Der digitale Zwilling

Welche Technologien werden wichtig, worauf sollten Unternehmen jetzt schon achten? Die Antworten geben Vordenker an dieser Stelle. Unser Gastautor: Stefan Wesarg, Leiter der Abteilung Visual Healthcare Technologies am Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD über das Potenzial des digitalen Zwillings.

August 2021
Gastautor: Stefan Wesarg, Leiter der Abteilung Visual Healthcare Technologies am Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD

© Jörg Schneider/Kammann Rossi

Ein und dieselbe Erkrankung kann viele Verläufe nehmen – und damit verschiedene Behandlungswege fordern. Viele Krankheiten verlaufen höchst individuell, je nach körperlichen Eigenschaften und persönlichen Lebensumständen des Patienten. Um die richtige Entscheidung im Behandlungsverlauf zu treffen, müssen sich Ärzte auf Leitlinien und ihre Erfahrung verlassen. Doch was wäre, wenn sie auf eine Datenbank zugreifen könnten, in der sie die Informationen Tausender Patienten mit der gleichen Erkrankung finden?

Der digitale Zwilling könnte das möglich machen. In der Industrie ist er bereits gängige Praxis, etwa um digitale Kopien von Maschinen oder Prozessen zu erstellen. Das Prinzip ist – zumindest teilweise – von der Maschine auf den Menschen übertragbar und könnte die Gesundheitsbranche von Grund auf revolutionieren. Zwar ist eine vollständige Kopie eines Patienten illusorisch – immerhin ist es nahezu unmöglich, einen Patienten in all seinen Einzelheiten, vom Genom über sämtliche Umwelteinflüsse, digital zu repräsentieren. Aber: Wir können sehr wohl versuchen, einzelne Bereiche und Krankheitsbilder so vollständig wie möglich abzubilden.

In unserem Leitprojekts „MED²ICIN“ arbeiten wir derzeit an digitalen Zwillingen für Patienten mit chronischen entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Für diese Erkrankungen haben wir eine Software entwickelt, die den Krankheitsverlauf des digitalen Zwillings während der Behandlung nach den gängigen Leitlinien abbildet. Zudem erfassen wir in der Software alle Patientendaten.

Je mehr Daten in dieses Modell fließen, desto leichter können Ärzte herausfinden, welche Therapieschritte die richtigen sind. Wir wollen das Modell weiterentwickeln, um es in Zukunft für viele weitere Krankheitsbilder anzubieten. Dabei setzen wir auch auf die Zusammenarbeit mit Partnern aus der Industrie. Denn schließlich können neben Ärzten und Krankenhäusern Lifesciences-Unternehmen, Technologie-Provider für Gesundheitstechnik und Krankenkassen von solchen Softwarelösungen profitieren.