»Die Privatwirtschaft ist sehr wichtig.«

Interview mit Ronald Meyer, von September 2014 bis August 2017 deutscher Exekutivdirektor bei der Afrikanischen Entwicklungsbank.

Oktober 2017
Interview:  Kirsten Hungermann

Wohin steuert die AfDB unter ihrem Präsidenten Akinwumi Adesina, der der Bank mit seinen sogenannten High 5 ambitionierte Ziele bis 2025 gesetzt hat?

Präsident Adesina hat von Anfang an klar gemacht, dass er nicht zur Bank gekommen ist, um „business as usual“ zu betreiben. Seine High 5, also Energie, Landwirtschaft/Ernährungssicherung, Industrialisierung, regionale Integration und Erhöhung der Lebensqualität, setzen an den richtigen Schnittmengen zwischen nachhaltigen Entwicklungszielen und dem an, wo die Bank einen Schub geben kann.

Präsident Adesina macht also richtig Tempo?

Adesina will den Wandel des Kontinents voranbringen, Afrika in für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung wichtigen Themenfeldern wie Energie weiter bringen, und er akzeptiert nicht einfach, dass Probleme sich hinschleppen. Das hat er auch schon als nigerianischer Landwirtschaftsminister so gehalten. Dazu sind natürlich deutlich massivere und abgestimmte Anstrengungen nicht nur der Bank, sondern auch der afrikanischen Regierungen, des Privatsektors und anderer Geber nötig.

Die High 5 bilden den Kern des neuen Strategierahmens der Bank: Wie schätzen Sie Anspruch und Wirklichkeit in diesen fünf Bereichen ein?

Meyer: Der Anspruch ist sehr hoch, aber er ist auch berechtigt: Damit in diese Bereiche Bewegung kommt, braucht es mehr politischen Druck und Ressourcen. Natürlich geht es bei Ressourcen nicht nur um Finanzmittel. Um beim Beispiel des Energiezugangs für alle Afrikaner bis 2025 zu bleiben: Natürlich ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass es uns gelingt, dieses Ziel komplett zu erreichen. Aber Adesinas Punkt ist: Wir müssen unsere Anstrengungen stärker bündeln, Regierungen, Privatsektor und andere Akteure müssen und wollen mehr tun und dürfen nicht vor der Aufgabe zurückschrecken.

Dann können wir eine Transformationsdynamik erzeugen, die sich mit der Zeit selbst trägt. Wenn es Bangladesch von 2012 bis 2014 gelungen ist, zwei Millionen Haushalte mit solar home systems zu versehen, kann das auch in einigen afrikanischen Ländern klappen. Und es gibt ja auch in Deutschland Akteure aus dem Privatsektor, die diese Chance sehen und wahrnehmen. Und wenn es einigen Ländern in dieser Phase niedriger Ölpreise gelingt, einige Subventionen herunterzufahren, dann kann das bei 168 Milliarden US-Dollar (US$) an Strom- und Treibstoffsubventionen in 2015 ein paar Milliarden Luft für zukunftsträchtige Energieinvestitionen geben. Wenn man bedenkt, dass afrikanische Staaten in 2015 nur rund 8 Milliarden US$ in den Sektor investiert haben, sieht man schon, dass dies helfen würde.

Kernthema des Annual Meetings der Bank im Mai 2017 war Landwirtschaft und Agrobusiness. Warum die Rückbesinnung auf diesen Sektor?

In Afrika leben weiterhin sehr viele Menschen auf dem Land und von Landwirtschaft. Afrika hat riesiges Potenzial an noch nicht genutzter landwirtschaftlicher Fläche. Produktivitätssteigerungen können die Erzeugung deutlich erhöhen und dazu beitragen, dass Afrika nicht für 35 Milliarden US$ jährlich Nahrungsmittel importieren muss, wo es eigentlich seine Einwohner versorgen können sollte oder sogar selbst Nettoexporteur sein sollte.

Hier besteht auch ein enger Bezug zu anderen High-5-Zielen wie Industrialisierung und Jobs für junge Menschen. Hohes Bevölkerungswachstum und sich ändernde Konsumgewohnheiten werden den zukünftigen Bedarf an Nahrungsmitteln, aber auch an Jobs weiter steigern. Außerdem kommen nicht nur auf Afrika, sondern auch auf den Rest der Welt große Probleme zu, wenn es nicht gelingt, die Land- und Bodennutzung nachhaltiger zu gestalten, natürliche Ressourcen und Biodiversität zu erhalten und Emissionen aus der Landnutzung zu begrenzen.

Rücken Politik und Wirtschaft in Subsahara-Afrika die Privatwirtschaft zunehmend stärker in den Blick – und auch die AfDB?

Ja, da sind die Zahlen ganz eindeutig: Der von der AfDB, der OECD und UNDP herausgegebene Africa Economic Outlook 2017 schätzt, dass etwa 72 Prozent der 180 Milliarden US$ an externem Kapital, die nach Afrika fließen, private Finanzflüsse sind. Aber man muss den Kontinent schon etwas genauer anschauen; Nigeria, Südafrika und Ägypten haben andere Kapitalanforderungen und Kapitalflüsse als Burkina Faso, Malawi oder der Süd-Sudan. In vielen Niedrigeinkommensländern macht die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit weiter mehr als 50 Prozent der externen Zuflüsse aus, anderswo ist das finanzielle Volumen vergleichsweise sehr gering.

Die AfDB hat ihre Zusammenarbeit mit dem Privatsektor also erheblich ausgeweitet?

Ja, und sie kann auch eine wichtige Vermittlerrolle spielen, indem sie privaten Investoren Sicherheit bietet und privates Kapital für bestimmte Infrastrukturbereiche mobilisiert. Oder nehmen Sie das Ziel regionale Integration: Indem die Bank verstärkt in grenzüberschreitende Stromnetze und Transportwege investiert, werden bestimmte Länder, Sektoren und Geschäftsmodelle für den Privatsektor erst attraktiv.

Und damit meine ich nicht nur europäische, amerikanische oder chinesische Investoren, sondern auch den afrikanischen Privatsektor, der endlich wachsen kann. Denn wenn es nicht gelingt, dass mehr Unternehmen gegründet werden und Steuern zahlen, dann wird auch der externe Ressourcenfluss das nicht ausgleichen können. Weder der öffentliche Sektor, die Entwicklungszusammenarbeit noch der Privatsektor könnte die Aufgaben allein stemmen.

Schlägt sich der Trend zu mehr Privatwirtschaft auch in der internen Umstrukturierung der Bank nieder?

Ja, sogar sehr deutlich. Die AfDB hat keinen Privatsektorarm wie die Weltbankgruppe mit ihrer IFC. Hier ist das In-house, und dieser Arm wächst deutlich und über mehrere Abteilungen, etwa Energie, Landwirtschaft, Industrie, Finanzsektor und Verkehrsinfrastruktur. Deutlich mehr spezialisiertes Personal wird für diesen Zweck rekrutiert.

So kommen die von Präsident Adesina eingestellten neuen Vizepräsidenten im Energie- und Infrastruktursektor aus der Privatwirtschaft bzw. dem IFC. Die neue Organisationsstruktur der Bank setzt auf eine Stärkung der Operations, und mehr Kapazität rückt näher an die Klienten in den Zielländern. Prozesse sollen verschlankt und schneller werden. Lokale Kapitalmärkte sollen aufgebaut oder verstärkt werden, Lokalwährungskredite erleichtert werden, was gerade für kleine und mittlere Unternehmen in den Ländern sehr wichtig ist.

Inwiefern bieten sich deutschen Unternehmen dadurch neue oder andere Beteiligungsmöglichkeiten an Projekten der AfDB?

Der Anteil deutscher Unternehmen, die von Finanzierungen der Bank profitieren oder Beschaffungsaufträge der Bank gewinnen, ist leider noch zu gering. Die neue Struktur bietet da Chancen. Die Bank vergibt ja nicht nur Kredite, sondern operiert auch mit Garantien, Eigenkapitalbeteiligungen und innovativen Finanzierungsinstrumenten. Während deutsche Unternehmen in den letzten Jahren eher im Bereich Consultingleistungen Aufträge der Bank erzielen konnten, bietet die stärkere Ausrichtung an den High 5 und auf die Zusammenarbeit mit dem Privatsektor innovativen deutschen Unternehmen neue Möglichkeiten, etwa im Bereich Erneuerbarer Energien.

Welche genauen Felder kommen Ihnen da in den Sinn?

Ich denke nicht nur an Turbinen für Staudämme oder Großprojekte, sondern auch an erfolgreiche Klein- und Mittelunternehmen, die Geschäftsmodelle entwickeln, die auf die afrikanischen Konsumenten zugeschnitten sind. Für Unternehmen, die bereits auf lokalen Märkten vertreten sind, ergeben sich neue Möglichkeiten durch die verstärkte Präsenz der Bank vor Ort und in ihren Regionalbüros in Abidjan, Tunis, Nairobi, Johannesburg und Zentralafrika.

Ich denke, dass in Zukunft deutsche Unternehmen, die nicht nur ein Produkt, sondern auch damit zusammenhängendes Know-how anbieten können, auch im Bereich Berufsbildung, bessere Chancen haben werden. Deutsche Qualität und Maschinen und Anlagen werden geschätzt, aber passen noch zu selten auf die spezifischen afrikanischen Bedürfnisse und Größenordnungen der Märkte.

Was sind nach Ihrer Einschätzung die afrikanischen Wachstumsbranchen?

Natürlich wird der Bereich der natürlichen Ressourcen und Rohstoffe ein Wachstumsfeld bleiben. Ich hoffe aber sehr, dass wir in der Zukunft eine stärkere Diversifizierung erleben. Geredet wird davon seit Jahrzehnten, vorangekommen ist sie in vielen Ländern aber erst kaum. Ich denke und hoffe, dass die Innovationen, die wir zunehmend als Ausfluss aus der starken Expansion der Mobilfunkanbieter sehen (mobile Bezahlsysteme, Apps, IT-Anwendungen usw.) und in deren Ausweitung einige afrikanische Regierungen investieren, zu einem Wachstumsmotor in einigen Ländern werden kann. Das macht ja nicht am Mobilfunksektor Halt, sondern erlaubt völlig neue Wege zur Versorgung afrikanischer Konsumenten.

Welche weiteren offenen Fragen gibt es?

Ob es einigen afrikanischen Ländern gelingt, Industrieinvestoren aus Asien wegen niedrigerer Fertigkosten verstärkt nach Afrika zu ziehen und sich dann daraus eine ausreichende Eigendynamik entwickelt, ist noch offen. Aber bei wachsender Bevölkerung ergeben sich in einer Vielzahl von Sektoren Wachstumschancen, insbesondere wenn es über regionale Integration gelingt, die oftmals zu kleinen afrikanischen Märkte stärker zusammenwachsen zu lassen und lokale Oligopole unter Wettbewerbsdruck zu setzen.

Auch Afrikaner werden verstärkt private und öffentliche Gesundheits- und Bildungsleistungen nachfragen, sie werden mehr lokale Produkte konsumieren, wenn diese preislich attraktiv sind, den Geschmack treffen und qualitativ besser werden. Sie werden verstärkt Versicherungen kaufen, um sich gegen einfache, aber gravierende Risiken zu versichern, und Finanzdienstleistungen in Anspruch nehmen, die von Banken und anderen bereitgestellt werden. Sie werden Baumaterialien und Bauleistungen verstärkt nachfragen.

Afrikanische Städte werden funktionierende öffentliche und private Verkehrs- und Sanitärinfrastruktur brauchen, wenn sie nicht lahmgelegt werden wollen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Entscheidend wird sein, dass Unternehmen in Afrika auch verstärkt in Arbeitsplätze und Ausbildung investieren.

Wie steht Afrika inzwischen in Sachen Unternehmensgründung, Gesellschaftsrecht, Steuerrecht da?

Geht man nach dem Africa Economic Outlook 2017, dann ist der Trend positiv. Auf dem afrikanischen Kontinent wird stark an regulatorischen Reformen gearbeitet. Der Bericht nennt Uganda, Kenia, Mauretanien, Senegal und Benin unter den ersten zehn Reformern. Die Mehrzahl afrikanischer Staaten haben sich in den letzten fünf Jahren im Competitiveness Index des World Economic Forum verbessert. Besonders Ostafrika scheint hier in den letzten Jahren Fortschritte zu machen. Viele afrikanische Staaten haben One-stop-shops für Unternehmensgründungen geschaffen, die auf dem Papier alles in den Schatten stellen, was wir aus Deutschland kennen.

Das klingt positiv – doch gilt das auch auf breiter Front?

Natürlich sollte man nichts schön reden. Es sind immer noch schwierige Märkte, Recht und Rechtsanwendung fallen oft noch sehr stark auseinander und die Kredibilität und Kapazität von Institutionen muss sich noch deutlich verbessern. Ein wenig transparentes regulatorisches Umfeld zum Beispiel. im Arbeitsrecht, bei der Besteuerung, in bürokratischen Verfahren, bei den Eigentumsrechten und bei den Insolvenzgesetzen behindern auch weiterhin das Wachsen lokaler Unternehmen.

Hieran arbeitet auch die AfDB weiter. Aber Fakt ist auch: Afrikanische Märkte sind entwicklungsfähig und die Menschen, gerade die Jüngeren, wollen Veränderungen. Das macht Hoffnung. Unternehmen mit langfristiger Vision ergreifen die Chancen, wie es heute schon viele Unternehmen aus Asien, der Türkei oder Marokko auf dem Kontinent tun. Und vielleicht ist der Einstieg mit einem Partner erstmal der einfachere Weg, um einen Einstieg zu finden und Risiken zu reduzieren.

© Ronald Meyer privat