf zu medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken ist in dem Balkanstaat bereits seit dem Jahr 2016 erlaubt. Exporte sind zumindest für verarbeitete Produkte möglich. Inzwischen ist ein neuer Gesetzesentwurf auf dem Weg, Lizenzen wurden vergeben, Unternehmen stehen in den Startlöchern. Noch dieses Jahr könnte der Export von Blüten möglich werden.

Weltweit ist der Cannabismarkt in Bewegung. Mehr als 256 Millionen Menschen konsumieren regelmäßig Cannabis, schätzen die Vereinten Nationen – das entspricht rund drei Prozent der Weltbevölkerung. Damit ist Cannabis weltweit die meistgenutzte illegale Droge. Der Besitz, Handel und Erwerb von Cannabisprodukten ist in den meisten Ländern nach wie vor verboten. Entsprechend groß ist der Schwarzmarkt – und das Marktpotenzial bei einer Legalisierung.

In Deutschland kam es einem Paukenschlag gleich, als die neue Bundesregierung ankündigte, das Cannabisverbot aufheben zu wollen. „Für erwachsene Menschen soll es legal möglich sein, in lizenzierten Geschäften Cannabis zu kaufen“, verkündete Justizminister Marco Buschmann (FDP) im Januar 2022. Zwar hat die Ampel das Gesetzesvorhaben vorerst zurückgestellt – die Bekämpfung der Pandemie hat Priorität. Doch Unternehmen und Investoren wittern große Geschäftschancen.

43 %

der Deutschen befürworten eine Cannabislegalisierung (eher)

77,44 t

Stadt mit dem höchsten Cannabiskonsum weltweit 2018: New York

11,64 t

Stadt mit dem höchsten Cannabiskonsum in Deutschland im Jahr 2018: Berlin

Landwirte stehen bereit

Bislang dürfen Unternehmen Cannabis in Deutschland nur zu medizinischen Zwecken anbauen. Drei Unternehmen haben die Lizenz dafür: die kanadischen Branchenschwergewichte Aurora und Tilray sowie das Berliner Start-up Demecan. Wenn der Stoff auch als Genussmittel legal ist, könnte Demecan seine Produktion schnell hochfahren, verspricht das Unternehmen. Deutschlands Bauern bereiten sich bereits darauf vor. „Wenn die Bauern den Samen haben, können sie loslegen“, ist Bauernpräsident Joachim Rukwied überzeugt. „Wir Landwirte sind innovativ, wir bekommen das sofort umgesetzt.“

Der Trend geht EU-weit in dieselbe Richtung: Zwischen 2015 und 2020 hat sich die Anbaufläche für Hanf als Nutzpflanze fast verdoppelt, zeigt eine Erhebung des ­europäischen Statistikamtes Eurostat. Mit 35.540 Hektar entsprach sie 2020 rund 50.000 Fußballfeldern. Mit Abstand das meiste Hanf baut Frankreich an. Doch nicht nur für ­Landwirte und Unternehmen, auch für den Fiskus ­würde sich die Legalisierung lohnen: Rund 4,7 Milliarden Euro Mehreinnahmen könnte sie dem deutschen Staat bescheren, berechnen die Experten von Dice Consult. Den Löwenanteil würden Steuern ausmachen, der Staat dürfte aber auch Polizeieinsätze sparen, Staatsanwälte und Gerichte entlasten.

In der Schweiz wird Kiffen schon im Laufe des Jahres legal. In mehreren Städten starten Pilotprojekte. Basel will zur Jahresmitte den Verkauf über Apotheken und Klubs ermöglichen, Zürich im Herbst 2022. Das Pilotprojekt ist auf drei Jahre angelegt und soll die wissenschaftliche Basis für eine künftige gesetzliche Regelung liefern.

Das erste Land überhaupt, das im Jahr 2013 die Produktion, den Verkauf und den Konsum von Cannabis legalisierte, war Uruguay. Dort ist legales Cannabis Staatspolitik. Linke wie rechte Regierungen wollen kontrollierte Freiheit auf dem Inlandsmarkt und unterstützen die Entwicklung des Geschäfts mit Hanf sowie seinen Inhaltsstoffen CBD und THC.