»Eine einmalige Chance«

Er gilt als Vordenker einer nachhaltigen Architektur, die lokale Bautraditionen einbezieht: der chinesische Stararchitekt Wang Shu. Im exklusiven Interview erklärt er, wie sich das Bauen in China gerade weiterentwickelt.

Februar 2021
Autorin: Stefanie Schmitt

Wang Shu in der chinesischen Kunstakademie in Hangzhou. Seine Entwürfe verbinden traditionelle chinesische Bautechniken mit moderner Gestaltung. © Zhou junxiang/Imaginechina/laif

Herr Wang. warum sind die meisten modernen chinesischen Städte so hässlich – und warum sind Ihre Bauten so anders?

Wenn so viel und in solcher Geschwindigkeit neu gebaut wird wie in China, dann ist es sehr schwierig, ein hohes Qualitätsniveau zu halten. Oft beginnt die Konstruktion bereits, wenn das Design noch gar nicht richtig ausgearbeitet ist. Die meisten Kunden verlangen, dass alles so schnell wie möglich fertig gestellt wird, um es möglichst schnell nutzen oder verkaufen zu können. Viele blicken mit großer Unsicherheit in die Zukunft und sind deshalb nicht daran interessiert, etwas zu bauen, dass langfristig Bestand hat.

Für mich ist es anders. Wenn ich mich für ein Bauprojekt entscheide, dann erst dann, wenn der Bauherr und ich uns einig sind, etwas Gutes entstehen lassen zu wollen. Wichtigste Voraussetzung hierfür ist, dass wir uns gut verstehen. Der Bauherr ist für mich zentral. Wer ist er? Welche Bedürfnisse hat er? Das kostet Zeit. Doch Zeit ist nicht alles. Es bedeutet auch, dass alles, was mit dem Gebäude zusammenhängt, gut gemacht wird – über alle Prozesse hinweg, und dass wir als Architekten alles anfassen und darauf bestehen können, Korrekturen anzubringen.

Sie haben in Nanjing studiert und fast Ihr gesamtes Arbeitsleben in China gewirkt. Was hat Sie dazu gebracht, sich anders als die meisten chinesischen Design-Institute und Architekturbüros zu entwickeln?

Ende der 1980er war ich mit dem Studium fertig. Der Wendepunkt kam für mich in den 1990er-Jahren, als ich sah, wie rasant sich die chinesischen Städte veränderten, wie ganze Stadtteile abgerissen wurden und dabei viel architektonisches Erbe zerstört wurde. Meine Arbeit bestand damals nur noch darin, moderne westliche Gebäude zu entwerfen, ohne jeglichen Bezug zur Geschichte, ohne Bezug zu ihrem künftigen Standort, völlig austauschbar. Alles musste einfach nur neu und westlich sein; so hatten wir es auch im Studium gelernt. Dabei wurden und werden alle Erinnerungen ausgelöscht.

Ich aber wollte das nicht mehr und stellte fest, ich musste ganz von vorne anfangen. Denn es gab niemanden, der mir bei meinem neuen Weg helfen konnte. Ich begann mit kleinen Renovierungsprojekten, einem Laden oder einem Restaurant. Es ging dabei oft darum, alten Gebäuden einen neuen Nutzen und damit einen neuen Wert zu geben. Modern bedeutet oft einfach nur die Verwendung neuer Formen und Materialien, bleibt aber ohne Bezug auf die geografische Umgebung und auf die Geschichte des Ortes. Für mich bedeutet es aber einen Akt der Menschlichkeit, mit den Menschen, die vor Ort leben, in einen Dialog zu treten, was sich dann auch in meinen Bauten niederschlägt.

Hier werden Städte oder zumindest ganze Stadtteile vom Reißbrett für „die grüne Wiese“ geplant. Aber Städte wachsen in einem langwierigen, historischen Prozess. Städte sind quasi wie Menschen, sie entstehen nicht von Null. Oder können Sie mir eine gute Stadt nennen, die am Reißbrett entstanden ist? Nicht einmal Shenzhen ist wirklich gelungen.

Hinzu kommt unser System: Alles wird von oben nach unten entschieden – nur ganz selten ist es umgekehrt. Durch diese Art von Planung können Städte zwar sehr schnell aus dem Boden gestampft werden, was sicherlich für Investoren günstig ist, aber Kritik bleibt außen vor – und Fehlentwicklungen sind quasi vorprogrammiert.

Zur Person

Der 1963 in Urumqi geborene Wang Shu ist bislang der einzige chinesische Architekt, der mit dem Pritzker-Preis, dem „Nobelpreis für Architektur“, ausgezeichnet wurde (2012). Gemeinsam mit seiner Frau Lu Wenju gründete er 1993 in Hangzhou das Amateur Architecture Studio. Dort sind beide außerdem als Hochschullehrer tätig. Wangs Gebäude kombinieren traditionelle chinesische Bautechniken, insbesondere lokale Baumaterialien und regionale Handwerkskenntnisse, mit der architektonischen Moderne. Großen Wert legt Wang auf den Bezug seiner Gebäude zum jeweiligen Standort. Zu seinen bekanntesten Werken zählen das Museum von Ningbo und das 2012 begonnene Pilotprojekt zur Erneuerung des Dorfes Wencun. Gegenwärtig gestaltet Wang Shu einen Ausstellungsraum im Berliner Humboldt-Forum.

An Ihren Gebäuden beeindruckt mich vor allem zweierlei: erstens, dass das Gebäude als äußere Hülle so gut auf die spätere Nutzung abgestimmt ist – und zweitens, dass nicht nur der Entwurf gut aussieht, sondern die Realisierung dem tatsächlich entspricht. Viele deutsche Architekten und Planer beklagen immer wieder, dass ihre Entwürfe später auf den Baustellen oft anders umgesetzt würden – und in der Regel nicht zu ihrem Besten. Vieles verdirbt außerdem die schlechte Bauqualität. Wie gelingt Ihnen das? Und wieso gibt es in Ihren Gebäude zum Beispiel keine Wasserflecken an den Wänden?

Wang Shu (lacht): Das ist das Verdienst meiner Frau. Sie schlägt täglich ungezählte kleine Schlachten auf der Baustelle, damit alles fachgerecht gemacht wird. (Wieder ernst) Aber das ist „nur“ das eine. Wichtig ist: Wir bleiben beim gesamten Bauprozess von der Planung bis zur Fertigstellung dabei, wir kennen alle Phasen, und es kommt durchaus vor, dass wir dabei Geld verlieren. Denn solche Leistungen werden in China nicht honoriert. Die Design-Gebühren sind zu niedrig, um solche Kosten abzudecken. Aber wir sind sozusagen die Anwälte des Projekts. Wir wollen, dass etwas Gutes entsteht. Alle anderen Beteiligten – mit Ausnahme vielleicht des Bauherrn – haben andere Prioritäten etwa finanzieller oder zeitlicher Art. Deshalb ist es Voraussetzung, dass uns der Bauherr die entsprechende Rückendeckung gibt. Nur dann können wir jeden einzelnen Schritt kontrollieren – und dabei auftretende Fehler korrigieren. Und es gibt unendlich viele Fehlerquellen. Was dann gebaut wird, entspricht zwar in der Regel immer noch den gesetzlichen Vorgaben und bekommt von den verantwortlichen Stellen einen Stempel – aber es reflektiert eben nicht mehr die Ursprungsplanung – und die Gebäude werden dadurch nicht nur anders, sondern eben auch unansehnlicher. Das ist fast eine Gesetzmäßigkeit.

Und wie können Sie überleben, wenn Sie sich vier oder fünf Jahre um die Realisierung eines Projekts kümmern, aber dafür nicht bezahlt werden?

Ich bin nicht geldgierig. Wir sind nur ein sehr kleines Architekturbüro mit geringen Kosten und irgendwie klappt es immer.

Im Jahr 2012 wurde Ihnen mit dem Pritzker-Preis der international angesehenste Architekturpreis verliehen. Ein Jahr später hat Sie die „Times“ zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit gekürt. Was hat das für Sie bedeutet?

Es hat mir sehr gut getan. Ich war damals drauf und dran, mein Studio zu schließen, um mich nur noch der Lehre zu widmen. Diese Auszeichnungen haben mich dazu bewogen, weiterzumachen.

Wenn ich über Chinas Bauwirtschaft recherchiere, höre ich immer wieder Klagen darüber, dass viele Baumängel auch darauf zurückzuführen sind, dass es nicht genügend Facharbeiter und keine geregelte Ausbildung im Bausektor gibt. Wie sehen Sie das?

Über 90 Prozent aller Bauarbeiter in China waren vormals Bauern und standen vielleicht gestern noch auf dem Feld. Natürlich haben sie keine Erfahrung mit den Hauptbaustoffen der Moderne, mit Beton oder Stahl. Stattdessen steckt in sehr vielen von ihnen ein Meister für die Bearbeitung von traditionellen Baustoffen wie Holz oder Naturstein. Das ist zumindest meine Erfahrung. In China befinden wir uns gerade in der besonderen Situation, dass beide Sphären nebeneinander koexistieren. Wir können sie in einen Dialog miteinander bringen, indem wir die Stärken der chinesischen Arbeiter an der richtigen Stelle einsetzen. Das ist eine einmalige Chance, die auch ausländische Architekten in ihren Entwürfen für sich nutzen können.

Worin liegen Ihres Erachtens die großen Herausforderungen für Architekten in China in der Zukunft?

Mein besonderes Interesse gilt jetzt der Dorfentwicklung, denn in den Städten ist das Wesentliche bereits passiert. Bei der Wiederbelebung der Dörfer gilt es, eine Balance zu finden, die Dörfer in die Moderne zu führen, ohne ihr lokales Erbe zu zerstören. Dies bedarf sehr viel Zeit und Überzeugungsarbeit. Nehmen Sie als Beispiel Wencun. Seit 2012 arbeite ich dort – und seit Jahren veranstalten wir dort mit den Studenten Summercamps und bleiben dort mehrere Wochen, damit die Studenten ein Gefühl für den Ort entwickeln können. Das ist sehr wichtig, damit bei der Neugestaltung der Dörfer nicht die gleichen Fehler wiederholt werden wie bei der Transformation der Städte.

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