Freihandel, ­Banzai!*

Japan und die Europäische Union trotzen den zunehmenden globalen Abschottungstendenzen und schaffen eine riesige Freihandelszone. Einem Freifahrtschein entspricht das Abkommen jedoch nicht.

Mai 2019
Autor: Michael Sauermost

* Banzai ist ein japanischer Ausruf der Freude. Der Hochruf wurde ursprünglich zur Ehrung des Kaisers genutzt – und soll 10.000 Jahre Freude bringen.

Neues Familienmitglied: Der Roboter Lovot vom japanischen Start-up Groove X macht japanische Familien glücklich. Er spielt mit den Kindern, kuschelt und reagiert auf Stimmungen. Das neue Freihandelsabkommen könnte ihn auch in die hiesigen Haushalte bringen. © Tomohiro Ohsumi/Freier Fotograf

Deutsche Konsumgüter hatten es in Japan noch nie leicht. Kann das Freihandelsabkommen mit der Europäischen Union (EU) daran etwas ändern? Über unterschiedliche Vertriebskanäle haben es zahlreiche Marken in Nippons Ladenregale geschafft. So konkurriert etwa Gerolsteiner mit anderen Durstlöschern. Gummibärchen von Haribo hängen neben japanischen Reis­crackern. Deutsches Bier und Würste profitieren vom Ruhm des Oktoberfests. Und das Handelsunternehmen SKW East Asia führt Alpensalz und Sprühsahne in seinem ­Sortiment.

Tatsächlich ist es so, dass Japaner längst Geschmack an ausländischen Produkten gefunden haben. Noch vor gar nicht allzu langer Zeit waren für sie Camembert, Rotwein oder Wasser mit Kohlensäure so etwas wie für Europäer Sashimi. Inzwischen kommt bei den Japanern alles auf den Tisch – und ab sofort sparen sie dabei auch noch Geld, wenn das am 1. Februar 2019 unterzeichnete
Freihandelsabkommen Japan–EU Free Trade Agreement (Jefta) hält, was es verspricht.

Rund fünf Jahre dauerten die Verhandlungen zwischen Tokio und Brüssel, bis im Juli 2018 die Vertreter beider Vertragsseiten zum Füllfederhalter griffen. Was viele als lange Verhandlungsphase empfanden, ist für ein Freihandelsabkommen dieser Größenordnung eigentlich sehr kurz. Vor allem, wenn man bedenkt, dass in der japanischen Kultur Entscheidungsprozesse nicht gerade in der Geschwindigkeit der Shinkansen-Züge ablaufen. Dabei wäre es noch viel später zum Schulterschluss gekommen, hätte nicht ausgerechnet die Trump-Regierung beide Seiten zur Einigung bewegt. Denn nachdem die USA sich von der Transpazifischen Partnerschaft verabschiedet hatten, befeuerte das die Entscheidungsfreudigkeit der Japaner. Nun werden die beiden Wirtschaftsgiganten Japan und EU für ihr Zeichen gegen den Protektionismus gefeiert.

Fünf Tipps zum Markteintritt

1. Geduld

Im Japangeschäft braucht man einen langen Atem. Geduld hat trotz Internationalisierung und Digitalisierung noch Gültigkeit.

2. Partner

Alleingänge sind selten erfolgreich. Gute Geschäftspartner kennen den Markt und wissen, wer die wichtigen Entscheidungsträger sind.

3. Ansprüche

Japanische Kunden haben sehr hohe Ansprüche – an Qualität, Funktionalität, Service und sogar an die Transportverpackung von Lieferungen.

4. Kultur

Natürlich drücken Japaner ein Auge zu, wenn Ausländer die Visitenkarte mal falsch übergeben. An die traditionellen Geschäftsgepflogenheiten muss man sich trotzdem gewöhnen.

5. Das Nein

Häufig verlassen ausländische Geschäftsleute die Treffen euphorisch. Denn: Japaner sagen Nein nicht so offen und direkt, wie es die Deutschen kennen.

Aufschwung für die Wirtschaft

Für die Japaner stehen hauptsächlich die Zölle im Vordergrund. 70 Prozent ihrer Exporte in die EU unterlagen bislang einer Zollpflicht, während umgekehrt 70 Prozent der Importe aus der EU bereits zollfrei ins Land kamen. Europäer klagten im Gegenzug vor allem über nichttarifäre Handelshemmnisse. In Zukunft rechnen sie mit größeren Chancen bei öffentlichen Aufträgen.

Die Zahlen rund um das Jefta-Abkommen sprechen für sich: Die EU erwartet langfristig eine Erhöhung ihrer Wirtschaftsleistung um 0,76 Prozent. Um 20 Milliarden Euro könnten die Exporte der Staatengemeinschaft in das Land der aufgehenden Sonne zulegen. Auf der anderen Seite könnte das Bruttoinlandsprodukt Japans laut Ifo-Institut um bis zu 1,6 Prozent wachsen. Bei Deutschland wären es etwa 0,7 Prozent. Vor allem geht die EU davon aus, dass allein der Export von verarbeiteten Nahrungsmitteln nach Japan in den kommenden Jahren um bis zu 180 Prozent steigen könnte. Dies würde einem zusätzlichen Umsatz in Höhe von zehn Milliarden Euro entsprechen. EU-Weine halten mit sofortiger Wirkung zollfreien Eintritt in die Supermarktregale, auch das Potenzial bei Molkereierzeugnissen sowie Teig-, Back- und Süßwaren als auch bei Fleischwaren ist hoch.

Gerade im Lebensmittelbereich dürfen allerdings die allgemeinen Tücken des Japangeschäfts, die wohl auch nach dem Zollabbau verbleiben, nicht unterschätzt werden. Beispielsweise weist das Unternehmen SKW East Asia auf die Problematik der Zweidrittelregel hin: Diese besagt, dass zwei Drittel der Haltbarkeitsdauer eines Nahrungsmittels noch gewährleistet sein müssen, wenn es in die Ladenregale kommt.

Dies ist durch die komplexen Vertriebsstrukturen in Japan allerdings nur schwer kalkulierbar. Im Ballungsgebiet von Tokio beispielsweise verfügen kleine Läden über äußerst geringe Lagerflächen und bestreiten ihren Geschäftsalltag mit kleinen, aber zahlreichen Lieferungen – das lohnt sich für Waren aus dem Ausland oftmals nicht. Generell werden Lieferanten trotz der neuen Marktchancen auch in Zukunft kaum um Partner mit Japanexpertise herumkommen.

Für Japan liegt der Nutzen des Abkommens vor allem in den Kapitalgütern. So gewährt die EU Zollsenkungen auf wichtige industrielle Erzeugnisse wie etwa Fahrzeuge und elektrische Maschinen. Der Abbau der Zölle auf Agrarwaren erfolgt stufenweise über eine Periode von bis zu 16 Jahren. Für Komplettfahrzeuge aus japanischer Produktion wird der bestehende Zollsatz von zehn Prozent bis 2027 in sieben Jahresschritten auf null gesenkt. Gerade die japanischen Kfz-Hersteller pochen darauf, ihren in den vergangenen Jahren gesunkenen Kfz-Anteil in der EU wieder zu erhöhen.