»Es fehlt ein deutscher Tesla.«

Thilo Kaltenbach ist Partner der Unternehmensberatung Roland Berger. Seine Schwerpunkte sind Pharma und Healthcare.

Oktober 2020
Interview: Melanie Volberg

Wie hat Corona die E-Health-Branche in Deutschland verändert?

Sehr positiv. Die Patienten sind inzwischen viel offener, digitale Anwendungen zu nutzen. In die Arztpraxis wollte ja keiner gehen. Zudem hatten die Deutschen Glück, dass Gesundheitsminister Jens Spahn die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen hat – zum Beispiel durch das Digitale-Versorgung-Gesetz. E-Health ist nun also auch auf der politischen Agenda angekommen.

Was passierte weltweit in der E-Health-Branche?

In Entwicklungs- und Schwellenländern kann man von einem Leapfrogging sprechen. Das heißt, dass einzelne Stufen im Entwicklungsprozess ausgelassen werden. Der Arzt beispielsweise stellt Diagnosen direkt digital, Produkte werden mit digitaler Zusatzausstattung geliefert – etwa vernetzte Hüftgelenke, die Fehlbelastungen melden. Befeuert hat den Trend auch, dass die dafür nötigen technischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, beispielsweise die notwendigen Rechnerkapazitäten.

Wie können deutsche Unternehmen profitieren?

Im Vergleich zur sehr erfolgreichen deutschen Medizintechnik – immerhin ist Deutschland Europas größter Medizintechnikproduzent und die Nummer zwei weltweit – ist der Umsatz mit digitalen Gesundheitsprodukten made in Germany bisher eher gering. Das lag in der Vergangenheit auch am schwach ausgeprägten deutschen Heimatmarkt für Digital Health, den eher restriktiven gesetzlichen Bestimmungen sowie der Fragmentierung und Aufgliederung in sektorale Strukturen. In den Niederlanden zum Beispiel ist die fachärztliche Versorgung Aufgabe der Krankenhäuser – das verringert Schnittstellen und die Komplexität im Gesamtsystem. Und es gab schon früh signifikante Investitionsprogramme zur Digitalisierung.

Deutsche Unternehmen punkten dagegen mit ihren Produkten?

Ja, German Engineering ist weltweit anerkannt. Große Medizintechnikunternehmen vernetzen Operationssäle. Auch in der visuellen Diagnostik, die digital unterstützt wird, sind deutsche Unternehmen sehr erfolgreich. Uns fehlt allerdings ein digital affiner Herausforderer, wie Tesla es in der Automobilbranche ist. Auch fehlt es oft an Kundenorientierung. Hier sollte man sich die USA anschauen.

Was machen die US-Amerikaner besser?

Sie erkennen Innovationen sehr schnell, und man lernt viel von ihnen über Anwendungsqualität. Zudem entwickeln sie ein Produkt entlang der Kundenbedürfnisse und nicht andersherum: erst lange ein Produkt entwickeln und dann den Markt suchen.

Thilo Kaltenbach © Roland Berger

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