Flugbenzin aus Luft und Sonne

Welche Technologien werden wichtig, worauf sollten Unternehmen jetzt schon achten? Die Antworten geben Vordenker an dieser Stelle. Dieses Mal: Gianluca Ambrosetti, CEO und Mitgründer von Synhelion aus Jülich, über Flugbenzin aus Luft und Sonne.

Dezember 2022
Gastautor: Gianluca Ambrosetti, CEO und Mitgründer von Synhelion aus Jülich

© Jörg Schneider/Kammann Rossi

Flugzeuge erlauben uns, in kürzester Zeit an ferne Orte zu reisen. Sie transportieren Güter und sind ein wichtiger Bestandteil der globalen Wirtschaft. Doch die faszinierende Transportmöglichkeit hat einen Nachteil: Sie schädigt unsere Umwelt und treibt den Klimawandel voran. Experten zufolge ist die Luftfahrt für rund 3,5 Prozent der menschengemachten Erderwärmung verantwortlich.

Wir von Synhelion haben einen klimaneutralen Flugzeugtreibstoff entwickelt. Statt fossile Energieträger zu nutzen, basiert unser Herstellungsverfahren auf Prozesswärme aus konzentriertem Sonnenlicht. Die Sonnenstrahlung wird durch ein Spiegelfeld reflektiert, anschließend konzentriert und in Hochtemperaturprozesswärme umgewandelt. Die erzeugte Wärme wird einem thermochemischen Reaktor zugeführt, der eine CO₂-Quelle und Wasser in ein Gemisch aus Wasserstoff und Kohlenstoffmonoxid umwandelt. Dieses Synthesegas lässt sich zu allen möglichen Treibstoffen weiterverarbeiten, zum Beispiel Kerosin, Benzin oder Diesel. Unser Fokus liegt auf den Transportsektoren, die sich nicht oder nur schlecht elektrifizieren lassen, etwa die Luftfahrt, die Schifffahrt und Teile des Straßenverkehrs. Die Idee für den Solartreibstoff entstand an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Philipp Furler und ich gründeten Synhelion 2016, um die Technologie auf den Markt zu bringen. Wir entschieden uns für den Standort Jülich in Nordrhein-Westfalen, weil wir dort ideale Logistikvoraussetzungen vorgefunden haben, um unsere Anlage zügig und effizient zu bauen. Im Brainergy Park in Jülich befinden sich auch einige unserer Partner, darunter das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und das Solar-Institut Jülich der FH Aachen.

Wie beschrieben, erfordert die Herstellung von Solartreibstoffen sehr hohe Prozesstemperaturen, um die chemischen Reaktionen anzutreiben. Wir entwickelten eine Technologie, die konzentriertes Sonnenlicht effizient in Prozesswärme von bis zu 1.500 Grad umwandeln kann. Um die Anlage unabhängig von Tageszeit und Wetterlage betreiben zu können, haben wir eine Speichertechnologie entwickelt, die es uns erlaubt, die solare Prozesswärme zu speichern. Die vielen verschiedenen Forschungsansätze in ein industriell skalierbares System zu überführen, war eine Herausforderung.

Gerade haben wir unseren letzten großen technischen Meilenstein erreicht und solares Synthesegas im industriellen Maßstab hergestellt. Unsere erste industrielle Demonstrationsanlage befindet sich im Bau und wird voraussichtlich 2023 in Betrieb gehen. Swiss wird weltweit die erste Airline sein, die unsere Solartreibstoffe bezieht. In drei bis vier Jahren wollen wir die erste kommerzielle Anlage in Spanien betreiben. Unser Ziel ist es, in rund zehn Jahren 875 Millionen Liter Solartreibstoff pro Jahr zu produzieren. Die Produktionskosten sollen bis dahin bei unter einem Euro pro Liter liegen.