„Eine Abschottung wäre riskant“

Interview mit Klaus Josef Lutz, Vorstandsvorsitzender beim Agrarhandelskonzern BayWa AG in München.

April 2018
Autor: Frank Malerius

Der weltweite Nahrungsmittelhandel hat sich seit der Jahrtausendwende wertmäßig verdreifacht. Wie haben sich die Handelsströme seitdem verändert?

Schaut man sich die Veränderungen zwischen 2000 und 2015 an, wird der Einfluss Chinas sichtbar. In den Top 5 der importierenden beziehungsweise exportierenden Länder von Agrarprodukten taucht China im Jahr 2000 nicht auf. Stattdessen spielen die Niederlande, Frankreich und Australien als Exporteure eine gewichtige Rolle. 15 Jahre später haben Brasilien und China Frankreich und Australien aus den Top 5 der Exporteure verdrängt. Die Liste der größten fünf Importnationen führt nun China an und verdrängt die USA auf die zweite Position.

Lässt sich abschätzen, welcher Anteil der weltweit produzierten Nahrungsmittel international gehandelt wird?

Die Menge der weltweit produzierten Nahrungsmittel ist seit dem Jahr 2000 um rund 70 Prozent gewachsen. Die Exportquote des Haupt-Grundnahrungsmittels Getreide etwa ist in diesem Zeitraum von 14 auf 17 Prozent gestiegen.

Gefährdet das weltweite Bevölkerungswachstum die Nahrungsmittelsicherheit?

Aktuell gibt es kein Versorgungs-, sondern ein Verteilungsproblem. Es werden ausreichend Nahrungsmittel in der Welt produziert, sie kommen jedoch nicht immer dort an, wo sie gebraucht werden. Hier ist ein gut funktionierender Agrarhandel entscheidend. In den letzten Jahren gab es weltweite Rekordernten, die Versorgungslage ist gut. Allerdings können Klimaveränderung und extreme Wetterphänomene auch zu Missernten führen. Außerdem schrumpfen die landwirtschaftlich nutzbaren Flächen stetig durch Klimawandel und Versiegelung.

»Die Preise von Grundnahrungsmitteln richten sich nach Angebot und Nachfrage.«

Klaus Josef Lutz, Vorstandsvorsitzender BayWa AG

Die wachsende Weltbevölkerung und veränderte Ernährungsgewohnheiten in Schwellenländern lässt die Nachfrage langfristig steigen.

Weltweit wird deshalb in Zukunft auf weniger Fläche mehr produziert werden müssen. Durch Züchtungsfortschritte und nachhaltige Intensivierung lässt sich die Produktion ausbauen. Die fortschreitende Digitalisierung in der Landwirtschaft bietet entsprechendes Potenzial für eine bedarfsgerechte, umweltverträgliche und nachhaltige Produktion von Grundnahrungsmitteln – ausdrücklich auch in Wachstumsmärkten.

Wie würde es um die Nahrungsmittelversorgung stehen, wenn Länder primär auf die Eigenversorgung setzen würden?

Eine Abschottung wäre riskant. Ernten können beispielsweise aufgrund des Wetters regional schlecht ausfallen, die Folge wären Versorgungsengpässe und hohe Lebensmittelpreise. Außerdem wächst nicht jede Kultur an jedem Standort gleich gut und in der entsprechenden Qualität. Beispielsweise wird in Deutschland hervorragender Weizen mit einem hohen Proteingehalt produziert, der in vielen anderen Regionen nicht erreicht werden kann. Importländern, in denen etwa der Weizenbedarf die Eigenproduktion übersteigt, stünden nicht mehr ausreichend Weizen zur Verfügung. Oder der Weizen müsste durch andere Grundnahrungsmittel ersetzt werden.

Wie wirken sich Handelsbeschränkungen auf die Preise von Grundnahrungsmitteln aus?

Die Preisentwicklung für Grundnahrungsmittel am Weltmarkt wird stark von den Aussaat- und Erntebedingungen, den weltweiten Vorräten sowie Devisenkursen beeinflusst. Die Einflussnahme durch Handelsbeschränkungen muss im Einzelfall betrachtet werden. Ein Beispiel: Das Russland-Embargo 2014 führte zu hohen Lebensmittelpreisen in Russland und fallenden Preisen in Europa für europäische Äpfel. Da bei Äpfeln der Selbstversorgungsgrad in Russland bei weitem nicht ausreicht, deckt das Land 80 Prozent des Bedarfs über Importware ab. Durch Erschließung neuer Märkte, unter anderem im nordafrikanischen Raum, gelang es, die aufgrund des Embargos fehlende Exportmenge für Russland nahezu zu kompensieren. Allerdings wurde die auf neuen Märkten abgesetzte Ware meist zu geringeren Preisen verkauft als es wahrscheinlich in Russland möglich gewesen wäre.

International tätige Handelsunternehmen können die Preise von Grundnahrungsmitteln mit beeinflussen. Wie lässt sich Missbrauch verhindern?

Die Preise von Grundnahrungsmitteln richten sich nach Angebot und Nachfrage. Globale Handelsunternehmen sorgen dafür, dass weniger regionale Preisspitzen entstehen, da Engpässe über importierte Ware ausgeglichen werden. Dem zur Preissicherung eingerichteten Warenderivatehandel setzt die EU einen rechtlichen Rahmen, der Missbrauch verhindert. In den letzten Jahren wurden hierzu einige neue Gesetze verabschiedet.

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