Der große Durst

Viele Länder nutzen mehr Wasser, als der Wasserkreislauf hergibt – bei maroden Infrastrukturen. Klimawandel und Bevölkerungsexplosion erhöhen den Druck. Wasser ist die wichtigste Ressource des 21. Jahrhunderts – ohne Wasser gibt es keine Landwirtschaft, kein Leben. Deutsche Technik könnte helfen, die Bewässerung effizienter zu machen.

April 2017
Autoren:  Samira Akrach, Oliver Idem, Fabian Nemitz, Miriam Neubert, Gloria Rose, Verena Saurenbach, Uwe Strohbach und Heiko Stumpf

Anfang 2016 war es amtlich: Der Poopó, Boliviens zweitgrößter See, war tot. 30 Jahre lang dauerte sein Verschwinden. Am Ende war es der Klimawandel, der dem einst knapp 3.000 Quadratkilometer großen Poopó den Rest gab. Die Gletscher der Anden, die ihn früher speisten, sind weitgehend verschwunden.

Eine langanhaltende Dürre durch das Wetterphänomen El Niño kam hinzu. Dass der See komplett austrocknen konnte, hat aber noch andere Gründe: Silber- und Erzminen haben ihm über Jahrzehnte Wasser entzogen. Und: Die Bauern der Region gruben ganz selbstverständlich primitive Kanäle von seinen Zuflüssen zu ihren Feldern. Denn es gab einfach nicht mehr genug Regen.

Was das Land hergibt: Bolivianische Ureinwohner vom Stamm der Uru-Murato lebten traditionell vom Fischfang im Poopó-See. Inzwischen ist der ausgetrocknet – und viele ehemalige Fischer arbeiten jetzt in der Salzpfanne von Salar de Uyuni. | © Josh Haner/NYT/Redux/laif

Weltweit wird Wasser zur knappen Ressource. Vor allem die Landwirtschaft ist ausgesprochen durstig: Sie steht für circa 70 Prozent des Wasserverbrauchs weltweit, in manchen Entwicklungsländern sind es sogar über 90 Prozent. Allein in die Herstellung eines Kilogramms Tomaten fließen internationalen Schätzungen zufolge etwa 184 Liter Wasser.

Tomaten aus trockenen Regionen, etwa aus Südspanien, finden sich dann in den Regalen deutscher Supermärkte. Im Durchschnitt isst jeder Deutsche über 20 Kilogramm Tomaten pro Jahr, davon knapp die Hälfte als frische Tomaten. Und mit den Tomaten verzehren wir indirekt auch rund 4.000 Liter Wasser, das für deren Herstellung eingesetzt wurde. Dies schätzt die Vereinigung Deutscher Gewässerschutz.

Die Landwirtschaft muss im Jahr 2050 zehn Milliarden Menschen ernähren.

Nicht nur über Nahrungsmittel importieren wir dieses sogenannte virtuelle Wasser. In einem T-Shirt aus Baumwolle stecken über 2.000 Liter Wasser. Fünftgrößter Baumwollexporteur weltweit ist dabei ausgerechnet der Wüstenstaat Usbekistan. Um den Durst zu stillen, wurde zu Sowjetzeiten begonnen, Wasser aus Zuflüssen des Aralsees zu entnehmen.

Das ist einer der Gründe, warum der einst viertgrößte Binnensee der Erde auf zehn Prozent seines Ursprungsvolumens zusammengeschrumpft ist. Das Schicksal ähnelt dem des Poopó in Bolivien.

Klimawandel verschärft das Problem

Insgesamt geht die Landwirtschaft mit der Ressource Wasser nicht gerade sparsam um. Die eingesetzte Technik ist oft veraltet. Hinzu kommen ressourcenintensive Bewässerungsmethoden, Tropfbewässerung steht in vielen Ländern erst am Anfang. Und der Druck auf die Landwirtschaft wächst.

4 Mrd.

Schon heute sind vier Milliarden Menschen von akutem Wassermangel betroffen: Das ist die Hälfte der Weltbevölkerung,

70 %

Die Landwirtschaft ist für 70 Prozent des Wasserverbrauchs verantwortlich, in Entwicklungsländern sind es bis zu über 90 Prozent.

Nach UN-Schätzungen könnten im Jahr 2050 etwa zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben, etwa ein Drittel mehr als heute. All diese Menschen müssen ernährt werden.

Aber woher soll das viele Wasser für die Produktion der Nahrungsmittel kommen? Bereits heute ist Wasser knapp. Rund vier Milliarden Menschen – die Hälfte der Weltbevölkerung – sind mindestens einen Monat pro Jahr von akuter Wasserknappheit betroffen.

Der Klimawandel verschärft die Situation in den ohnehin schon trockenen Regionen in Afrika, Asien oder Lateinamerika. Im Weltrisikobericht des Weltwirtschaftsforums im Jahr 2016 wurde die Wasserkrise als eine der größten Gefahren des kommenden Jahrzehnts definiert.

Wasser wird zu einer stark umkämpften Ressource: Der Konflikt zwischen Ägypten und Äthiopien um das Nilwasser ist nur ein Beispiel unter vielen. Äthiopien baut einen Riesenstaudamm – und zweigt Ägypten damit dringend benötigtes Wasser ab.

Dabei sind die Anforderungen an Anbieter von Wassertechnologien von Land zu Land sehr unterschiedlich. Wichtig ist, so Ingenieur Parssa Razavi, noch stärker auf die Bedürfnisse der Landwirtschaft einzugehen. Markets stellt ausgewählte Märkte vor, in denen effizientere Bewässerungstechnik nachgefragt ist, und zeigt, wo Chancen für deutsche Mittelständler liegen.

Durstige Landwirtschaft

Quellen: Vereinte Nationen, Welternährungsorganisation, Eurostat, Nationale Statistikämter, Institute, Ministerien und Behörden, Zeitschrift Science Advances, teilweise Schätzungen. Berechnungsgrundlagen können voneinander abweichen. Jeweils neuste verfügbare Jahresangaben.