Die mRNA-Technologie

Welche Technologien werden wichtig, worauf sollten Unternehmen jetzt schon achten? Die Antworten geben Vordenker an dieser Stelle. Unser Gastautor: Ingmar Hörr, Pionier der mRNA-Technologie und Gründer der Biotech-Firma Curevac.

April 2021
Gastautor: Ingmar Hörr, Gründer der Biotech-Firma Curevac

© Jörg Schneider/Kammann Rossi

Durch die Coronaimpfung ist die mRNA-Technologie aktuell in aller Munde. Man kann sich mRNA, also Messenger Ribonucleic Acid als eine Art biologischen Brief vorstellen. Die mRNA enthält eine Arbeitsanweisung für unsere Zellen, wie ein Bauplan, der mit der Post kommt. Ein sogenanntes Ribosom in der Zelle öffnet den Umschlag und liest den Bauplan. Es ist der genaue Aufbau für ein Protein. Die menschliche Zelle produziert dieses Protein nun – nach der mRNA-Blaupause. Die Herausforderung war, die empfindlichen mRNA-Moleküle unbeschadet bis in die Zelle zu bekommen. Jetzt, wo das gelungen ist, wird buchstäblich alles möglich. Der Coronaimpfstoff ist jedenfalls erst der Anfang.

Vor rund 20 Jahren habe ich durch Zufall entdeckt, dass mRNA – direkt injiziert – die Körperzellen kurzzeitig darauf programmiert, die codierten Proteine herzustellen. Das bietet ungeahnte Möglichkeiten bei Vireninfektionen, Krebserkrankungen und Impfstoffen. Denn so wird der menschliche Körper zum Hersteller seiner eigenen Medikamente.

Beim Coronaimpfstoff liefert die mRNA den Bauplan des charakteristischen Spike-Proteins auf der Hülle des Coronavirus. Der Körper stellt das Spike-Protein daraufhin selbst her, das wiederum provoziert eine Reaktion des Immunsystems. Gedächtniszellen merken sich die Form des Spike-­Proteins für den Fall einer wirklichen Infektion. Die mRNA zerfällt hinterher – so, als würde man den Briefumschlag zerknüllen und wegwerfen.

Noch ist es aufwendig, mRNA herzustellen, doch dezentrale Lösungen sind in greifbarer Nähe. Wir arbeiten mit Tesla gemeinsam an einem mRNA-Printer. Irgendwann könnte so ein Printer in Apotheken oder Kliniken stehen. Ein Onkologe wüsste nach einer Tumorbiopsie zum Beispiel, welches Protein es zur Bekämpfung der festgestellten Krebsart braucht. Dann würde er kein Rezept für ein Standardmedikament ausstellen, sondern einfach die benötigte mRNA-Sequenz auswählen, für ein Protein, das die Krebszellen ausschaltet. Der Patient könnte das Rezept beim Apotheker einlösen, der einen Printer und die mRNA-Bausteine auf Lager hat. Wenige Stunden später bekäme der Patient bereits eine auf ihn und seine Erkrankung abgestimmte mRNA gespritzt. So werden in den kommenden Jahren völlig neue Wertschöpfungsketten in der Pharmazie entstehen.