Fest im Griff

Argentiniens Wirtschaft ist schwer angeschlagen und wird sich nur langsam erholen, denn Covid-19 verstärkt den Abwärtstrend. Warum deutsche Unternehmen trotz der ständigen Krisen an Argentinien festhalten.

Dezember 2020
Autor: Carl Moses

Ein bisschen Aufmunterung inmitten der Wirtschaftskrise: Bei einer Kindertagsfeier in Buenos Aires umarmt ein Plüsch-Pikachu einen argentinischen Jungen. © picture alliance/REUTERS

Argentinien steckt abermals in einer Megakrise. Trotz einer der längsten und strengsten Quarantänen weltweit hat das südamerikanische Land die Ausbreitung von Covid-19 bislang nicht unter Kontrolle. Gleichzeitig ist die Wirtschaftsleistung noch viel stärker eingebrochen als andernorts. Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts wird in Argentinien 2020 doppelt so hoch ausfallen wie etwa in Brasilien und Chile. Auch die Erholungschancen sehen bescheiden aus. Nach einem BIP-Einbruch um zwölf Prozent in diesem Jahr erwarten Experten für 2021 eine Erholung um etwa fünf Prozent. Frühestens 2023 könnte das Niveau vor Covid-19 wieder erreicht werden, schätzt der Ökonom Miguel Kiguel.

Devisen bleiben knapp

Eine erfolgreiche Umschuldung der Staatsschulden weckte im August kurze Zeit die Hoffnung, dass Argentinien international wieder kreditfähig werden würde. Doch wenige Wochen später kam abermals die Ernüchterung. Die Zentralbank verkündete, im Rahmen weiterer Kapitalverkehrsbeschränkungen würden selbst Devisen für die Bezahlung von Auslandsschulden großer Unternehmen nur noch teilweise zur Verfügung gestellt. De facto eine staatlich verordnete Restrukturierung privater Schulden. An neue Kredite ist damit vorerst nicht zu denken.

Bei aller Unsicherheit über weiteres Hakenschlagen der argentinischen Wirtschaftspolitik scheint eines sicher: Devisen werden in Argentinien auf absehbare Zeit knapp bleiben. Wer frische Devisen ins Land bringt oder Importe substituiert, kann darum mit Sonderkonditionen und Vorzugsbehandlung durch die Regierung rechnen. Als der indische Motorradhersteller Royal Enfield im September knapp fünf Millionen Euro in eine neue Fabrik investierte, kam Argentiniens Staatspräsident Alberto Fernández persönlich, um sie einzuweihen. Dabei wird der lokale Wertschöpfungsanteil vorerst gerade einmal zehn Prozent ausmachen.

Einige deutsche Unternehmen vor Ort kommen überraschend gut durch die Krise und sind – trotz aller Klagen über die schwierigen Rahmenbedingungen – gleichsam zuversichtlich für die Zukunft. „Wir waren ausreichend belastbar und agil, um unsere geplanten Ergebnisse für 2020 zu erreichen“, sagt Gustavo D’Adamo, Geschäftsführer des Druckluftspezialisten Kaeser Kompressoren in Argentinien. Geholfen haben langfristige Liefer- und Serviceverträge, die Kaeser mit seinen Kunden für bis zu fünf Jahre vereinbart hat. Dass die vor 22 Jahren aufgebaute Präsenz in Argentinien bestehen bleibt, steht für D’Adamo außer Frage. „Argentinien ist der drittgrößte Markt in Lateinamerika, eine Region mit Wachstumspotenzial“, sagt D’Adamo. Ein global agierendes Unternehmen müsse dort präsent sein, ist er sich sicher.

Von den vielen Problemen, mit denen Kaeser in Argentinien zu kämpfen hat, lässt sich D’Adamo nicht entmutigen. Die Mängelliste, die er aufzählt, ist allerdings beachtlich: wirtschaftliche Instabilität, ständige Änderungen der Regeln, Rechtsunsicherheit, hohe Steuern und Arbeitskosten, Behinderungen der Einfuhr. Das fehlende Fachpersonal müsse das Unternehmen selbst heranziehen, Kredite seien kaum verfügbar. „Cash ist King“, sagt auch Annette Beller, Finanzchefin des Medizintechnikunternehmens B. Braun Melsungen. In Argentinien müsse man Eigenkapital mitbringen, sonst rechneten sich Investitionen angesichts der hohen lokalen Zinsen nicht.

Investieren statt aufgeben

B. Braun hatte 2019 rund 30 Millionen Euro in eine neue Fabrik investiert, um seinen Marktanteil von 50 Prozent in Argentinien halten zu können. „Wir standen vor der Wahl, zu investieren oder den Markt aufzugeben“, sagt Beller. B. Braun entschied sich zu investieren – mit Eigenkapital. Inzwischen stellt die neue Regierung unter bestimmten Voraussetzungen subventionierte Kredite zur Verfügung. Ein Unternehmen, das diese Sonderlinien ergattern kann, hat Grund zur Freude: Aufgrund der hohen Inflation sind die Zinssätze negativ, die Kreditschuld entwertet sich also von selbst.

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