Höhere Entwicklungsstufe

Neue Produkte nahe der Absatzmärkte zur Marktreife zu bringen, wird immer wichtiger. Deshalb verlegen Unternehmen aus aller Welt Teile ihrer Forschung und Entwicklung nach Fernost. Dort finden sie zudem top ausgebildete Fachkräfte – und immer häufiger sogar staatliche Unterstützung.

Juni 2017
Autoren:  Corinne Abele, Oliver Höflinger, Thomas Hundt, Rainer Jaensch, Frank Malerius, Jürgen Maurer

Rekordbau: Das Radioteleskop FAST in der Provinz Guizhou in China ist das größte der Welt. Im Sommer 2016 setzten Arbeiter nach fünf Jahren Bauzeit das letzte von 4.450 Panels in die gewaltige Schüssel ein. China will mit dem umgerechnet 160 Millionen Euro teuren Projekt bis zu 20 Jahre lang führend in der Radioastronomie bleiben. | © Wu dongjun/Imaginechina/laif

Sie sind lautlos, meistens unsichtbar, und sie erleichtern die ersten Schritte des Reisenden am Flughafen. Sie stecken im Gepäckband oder in der Personenschleuse, und die Sick AG hat sie entwickelt – möglicherweise in ihrem Labor in Singapur. Minilichtschranken. Der Breisgauer Automationsspezialist forscht seit dem Jahr 2009 in der südostasiatischen Hightechmetropole an optischen Sensoren.

Die Gründe dafür könnten aus einem Managementlehrbuch stammen, Kapitel: Forschung & Entwicklung (F & E). „Durch die Nähe zu den Absatzmärkten können wir schneller auf die Bedürfnisse der Kunden reagieren“, erklärt Sicks Asienverantwortlicher Thomas Blümcke. „Zudem haben die dortigen Mitarbeiter eine hohe technische Kompetenz.“

Nach der Fertigung verlagern sich nun auch Forschung & Entwicklung in Richtung Asien.

Doch das sei längst nicht alles, fährt Blümcke fort. „Die Regierung hilft uns über bürokratische Hürden hinweg und fördert die Vernetzung mit verschiedenen Interessengruppen.“ Angst vor Ideenklau hat Blümcke nicht. „Unser geistiges Eigentum wird geschützt.“ All diese Anreize machen Singapur – ein Land, das praktisch alle Lebensmittel und sogar sein Wasser importieren muss, dessen Schüler laut internationaler Pisa-Studie aber die klügsten der Welt sind – zu einer F & E-Großmacht. Nirgendwo sonst forschen an einem so kleinen Ort so viele Unternehmen auf so hohem Niveau.

Auf dem Weg zur Nummer eins

Singapur ist Vorbild der gesamten Region zwischen Indien und Japan, die immer mehr zum Forschungslabor international tätiger Unternehmen wird. Im Jahr 2016 entfielen prognostizierte 42 Prozent der weltweiten F & E-Ausgaben auf Asien – genau doppelt so viel wie in Europa. Allein China steht bereits für 20 Prozent der weltweiten Forschungsbudgets. Berechnet nach Kaufkraftparität wurden in der Volksrepublik im vergangenen Jahr etwa 400 Milliarden US-Dollar für F & E ausgegeben.

Forschung & Entwicklung in Asien

2020

Schon im Jahr 2020 könnte China weltweit die Nummer eins bei den Forschungsausgaben sein.

42 %

der weltweiten F&E-Ausgaben entfielen im Jahr 2016 auf Asien: doppelt so viel wie in Europa.

Einzig in den USA waren es mit 514 Milliarden US-Dollar noch mehr. Aber schon 2020 sehen Experten China als Nummer eins bei den Forschungsausgaben. Auch anderswo floriert die asiatische Forschungslandschaft: Japan und Südkorea geben nach Israel die höchsten Anteile des Bruttoinlands­produkts für F & E aus. In Indien wird in der Informations- und Biotechnologie internationale Spitzenforschung betrieben.

China ist Getriebener des eigenen Erfolges. Weil die Löhne für arbeitsintensive Fertigung mittlerweile zu hoch sind, muss sich das Wirtschaftsmodell verändern – hin zu innovationsgetriebener Wertschöpfung. Dafür baut China sein Forschungssystem um.

Ausgaben für F&E 2016 in Mrd. US-Dollar (nach Kaufkraftparität)

Quellen: R&D Magazine, World Intellectual Property Organization, Ministry of Economic Affairs Taiwan

„Bisher mangelte es aber an Effizienz: Ausschreibungen, Management und Evaluation lagen in einer Hand, dadurch blieb der Output hinter den Erwartungen zurück“, sagt Margot Schüller, die am German Institute of Global and Area Studies (Giga) in Hamburg über das chinesische Innovationssystem forscht. „Mittlerweile werden die Gelder zielgerichteter eingesetzt, und auch ausländische Unternehmen erhalten Zugang zu Förderung.“

Es war abzusehen: Zuerst haben immer mehr internationale Firmen ihre Fertigung nach Asien verlagert. Irgendwann mussten dann auch Forschung und Entwicklung folgen. Schließlich erfordern die lokalen Bedürfnisse der Konsumenten angepasste Produkte. „Bei uns fährt eine U-Bahn alle fünf bis zehn Minuten – in den großen chinesischen Metropolen aber alle zwei“, erklärt Giga-Expertin Schüller. „Die passenden Kontroll- und Sicherungssysteme kann man nur vor Ort entwickeln.“