»Eher traditionell orientiert«

Zwei deutsche Geschäftsfrauen im Gespräch über ein konservatives Land, in dem Frauen überraschend viel zu sagen haben.

August 2017

Autorin: Beatrice Repetzki

Beatrice Repetzki: Sie sind vor 22 Jahren als Geschäftsfrau nach Polen gekommen. Welche Unterschiede zu Deutschland sind Ihnen hier aufgefallen?

Michaela Zielinska: Ich bin nach Polen gezogen, da mein Mann aus diesen Land stammt. Der Umgang mit Geschäftspartnern und -partnerinnen ist hier persönlicher als in Deutschland, und man bringt mehr Zeit für sein Gegenüber mit. Als ich 1994 das erste Mal nach Polen reiste, wollte ich an einem Vormittag gleich zwei Termine machen.

Dazu reichte die Zeit jedoch nicht. In Polen wird man stärker als Frau wahrgenommen; Männer gewähren den Vortritt, halten Türen auf, helfen in den Mantel etc. traditionelle Benimmregeln werden weiter gepflegt; die Kinder lernen sie schon in der Schule. In dieser Hinsicht ist das Land konservativ. Die Wertschätzung anderer Menschen wird groß geschrieben; die Konsumgesellschaft hat sich noch nicht so stark durchgesetzt.

Beatrice Repetzki: Ja, Höflichkeit spielt in Polen eine wichtige Rolle. Auch begrüßt und verabschiedet man sich hier mit vielen Worten und Danksagungen, Damen gegenüber auch mit Handkuss. In Warschau habe ich allerdings den Eindruck, dass die Hektik der dynamischen Großstadt eine striktere Zeiteinteilung erfordert.

Michaela Zielinska: In der Tat; ich sage gerne, dass Warschau nicht typisch für Polen ist, und die Uhren hier anders ticken. Auch setzt sich die elektronische Kommunikation immer weiter durch, und die vielfältigen Möglichkeiten des Internet werden stärker genutzt als in Deutschland. Ich war aber lange in der mittelgroßen Stadt Kutno tätig; dort gelten noch die sonst landesüblichen traditionellen Verhaltensmuster.

Beatrice Repetzki: Welche Bedeutung hatte es, dass Sie als Frau – noch dazu aus Deutschland – eine Führungsposition in Polen eingenommen haben?

Michaela Zielinska: Frauen haben einen hohen Stellenwert im Geschäftsleben. Es ist in Polen selbstverständlicher, dass sie Führungspositionen bekleiden, während in Deutschland doch eher der Chauvinismus vorherrscht. Über eine Frauenquote wird daher in Polen noch nicht einmal gesprochen, Frauen brauchen keine bevorzugten Beförderungen, um die Karriereleiter hinauf zu klettern.

Das gilt auch für eher männlich dominierte Branchen wie die Bauchemie, mein Tätigkeitsfeld, wo ich als Geschäftsführerin für ein deutsches Unternehmen, Velosit, fungiere. Hierarchien spielen eine wichtige Rolle; die Ansprache erfolgt nicht mit dem Namen sondern mit Frau Vorsitzende, pani prezes oder Frau Direktor, pani dyrektor. Die Mitarbeiter lassen sich leicht motivieren und begeistern; gerade jüngere Leute sind strebsam und wissbegierig.

Als Expat-Frau sollte man die – zugegebenermaßen schwierige – polnische Sprache erlernen und Kenntnisse des Landes sowie seiner Geschichte erwerben. Je stärker man sich assimiliert, desto besser kommt man zurecht. Voreingenommenheit oder Ressentiments mir gegenüber als Deutsche habe ich nicht gespürt; man wird eher als individuelle Person wahrgenommen.

Beatrice Repetzki: Wie lassen sich Beruf und Familie vereinbaren?

Michaela Zielinska: Die Berufstätigkeit von Frauen ist in Polen weit verbreitet. Kindergärten sind von 7:30 bis 18:00 Uhr geöffnet. Schüler bis zur 6. Klasse können ebenfalls bis 18:00 Uhr in der Schule bleiben. Der Unterricht dauert bis 16:00 oder 16:30 Uhr. Essen erhalten die Kinder in der Kita und der Schule gegen Gebühr.

Während der Sommerferien, die den ganzen Juli und August andauern, wird eine „szkola letnia“ (Sommerschule) eingerichtet, die Schülern tagsüber Freizeitangebote macht. Ferienlager sind für sie auch üblich. Die langen Öffnungszeiten von Geschäften, bisher auch sonntags, erleichtern die Haushaltsführung für Berufstätige.

»Zu selbstbewusstem weiblichem Auftreten im Ausland gehört auch, ein Kompliment für gutes Aussehen, zum Beispiel in Italien, einfach mal anzunehmen.«

Linda von Delhaes-Guenther, Geschäftsführende Gesellschafterin, AHP International

Beatrice Repetzki: Trotz dieser familienfreundlichen Angebote scheuen viele Polinnen die Entscheidung für ein Kind. Dabei spielt die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes trotz eines zunehmenden Fachkräftemangels eine wichtige Rolle. Zwei Einkommen sind jedoch erforderlich zur Finanzierung der Miete bzw. eines Wohnungskaufes und für die tagtäglichen Ausgaben. Das Lohnniveau hat sich in Polen nach einem kräftigen Schub in den 1990er Jahren seit 2000 kaum weiter dem in Deutschland angenähert.

Michaela Zielinska: Arbeitnehmer können innerhalb von wenigen Wochen oder Monaten – je nach Arbeitsvertrag und Beschäftigungsdauer – gekündigt werden unter der Voraussetzung, dass die Arbeitsstelle liquidiert wird. Maßnahmen wie die Ausweitung des Mutterschutzes auf zwölf Monate mit einer durchschnittlichen Vergütung von 80% des letzten Jahresnettogehaltes und einer Elternzeit von 36 weiteren Monaten sowie dem im Frühjahr 2016 eingeführten Kindergeld stellen für Familien eine gewisse Entlastung dar, und die Geburtenzahl steigt nun wieder.

Beatrice Repetzki: Was ist bei Einladungen von Geschäftspartnern zu beachten?

Michaela Zielinska: In früheren Jahren war ich für verschiedene Banken tätig und wollte Kunden zu Geschäftsessen einladen. Die Herren gestatteten mir jedoch nicht, die Rechnung zu begleichen, da es nicht üblich ist, dass Damen in Restaurants bezahlen. Da half es auch nicht, zu erläutern, dass die Kunden von der Bank auf deren Kosten eingeladen sind und nicht von mir persönlich. Der Alkoholkonsum ist vergleichbar mit dem in Westeuropa; ein Glas Wein wird zum Essen gerne genossen.

Beatrice Repetzki: Anlässlich eines erfolgreichen Geschäftsabschlusses oder anderer Feierlichkeiten werden Geschäftspartnern gerne Geschenke überreicht. Worüber freuen sich Frauen besonders?

Michaela Zielinska: Beliebte Geschenke sind eine Flasche guter Wein oder Lederetuis, etwa für die Herren in schwarz und die Damen in bordeaux. Besonders geschätzt werden jedoch persönlichere Geschenke wie Schmuckstücke für Damen, deren Geschmack Sie aufgrund früherer Treffen einschätzen können.

Das Finanzamt erlaubt solche steuerfreien Aufmerksamkeiten bis zu einem Gegenwert von circa 80 Euro. Gerne überreicht werden auch Parfums, Beauty Cases einer bekannten polnischen Kosmetikfirma oder Vouchers für einen SPA-Wellnesstag. Ich selbst schenke auch öfters Dinge aus meiner Heimat Köln wie Seidentücher in den Farben und Emblem des Kölnisch Wassers 4711 gold, weiß und türkis oder Pralines mit Motiven wie dem Dom.

Beatrice Repetzki: Die Kleidung der Geschäftsleute ist in Polen formell; Damen tragen Kostüme oder Hosenanzüge und legen Wert auf eine gute Frisur und Make up. Wie sieht es bei Feierlichkeiten aus?

Michaela Zielinska: Zu Weihnachtsfeiern der Firma oder besonderen Events machen sich die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ausgesprochen schick. Frauen machen sich gerne untereinander Komplimente, während Männer sich damit zurückhalten, um nicht anzüglich zu wirken.