»Nachhaltigkeit bedeutet Zukunftsfähigkeit«

Interview mit Isabelle Krahe, Koordinatorin des Deutschen Nachhaltigkeitskodexes (DNK) beim Rat für nachhaltige Entwicklung.

Dezember 2021
Interview: Corinna Päffgen

Die EU-Kommission hat einen Vorschlag zur Änderung der CSR-Richtlinie (Corporate Sustainability Reporting Directive) vorgelegt. Was wird nach dem Vorschlag auf Unternehmen in Deutschland künftig zukommen? Wer wird betroffen sein?

Nach dem Vorschlag der EU-Kommission würde die CSR-Berichtspflicht für Unternehmen deutlich ausgeweitet werden. Bislang sind nach dem CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz kapitalmarktorientierte Unternehmen, Finanzinstitute und Versicherungen mit mehr als 500 Mitarbeiter*innen zu einer Nachhaltigkeitsberichterstattung verpflichtet.

Nach Plänen der EU-Kommission und dem neuen Richtlinienvorschlag sollen künftig große und kapitalmarktorientierte Unternehmen berichtspflichtig werden. Unternehmen gelten als groß, wenn zwei von drei der folgenden Kriterien erfüllt sind: Die Bilanzsummer beträgt mehr als 20 Mio. Euro, die Nettoumsatzerlöse betragen mindestens 40 Mio. Euro und die durchschnittliche Zahl der Beschäftigten während des Geschäftsjahres beträgt mindestens 250 Mitarbeiter*innen. Neu ist der Aspekt, dass nun auch börsennotierte KMU berichtspflichtig werden sollen. Ausgenommen sollen künftig nur Kleinstunternehmen sein, d.h. Unternehmen, die am Bilanzstichtag zwei der folgenden drei Kriterien erfüllen: Die Bilanzsumme beträgt maximal 350.000 Euro, die Nettoumsatzerlöse betragen nicht mehr als 700.000 Euro und die durchschnittliche Beschäftigtenzahl beträgt maximal 10 Personen.

Von derzeit rund 600 Unternehmen könnten von den geplanten Änderungen künftig etwa 15.000 Unternehmen in Deutschland erfasst und berichtspflichtig werden.

Eine weitere Änderung ist zudem, dass der Nachhaltigkeitsbericht in den Lagebericht als Teil des Geschäftsberichts integriert werden soll und somit auch prüfpflichtig wird. Der neue Richtlinienvorschlag sieht zudem eine Ausweitung und Präzisierung der Berichtsinhalte dahingehend vor, dass die künftig geforderten Berichte neben retrospektiven Informationen auch zukunftsgerichtete Informationen enthalten sollen.

Wie können sich Unternehmen auf die Neuerung bestmöglich vorbereiten? Mit welchem Aufwand müssen Unternehmen rechnen?

 Unternehmen sollten sich frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzen. Der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) ist mehr als ein Berichtsstandard: er ist ein anwenderfreundlicher Rahmen, mit dem u.a. ein Nachhaltigkeitsmanagement aufgebaut werden kann. Zunächst ist es hilfreich, im Unternehmen die notwendigen Strukturen, wie etwa eine Arbeitsgruppe, zu etablieren.  Als ersten inhaltlichen Schritt kann eine Wesentlichkeitsanalyse dienen: Das Unternehmen definiert, wo und wie die eigene Geschäftstätigkeit Auswirkungen auf Nachhaltigkeitsthemen hat und welche Nachhaltigkeitsthemen einen Einfluss auf das eigene Geschäftsmodell haben.

Der Aufwand steht und fällt mit den zur Verfügung stehenden Kapazitäten und Daten im Unternehmen. Auch hier lohnt es sich, Informationen und Daten zu Nachhaltigkeitsaspekten frühzeitig zu sammeln und deren Qualität sicherzustellen. Für die erstmalige Erstellung einer DNK-Erklärung sind ca. 15 bis 20 Arbeitstage ein guter Richtwert. Wer seine DNK-Erklärung lediglich aktualisiert, sollte ca. zwei bis drei Arbeitstage einplanen.

»Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur Herausforderungen und die Erfüllung gesetzlicher Anforderungen, sondern es kann Unternehmen auch gleichzeitig eine große Chance bieten.«

Isabelle Krahe
Koordinatorin des Deutschen Nachhaltigkeitskodexes (DNK) beim Rat für nachhaltige Entwicklung

Welche Berichtsformate empfehlen Sie?

 Das Berichtsformat hängt von der Geschäftstätigkeit des jeweiligen Unternehmens ab. So bietet sich das komplexere GRI Format oftmals für international tätige Unternehmen an. Der DNK ist unabhängig von Größe und Rechtsform zu nutzen. Durch seine Anwenderfreundlichkeit bietet er sich insbesondere auch für kleine und mittelständische Unternehmen an.

Im Hinblick auf die aktuellen Entwicklungen auf EU-Ebene lohnt es sich, bereits heute Nachhaltigkeit in das Kerngeschäft zu integrieren und transparent dazu zu berichten.

Nach dem neuen CSRD-Richtlinienvorschlag ist ein neues einheitliches europäisches Berichtsformat vorgesehen. Berichtet werden soll dann künftig anhand eines einheitlichen EU-Berichtsstandards. Diese geforderten Kennzahlen werden derzeit von der EFRAG (European Financial Reporting Advisory Group) erarbeitet. Der Standard soll sich auch an den bisherigen etablierten Standards orientieren und dann in einem zweiten Schritt branchenspezifisch erweitert werden.

Gibt es neben dem Mehraufwand, der auf die Unternehmen zukommen, auch Vorteile oder Chancen, von denen Unternehmen durch ihre Nachhaltigkeitsberichte profitieren können?

Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur Herausforderungen und die Erfüllung gesetzlicher Anforderungen, sondern es kann Unternehmen auch gleichzeitig eine große Chance bieten.

In den letzten Jahren haben sich Erwartungen und Präferenzen der Stakeholder wie Kund*innen, Verbraucher*innen und Beschäftigte verändert. Nachhaltigkeit wird zunehmend zum Qualitätsmerkmal und Kaufkriterium, sowohl für Privatkonsumenten als auch für Großanleger. Und auch innerhalb von Lieferketten oder von Finanzdienstleistern werden Nachhaltigkeitsaspekte, z.B. ESG-Kriterien, häufiger abgefragt. Nachhaltiges Wirtschaften wird dadurch zunehmend zur strategischen Notwendigkeit und ist auch mit Sinne einer zukunftsfähigen Positionierung sehr relevant. Die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens hängt nämlich nicht mehr nur allein von wirtschaftlichen Gesichtspunkten ab: die Berücksichtigung der drei Dimensionen der Nachhaltigkeit (ökonomisch, ökologisch, sozial) trägt auch zum Unternehmenserfolg bei.

Der Aufbau und die organisatorische Einbindung eines Nachhaltigkeitsmanagements in einem Unternehmen erfordert die Analyse bereits bestehender Prozesse sowie die Einführung geeigneter Strukturen zur Integration von Nachhaltigkeitsaspekten. Dadurch kann das Nachhaltigkeitsverständnis innerhalb des Unternehmens verbessert, routinierte Abläufe hinterfragt, Zielkonflikte offen diskutiert und ein kontinuierlicher Prozess der Verbesserung in Gang gesetzt werden. Der DNK kann für diesen Prozess als anwenderfreundlicher Rahmen mit 20 Kriterien und ausgewählten Leistungsindikatoren genutzt werden.

Nachhaltigkeitsberichterstattung kann natürlich auch die Transparenz und somit die Reputation eines Unternehmens steigern und zur Positionierung in einem zunehmend dynamischen Markt- und Wettbewerbsumfeld genutzt werden. Die Sensibilität für ökologische und soziale Kriterien und das Konsumverhalten von Verbraucher*innen steigt bzw. verändert sich. Dadurch entstehen neue Absatzmärkte und Zielgruppen, woraus sich wiederum Chancen für Unternehmen ergeben können.

Die Beachtung von Nachhaltigkeitskriterien trägt auch zur Stärkung des Krisenmanagements eines Unternehmens bei. Im Rahmen einer Risikoanalyse können interne und externe Risiken im Nachhaltigkeitskontext besser identifiziert und analysiert werden. Unternehmen können somit u.a. die identifizierten Risiken und Abhängigkeiten in der Lieferkette reduzieren.

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