Ideenfabriken

Der Innovationsdruck steigt. Spätestens seit der Coronakrise wollen viele Unternehmen ihre Forschung und Entwicklung (F & E) näher an wichtigen Produktionsstätten ansiedeln, ob im In- oder Ausland. Wie Unternehmen ihre globale F & E jetzt klug ausrichten.

Juni 2020
Autoren: Florian Steinmeyer, Corinne Abele, Peter Buerstedde, Gloria Rose und Heiko Steinacher

Die Chemiker Nitin Bamgude (links) und Rashmi Sudheer begutachten die Transparenz von Folien im BASF-Labor für Kunststoffadditive im indischen Mumbai. Dort betreibt der deutsche Konzern auch ­weitere Forschungseinrichtungen für Haushalt, ­Kosmetik und Körperpflege, Kraft- und Schmier­stoffe sowie Dispersionen und Pigmente. © BASF SE

Ein Entwicklungszentrum des deutschen Licht- und Elektronikspezialisten Hella vermutet man an vielen Orten der Welt, aber nicht unbedingt im mexikanischen Guadalajara. Und doch ist der Konzern aus Lippstadt bereits seit mehr als 25 Jahren mit F & E-Aktivitäten an dem Standort im Westen ­Mexikos aktiv.

„Wir betreiben zwei Zentren in Gua­da­lajara, jeweils eins für Elektronik und eins für Lichttechnik“, sagt Klaus Matauschek. Er leitet die dortige Entwicklung im Bereich Licht. Mittlerweile sind insgesamt rund 350 Ingenieure in der Produktentwicklung tätig. Weltweit beschäftigt Hella knapp 7.800 Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung. Der Konzern ist in rund 35 Ländern vertreten und betreibt insgesamt mehr als 25 eigene F & E-Standorte.

»In Mexiko finden wir hoch qualifiziertes
F & E-Personal zu wettbewerbsfähigen Löhnen.«

Klaus Matauschek,
Leiter Lichtforschung bei Hella in Guadalajara

Deutsche Firmen wie Hella forschen und entwickeln nicht nur im Heimatmarkt und nah gelegenen EU-Ausland, sondern verstärkt auch auf anderen Kontinenten. Indem Firmen ihre F & E-Aktivitäten ins Ausland verlagern, können sie sich so auch besser an die dortigen Marktgegebenheiten anpassen. „In Mexiko nehmen wir die Grundlagen­forschung aus der Firmenzentrale auf und designen daraus auf den nordamerikanischen Markt zugeschnittene Produkte, da die dortigen Standards für Kfz-Beleuchtung von den europäischen abweichen“, sagt Matauschek.

Nicht nur die besonderen Marktbedürfnisse lockten Hella nach Mexiko, sondern auch das Know-how vor Ort. „Wir finden hier hoch qualifiziertes Personal zu international wettbewerbsfähigen Löhnen“, sagt Matauschek. Mexiko hat zahlreiche gut ausgestattete Universitäten und der Staat fördert Forschungsaktivitäten. Das sorgt dafür, dass mittlerweile auch in Schwellenländern ausreichend Ingenieure und Techniker bereitstehen, die auf hohem Niveau arbeiten.

Die Herausforderer

Mut zur Offenheit: Trotz schwieriger Bedingungen wie in Brasilien kann F & E im Ausland wesentlich zur Innovation im Unternehmen beitragen.

Neue Realität

Hella ist keine Ausnahme, auch andere Firmen stärken ihre F & E-Aktivitäten im Ausland. „Vor allem Großunter­nehmen bauen neue Entwicklungskooperationen oder gar eigene Research-Center außerhalb Deutschlands auf“, berichtet ­Thomas Dickert, Abteilungsleiter für internationale Forschungsprogramme und Netzwerke bei der Fraunhofer-Gesellschaft. „Firmen wollen auch an den Hotspots ihrer Branche entwickeln. Reine Vertriebsrepräsentanzen reichen oft nicht mehr aus.“

Welches Land für F & E-Aktivitäten infrage kommt, hängt stark von der Branche ab – und natürlich davon, wo eine besonders gute Infrastruktur besteht. Zur Sondierung verfolgen Unternehmen jeweils ihre relevanten Märkte, beispielsweise über Messen und Kongresse. Auch die Suche nach besonders innovationsstarken Firmen kann ein Fingerzeig sein. „Das akademische Umfeld ist ebenfalls wichtig, da Institute und Universitäten wichtige Partner in der anwendungsbezogenen Forschung sind“, sagt Dickert.

Bisher vernachlässigte Länder werden zwar wichtiger, aber noch immer orientieren sich deutsche Firmen vor allem in Richtung traditionell innovationsstarker Nationen, beobachtet Torsten Nyncke, Abteilungsleiter der Fraunhofer Auslandsgesellschaften und Vertretungen. „Die allermeisten versuchen, Partnerschaften mit Unternehmen in den USA oder der EU aufzubauen“, sagt er.

Länder wie Brasilien und Indien bieten bereits eigene spannende Forschungskapazitäten. Für viele Unternehmen sind hier aber Anpassungen an Marktbesonderheiten relevant. „Und dann gibt es noch internationale Juwelen wie Singapur, Japan oder Südkorea, die künftig eine größere Rolle spielen können“, sagt Nyncke.