„Viel Potenzial für grünen Wasserstoff“

Der neue chilenische Energieminister Diego Pardow im exklusiven Markets-International-Interview. Wie das südamerikanische Land seine Wirtschaft dekarbonisieren will und welche Rolle deutsche Spezialisten dabei spielen.

Dezember 2022
Autorin: Stefanie Schmitt

Diego Pardow ist seit September 2022 chilenischer Energieminister unter der seit März 2022 amtierenden Regierung von Präsident Gabriel Boric. Der promovierte Jurist war unter anderem Berater der Interamerikanischen Entwicklungsbank im Bereich Infrastrukturregulierung und gilt als enger Vertrauter des Präsidenten. © Ministro de Energía Chile

Welche Akzente setzt die neue chilenische Regierung in der Energiepolitik?

Chile hat bereits große Fortschritte beim Ausbau erneuerbarer Energieträger im Energiemix gemacht. Künftig soll der Energiesektor noch stärker zum Wachstumsmotor für Chile werden. Generell ist unser Ziel ein demokratischeres, sozialeres und ökologischeres Entwicklungsmodell. Dabei geht es auch um Dezentralisierung und Erhöhung der Energiesicherheit. Auch Menschen mit niedrigem Einkommen sollen sich Strom leisten können. Es liegt noch ein weiter Weg vor uns, die gesellschaftliche Kluft in Chile zu überwinden.

Welche Möglichkeiten zur Zusammenarbeit sehen Sie für Unternehmen?

Wir haben gerade unsere Energieagenda 2022 bis 2026 gestartet. Einer ihrer acht Stützpfeiler ist der Übergang zu einem sauberen Energiemix. Wir setzen zum Beispiel die Ausschreibung staatlicher Grundstücke fort, auf denen die Unternehmen Vorhaben im Bereich erneuerbarer Energien oder für grünen Wasserstoff umsetzen können. Wir arbeiten an einer Verbesserung des Rechtsrahmens für eine dezentralere Stromerzeugung, um den Markt flexibler und effizienter regulieren zu können. Wir arbeiten daran, das Gesetz über Konzessionen zur Geothermie zu modifizieren, um auch diese Energiequelle für den Strommarkt zu erschließen. Und wir fördern die Nutzung erneuerbarer Energieträger für private Nutzer, zum Beispiel Fotovoltaik in privaten Wohnhäusern, für kleine und mittlere Unternehmen oder auch von Geothermieprojekten in Schulen.

Energiepolitik in Chile

Bis zum Jahr 2040 will Chile zur Stromerzeugung keine Kohle mehr verwenden, die derzeit etwa 34 Prozent ausmacht. Erneuerbare Energieträger liegen bei knapp 45 Prozent. Ausbauen will die Regierung vor allem Wind- und Solarkraft. Dafür sind die Voraussetzungen günstig, das Potenzial übertrifft die inländische Stromnachfrage um ein Vielfaches. Kaum ein Land verfügt zudem über ähnlich günstige Produktionsbedingungen für grünen Wasserstoff und dessen Derivate wie grünen Ammoniak. In allen Bereichen werden Projektentwickler und Investoren gebraucht. Auch für deutsche Firmen ergeben sich Beteiligungs- und Lieferchancen, wenn sie sich gegen internationale Konkurrenz, speziell aus China, durchsetzen können – und wenn sie möglichst vor Ort präsent sind. Leichter wird der Ausbau erneuerbarer Energieträger vor Ort nicht: Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin will die neue Regierung unter Präsident Gabriel Boric künftig die lokale Bevölkerung stärker in die Planungen einbeziehen.

Die chinesischen Auslandsinvestitionen haben in den letzten Jahren weltweit zugenommen. Haben deutsche Investoren überhaupt eine Chance, gegen chinesische, staatlich geförderte Investoren anzukommen?

Der chilenische Strommarkt ist offen und in hohem Maße wettbewerbsorientiert. Die Stromerzeugung liegt in den Händen von Privaten. Dagegen ist die Stromübertragung staatlich reguliert. In allen Segmenten des chilenischen Energiesektors beteiligen sich nationale und internationale Akteure, die wir weder aufgrund ihrer Größe oder ihrer Herkunft diskriminieren.

Wo sehen Sie den größten Bedarf für ­ausländische Spezialisten?

Chile steht vor großen Herausforderungen in Bezug auf sein Energiesystem. Die Nachfrage nach Strom wächst. Die installierte Stromkapazität muss ausgebaut werden. Die Netze zur Stromverteilung müssen erweitert werden, und das System muss robuster werden. Dazu kommt das gewaltige Potenzial für die Produktion von grünem Wasserstoff sowohl für den Export als auch für den Inlandsverbrauch. Ausländischen Unternehmen bieten sich auf allen Ebenen viele Geschäftsmöglichkeiten.

Wie können sich deutsche Unternehmen bei der Produktion und dem Export von grünem Wasserstoff aus Chile beteiligen?

Wir unternehmen die notwendigen Anstrengungen, die Entwicklung einer grünen Wasserstoffindustrie zu beschleunigen. Zu diesem Zweck denken wir außerdem darüber nach, wie wir dies nachhaltig und im Einklang mit der jeweiligen Region tun können. Derzeit liegt der Schwerpunkt noch auf der Umsetzung von Projekten zur Herstellung und Nutzung von grünem Wasserstoff. Wir wollen aber künftig zusätzlich die industrielle Entwicklung Chiles voranbringen, indem wir die Wertschöpfungskette mit darauf aufbauenden Produkten und Dienstleistungen erweitern. Mit Deutschland sehen wir vor allem Kooperationsmöglichkeiten zu den Erfahrungen mit der Energiewende und darin, eine Industrie mit hohem Mehrwert aufzubauen.

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