Demografischer Wandel in Asien:
Alt, aber gut

Die taiwanische Gesellschaft durchläuft starke Veränderungen wie viele Länder in Ostasien. Drei grundlegende Trends dürften das Konsumverhalten der Bevölkerung in den kommenden Jahren bestimmen und zu hohen Absatzchancen in ausgewählten Segmenten führen.

Oktober 2021
Autor: Alexander Hirschle

Kleider machen Leute: Reef Chang setzt seine Großmutter Hsu Sho-er auf Instagram in Szene. Sie betreibt in Taiwan eine Wäscherei – und posiert mit der dort vergessenen Kleidung. © AN RONG XU/NYT/Redux/laif

Besuch im renommierten Veterans General Hospital in Taipeh: Endlose Warteschlangen ziehen sich durch die Gänge, das Krankenhaus ist wie immer prall gefüllt. Das Durchschnittsalter der Patienten ist so hoch, dass man sich selbst als Mittfünfziger wie ein Teenager fühlt. Das ist symptomatisch für die taiwanische Gesellschaft, denn die Insel wird immer älter.

Ab 2025 zählt Taiwan zu den sogenannten Super-aged Nations. Das heißt, 20 Prozent der Einwohner werden älter als 65 Jahre sein. Es werden immer weniger Kinder geboren, 2020 waren es fast ein Viertel weniger als fünf Jahre zuvor. Gleichzeitig steigt die Zahl der Singlehaushalte, die Individualisierung der Gesellschaft schreitet voran.

Taiwan befindet sich in guter Gesellschaft: Auch andere asiatische Länder wie Japan, Südkorea und China werden Super-Ager und sehen sich mit dem charakteristischen AHA-Effekt konfrontiert: Produkte und Dienstleistungen, die sich in den Bereichen „Alt“, „Heim“ und „Allein“ bewegen, haben gute Absatzchancen und können mit hohen Wachstumsraten rechnen. Schon 2020 stiegen die Lieferungen von Deutschland nach Taiwan trotz Coronakrise um acht Prozent an. Erstmals seit Jahren konnte der deutsche Marktanteil an den Einfuhren wieder nach oben geschraubt werden.

Der Silbermarkt bietet Absatzchancen

Mit der alternden Gesellschaft Taiwans boomt die Nachfrage nach Medizintechnik. In vielen Praxen und Laboren in Taipehs Krankenhäusern findet sich Technologie made in Germany. Wie hoch der Bedarf ist, spiegelt sich in der Entwicklung taiwanischer Importe wider: Im Jahr 2020 importierte Taiwan 14 Prozent mehr Medizintechnik als im Jahr zuvor. Die Brancheneinfuhren aus Deutschland legten deutlich überproportional um fast 30 Prozent zu.

Vor allem Medizintechnik in der Augenheilkunde boomte: Der Importzuwachs lag 2020 bei fast 70 Prozent. Auch noch gefragt waren Röntgenapparate, orthopädische Ausrüstungen und elektrodiagnostische Geräte. Der Trend dürfte sich in den kommenden Jahren weiter beschleunigen, flankiert durch die Herausforderungen im Zuge der Coronakrise. Denn das Medianalter in Taiwan wird bis Mitte des nächsten Jahrzehnts von derzeit 42,5 Jahren auf über 50 Jahre weiter ansteigen.

Nicht nur die Medizintechnik profitiert von der Alterung der Gesellschaft. Es boomt vor allem der sogenannte Silbermarkt: So dürfte sich künftig der Bedarf an medizinischen Leistungen, Pflegediensten oder Pharmazeutika für ältere Menschen deutlich erhöhen. Auch altersgerechtes Bauen, Ernährung und Mode erhalten neuen Schwung. Auch Themen wie die künftige Finanzierung der Sozialleistungen und des Gesundheitssystems dürften verstärkt auf der politischen Agenda auftauchen.

Immer mehr wird zu Hause erledigt

Während die Alten älter werden und nicht genug Junge nachkommen, schrumpfen zugleich die Familien: Die Zahl der Scheidungen in ­Taiwan hat in den vergangenen zehn Jahren um 26 Prozent zugenommen. Ein oder maximal zwei Kinder sind heutzutage die Norm. Die Zahl der Singlehaushalte erhöhte sich zwischen 2010 und 2020 um mehr als fünf Prozentpunkte. Inzwischen ist jeder dritte Haushalt ein Singlehaushalt.

Kein Wunder, dass die Nachfrage nach kleinen Wohnungen in der vergangenen Dekade deutlich zunahm. Nicht nur die Bauwirtschaft profitiert von diesem Trend, sondern auch die Essenslieferdienste: Es lohnt sich nicht mehr, für eine geringe Personenzahl selbst zu kochen. Auch Haustiere erfreuen sich neuer Beliebtheit – als Kinderersatz. Die Heimtierindustrie setzte laut dem taiwanischen Finanzministerium 2019 rund eine Milliarde US-Dollar um und damit rund 70 Prozent mehr als noch 2010. Die Zahl der Branchenfirmen erhöhte sich sogar um 84 Prozent auf fast 7.000 Unternehmen. Da der Trend auch dahin geht, aus den teuren Ballungszentren wie Taipeh in die günstigeren Vororte umzuziehen, wird mehr zu Hause unternommen – doch in den Vororten gibt es schlichtweg weniger Freizeitangebote. Dies wiederum kurbelt die Nachfrage nach Hometrainern und Spielekonsolen an.