»Immenses Reservoir an Ideen«

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert Kreativunternehmen in Marokko, Kenia, Senegal, Südafrika, Jordanien, Libanon und Irak. Im Interview erklärt Friederike Kärcher, Referatsleiterin Medien, Kultur, Kreativwirtschaft und Sport die Hintergründe.

August 2021
Interview: Samira Akrach

Das Bundesentwicklungsministerium fördert die Kultur- und Kreativwirtschaft in Afrika. Warum?

Wir sehen diesen Bereich als Zukunftsmarkt und wollen Ausbildung, Beschäftigung und Einkommen für junge Kreative in Entwicklungsländern langfristig verbessern. Deshalb haben wir ein länderübergreifendes Projekt „Kultur und Kreativwirtschaft“ in Marokko, Kenia, Senegal, Südafrika, Jordanien, Libanon und Irak aufgelegt, das erstmals schöpferische Kreativität als Ressource und Vehikel für Entwicklung in den Mittelpunkt stellt. Kultur ist zentral für nachhaltige Entwicklung und damit auch für den Erfolg von Entwicklungspolitik. Kultur schafft Identität, stärkt gesellschaftlichen Zusammenhalt – und ist vor allem ein wachsender Wirtschaftsfaktor. Deshalb fördert die deutsche Entwicklungspolitik seit 2017 diesen Zukunftsmarkt. Neu ist dabei, Kultur als Wirtschaftsfaktor zu unterstützen und sein Einkommens- und Beschäftigungspotenzial insbesondere für junge Menschen zu nutzen.

Wer kann sich bewerben?

Zielgruppe des Projekts sind vor allem junge Kreative, Unternehmen sowie auch Verbände, Netzwerke und Interessensvertretungen in diesen Ländern, die Beratungsleistungen unter anderem zu Unternehmertum, Geschäftsentwicklung und Organisationsaufbau erhalten. Inhaltlicher Schwerpunkt liegt auf den Branchen Mode, Design, Musik und Animation.

Gibt es weitere Förderprogramme speziell für diese Branche?

Ja, Bundesentwicklungsminister Müller hat im Jahr 2017 die Initiative „Zukunft.Markt.Film.“ ins Leben gerufen, die in über zwanzig Ländern Afrikas umgesetzt wird. Sie unterstützt Filmschaffende in Afrika durch gezielte Qualifizierungsangebote dabei, wirtschaftlich erfolgreiche Filme und Serien zu gesellschaftlich relevanten Themen zu produzieren. Bislang wurden mehr als 1.200 Filmschaffende aus- und weitergebildet. Im Umfeld der Filmproduktion entstanden neue Arbeitsplätze und Unternehmen – von Gastronomie bis Location-Scouting. Damit wurden die Partnerländer auch als Filmstandorte gestärkt.

Sie haben eben gesagt, dass Kultur in Afrika ein wachsender Wirtschaftsfaktor ist. Was genau meinen Sie damit?

In vielen Ländern Afrikas zählt die Kreativwirtschaft zu den wachstumsstärksten Branchen: Film zum Beispiel, Musik, Mode, Design, Animation oder Gaming. In Kenia etwa ist der Unterhaltungs- und Mediensektor zwischen 2014 bis 2018 um durchschnittlich 15,1 Prozent gewachsen – getrieben von seinen digitalen Branchen. Das Bruttoinlandsprodukt stieg währenddessen nur um 8,7 Prozent jährlich. Die Weltbank prognostizierte für die Kreativbranchen 2017 einen jährlichen Zuwachs von etwa zehn Prozent – mit besonders starkem Wachstum in Nordafrika. Hier wie auch in Subsahara-Afrika bietet die Kreativwirtschaft insbesondere jungen Menschen gute Erwerbschancen mit aussichtsreichen Zukunftsperspektiven. Für die deutsche Entwicklungspolitik ist der Kreativsektor daher in mehrfacher Hinsicht von besonderem Interesse: als Zukunftsmarkt für Beschäftigung und Einkommen junger Menschen, als Innovationsmotor für die lokale Wirtschaft und als Kooperationsfeld für neue Partner aus dem Kultur- und Kreativbereich. Zudem transportiert die Kreativwirtschaft wie wenige andere Branchen das Bild von Afrika als Chancenkontinent.

Können Sie Beispiele nennen?

Welche wirtschaftliche Rolle die Kreativbranche jeweils spielt, unterscheidet sich von Land zu Land. Außerdem ist die Datenlage dazu nach wie vor eingeschränkt.

In Südafrika zum Beispiel trägt die Kultur- und Kreativwirtschaft schon jetzt mit 5,6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. In Nigeria wächst die Musikwirtschaft mit einer jährlichen Rate von 13,4 Prozent. Gleichzeitig fördern die Kreativbranchen direkt wie indirekt die wirtschaftliche Wertschöpfung und Beschäftigung in verknüpften Branchen wie dem Tourismus, der Gastronomie, den Informations- und Kommunikationstechnologien oder der Textilbranche. Kultur- und Kreativgüter haben sich außerdem durch ihre vergleichsweisen niedrigen Handelshemmnisse als Exportprodukte und Quelle für ausländische Devisen bewiesen. Die globale Nachfrage nach originellen kreativen Gütern und Dienstleistungen steigt.

 

»Die Kreativwirtschaft in afrikanischen Ländern ist vor allem eines: dynamisch.«

Friederike Kärcher
Referatsleiterin Medien, Kultur, Kreativwirtschaft und Sport im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung

Es heißt oft, die Kreativwirtschaft sei zudem ein Motor des Wandels – was ist damit gemeint?

Häufig finden gerade junge Kultur- und Kreativschaffende neue Lösungsansätze für aktuelle Herausforderungen – und entwickeln daraus erfolgreiche Geschäftsmodelle: Video on Demand als Antwort auf kaum vorhandene Kinosäle, Gaming-Angebote für praxisnahen Unterricht, Arbeiten in der Cloud zur Überbrückung großer Distanzen oder Crowdfunding zur Finanzierung neuer Ideen und Produkte. Sie experimentieren mit neuartigen Technologien und Materialien, erproben neue Kooperationsformen und treiben die digitale Transformation voran. Vor allem befördern sie Austausch und Cross-Innovation mit anderen Wirtschaftszweigen. Insofern ist die Kreativwirtschaft ein Inkubator für die Arbeitswelt von morgen. Nachhaltige Entwicklung braucht diesen Mut zu Innovation.

Was macht die Kreativwirtschaft speziell in Afrika aus?

Die Kreativwirtschaft in afrikanischen Ländern ist vor allem eines: dynamisch. Sie ist jung, vielfältig und anpassungsfähig. Grund dafür ist ein reiches immaterielles Kulturerbe – die starken mündlichen Traditionen, Muster, Farben, Tänze und Gesänge. Andererseits treibt die rapide Digitalisierung die Kreativbranche an, außerdem die wachsende Nachfrage nach eigenen, lokal hergestellten Kulturprodukten. Heute existiert in verschiedenen afrikanischen Ländern eine innovative Kreativszene. So ist „Nollywood“ in Nigeria nach „Bollywood“ in Indien der zweitgrößte Filmproduktionsstandort weltweit. Filme aus afrikanischen Ländern gewinnen durch Streaming-Dienste wie Netflix an internationaler Aufmerksamkeit, bestechen durch innovative Erzähl- sowie auch Sende-Formate wie Web-TV und mobiles Kino per Handy.

Und wie können Vertreter der deutschen Kreativwirtschaft davon profitieren?

Die deutsche Kreativwirtschaft kann das immense Reservoir an Ideen und Flexibilität der Kreativwirtschaft in Afrika nutzen, zudem kann sie von jungen und starken Arbeitskräften profitieren. Denkbar sind Unternehmenskooperationen, in deren Rahmen deutsche Unternehmen die Ressource Kreativität aus afrikanischen Ländern mit ihren eigenen Vertriebsmöglichkeiten und Marktzugängen gewinnbringend kombinieren. Voraussetzung dafür sind faire Verträge und Vergütung.

Service & Kontakt