Fahrradmarkt in Tunesien

Kaum eine andere Branche erlebt derzeit einen solchen Boom wie die Fahrrad­industrie. Auch Länder, in denen Fahrradfahrer bislang kaum zum Straßenbild gehörten, sind mit dabei – ein Blick nach Tunesien.

Dezember 2021
Autor: Peter Schmitz

»Die tunesische Mittelschicht entdeckt das eigene Land vom Rad aus neu.«

Peter Schmitz,
GTAI Tunis/Tunesien

In Tunesien ist die „Vélorution“ nicht erst mit der Pandemie angesprungen, sondern läuft bereits seit 2017. Zumindest formte sich sechs Jahre nach der politischen Revolution unter diesem Namen ein Verein, der Rund ums Rad aktiv ist. Hamza Abderrahim, Gründungsmitglied und Vorsitzender, spricht dennoch lieber von einer Evolution. Denn nach wie vor ist das Fahrrad im Straßenverkehr stark im Hintertreffen. Abderrahim schätzt den Anteil des Fahrrads an den Personenkilometern in Tunis auf 3 Prozent – basierend auf einer Erhebung für die Stadt Ariana im Ballungsraum der Hauptstadt, die Vélorution durchführte. In ländlichen Regionen dürfte der Anteil etwas höher liegen, da hier weniger Alternativen für den Nahverkehr zur Verfügung stehen.

Infrastruktur als Hindernis

Eines der größten Hindernisse ist nach wie vor die Infrastruktur. Zwar gibt es in Touristengebieten, wie beispielsweise in Sousse, schon seit Langem Radwege entlang der Promenade. Abgesehen davon wird die Konkurrenz zwischen den unterschiedlichen Verkehrsträgern aber auf kurze Distanz ausgetragen. Das könnte sich zumindest in einigen Vororten von Tunis bald ändern. Vélorution hat für Ariana ein Konzept für ein kleines Netz an Radwegen vorgelegt, der Bürgermeister schwang sich schon selbst aufs Rad, um seine Unterstützung zu zeigen. Abderrahim ist optimistisch, dass es bald losgeht. Das könnte es grundsätzlich auch in Carthage, einem anderen Vorort der Hauptstadt.

Célia Corneil hat im Auftrag der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit eine Studie für beschilderte Radwege zwischen den antiken Sehenswürdigkeiten erstellt. Die Distanzen sind kurz, per Rad lassen sich die Eindrücke noch aktiver erleben. Zusammen mit Ihrem Mann und einem weiteren Bekannten gründete sie 2018 den Fahrradverleih und Touranbieter Lemon Tour. Inzwischen gibt es mehrere Verleihpunkte, auch einen Ableger in Monastir. Das Geschäft expandierte bereits vor der Pandemie, erhielt dadurch aber nochmal einen Schub. Auch die Anzahl der Verleihanbieter schnellt förmlich nach oben.

Wachstumsmarkt Fahrradverleih: Anbieter wie „Lemon Tour“ kombinieren Verleihangebote mit Fahrradkursen oder geführten Touren, z.B. durch die antiken Stätten von Karthago. Das wird auch von Einheimischen gut angenommen © Lemon Tour

Zahlen & Fakten

1,5

Importumsatz von Fahrrädern 2020
(in Mio. US-Dollar)

29,9

Exportumsatz von Fahrrädern 2019
(in Mio. US-Dollar)

4 %

Anteil am Modal Split

Corneil hat, wie die Aktivisten von Vélorution, nicht nur die Entwicklung von Radwegen im Blick. In ihrer Studie hebt sie die Breitenwirkung der aktiven Fortbewegung hervor. Entlang touristischer Radwege ließen sich weitere Verleih- und Servicestationen aufbauen oder Bike Sharing etablieren. Alleine in der Hauptstadtregion wäre das Potenzial enorm. Die benötigten Räder könnten aus lokaler Produktion kommen. Tatsächlich sind auch auf Tunesiens Straßen vor allem Räder aus Asien unterwegs. Es gibt einige Fahrradhersteller, die ältere Modelle in niedrigen Stückzahlen zu günstigen Preisen und entsprechender Qualität anbieten.

Großes Potenzial

Mit Euro-Cycles ist außerdem ein wichtiger Player im europäischen Fahrradgeschäft in Tunesien angesiedelt. 2020 wurden knapp über 500.000 Fahrräder hergestellt, 2019 waren es noch 350.000. Der Markt ist fast ausschließlich in Europa, etwa drei Viertel der Lieferungen gehen alleine ins Vereinigte Königreich, die Produktion fast komplett ins Ausland. Das Portfolio umfasst Mountainbikes für Erwachsene und Kinder, Stadt- und Falträder – sowie seit Kurzem auch ein E-Bike. Vor allem dieses soll dazu beitragen, 2023 die Millionengrenze an produzierten Einheiten zu erreichen.

Welches Potenzial diese Entwicklung für Tunesien birgt, zeigt sich genau hier. Die Elektrik für das E-Bike stammt aus einer Partnerschaft mit der französischen ACTIA Gruppe, einem Hersteller von elektrischen Komponenten und Elektronik für die Automobil-, Telekommunikations- und Energieindustrie. Zwei Produktionsstätten von ACTIA sind in Tunesien. Auch Rahmen und Felgen will Euro-Cycles verstärkt selbst herstellen, über das Mutterunternehmen Tunindustrie bisher wird hier vor allem montiert. Damit ließe sich ein kleiner, aber wachsender Markt lokal erschließen – und der große Markt Europa aus der Nachbarschaft statt aus Asien versorgen.

Service & Kontakt