Ins Rollen gebracht

Das vietnamesische Konglomerat Vingroup steckt 3,5 Milliarden US-Dollar in das weltweit größte Projekt der Automobilindustrie. Die Vietnamesen wollen im eigenen Land Elektroroller produzieren, später auch Pkw. Und das alles mit deutscher Unterstützung.

April 2018
Autorin:  Frauke Schmitz-Bauerdick

Nichts schien das Absinken der vietnamesischen Autoindustrie in die Bedeutungslosigkeit mehr aufhalten zu können. Zwar hatte die Regierung große Pläne: Vietnam sollte sich bis 2025 als Autonation etablieren. Die Erfolge aber blieben aus. Lediglich bei Nutzfahrzeugen schaffte es ein vietnamesischer Anbieter, eigene Fahrzeuge zu bauen. Die sonstige Industrie konzentrierte sich auf die Montage von Kfz-Bausätzen.

Mit Blick auf die Absenkung von Einfuhrzöllen auf Automobile ab 2018 sagten Branchenexperten den lokalen, verhältnismäßig kleinen Montagewerken eine düstere Zukunft voraus. Zu groß sei die Konkurrenz, besonders aus Thailand, und zu niedrig der Entwicklungsstand vietnamesischer Autofirmen, um international konkurrieren zu können. Selbst das vietnamesische Industrie- und Handelsministerium erklärte im Juni 2017 die Versuche, eine eigenständige Kfz-Branche aufzubauen, für gescheitert.

Roller gehören in Vietnam zu den beliebtesten Verkehrsmitteln. Allerdings brauchen Fahrer starke Nerven: Verkehrsregeln werden flexibel ausgelegt.

© picture alliance/robert-harding

Das könnte sich nun ändern. Anfang September weckte die Vingroup mit einem Paukenschlag einen ganzen Wirtschaftszweig aus dem Dämmerschlaf. Das größte Immobilienunternehmen des Landes und breit aufgestellte Industriekonglomerat will den nationalen Traum vom vietnamesischen Volkswagen wahr machen. Vinfast, eine 100-prozentige Tochter der Vingroup, wird vietnamesische Autos bauen. Geplante Investitionshöhe: 3,5 Milliarden US-Dollar. Daran gemessen wäre es das weltweit größte Projekt der Automobilindustrie.

Die Planungen sind ehrgeizig, der Zeitplan ist eng. Im September legte Premierminister Nguyen Xuan Phuc den Grundstein für das neue Werk in der nordvietnamesischen Hafenstadt Haiphong. Ende 2018 sollen dort die ersten Elektroroller und im September 2019 das erste Vinfast-Auto vom Band rollen. Bis 2025 will das Unternehmen 500.000 Fahrzeuge pro Jahr produzieren, um den wachsenden Bedarf insbesondere der städtischen Mittelschicht erfüllen zu können: zuerst Benziner, in Zukunft auch Elektroautos.

»Kleinere Zulieferer könnten ihre Produktion von der VR China nach Vietnam verlegen.«

Frank Schöninger, Unternehmensberater und Vietnamexperte

Damit das Großprojekt gelingt, hat sich Vinfast namhafte Partner gesucht. Bosch ist in Vietnam mit einer großen Produktion von Autozubehör vertreten und soll Teile zuliefern und das Unternehmen beim Aufbau und bei der Organisation der Produktion beraten. Auch Siemens engagiert sich und wird sein Wissen um modernes Fabrikmanagement und Industrie 4.0 einbringen. Beim kreativen Teil haben die Vietnamesen ebenfalls keine Kosten und Mühen gescheut: Namhafte italienische Autodesigner haben 20 SUVs und Limousinen entworfen. Über die Designs ließ Vinfast im Oktober im Internet abstimmen.

Fachkräfte durch duale Ausbildung

Bei der Ausbildung der Fachkräfte, die in Vietnam knapp sind, setzt Vinfast auf die Zusammenarbeit mit der Auslandshandelskammer Vietnam (AHK). Im Oktober vereinbarten Vinfast und die AHK den Aufbau der beiden dualen Ausbildungsgänge Industriemechaniker und Mechatroniker. „Ich bin sehr stolz, dass sich Vinfast für das duale Ausbildungsmodell entschieden hat“, sagt AHK-Geschäftsführer Marko Walde. Vinfast ist das erste vietnamesische Unternehmen, das deutsche Ausbildungsstandards übernimmt.

Die Begeisterung der vietnamesischen Bevölkerung ist groß, und die Unterstützung des Projekts durch die Regierung gesichert. Dennoch bleiben Zweifel: Wird Vinfast in der Lage sein, qualitativ und preislich mit international renommierten und in Vietnam gern gefahrenen Marken wie Kia oder Toyota zu konkurrieren?

Zahlen & Fakten

27,2 %

mehr Pkw wurden in Vietnam im Jahr 2016 im Vergleich zum Vorjahr verkauft.

1,8 Mio.

Autos könnten ab 2030 jährlich in Vietnam verkauft werden, schätzt das vietnamesische Industrie- und Handelsministerium.

Quellen: Vietnam Automobile Manufacturers’ Association, Vietnam Ministry of Industry and Trade

Frank Schöninger, Managing Director des Automotive-Beratungsunternehmens Sopec, kennt die Bedenken. Er sieht aber Erfolgschancen für das Mammutprojekt. Das Wichtigste sei, die Kosten im Griff zu haben. Dafür müsste Vinfast eine lokale Zuliefererstruktur aufbauen. Das Unternehmen plant, bis zu 60 Prozent lokal zu beschaffen.

So sollen Vinfast-Autos ein Preisniveau wie vergleichbare Toyota-Modelle erreichen. Weil es im Land an hinreichend qualifizierten Zulieferern mangelt, will Vinfast potenzielle vietnamesische Produzenten selbst ausbilden. Bei der immensen Größe des Projekts könnte es sich für kleinere ausländische Zulieferer lohnen, eine Produktion aus der VR China nach Vietnam zu verlegen, sagt Schöninger.

Ob die Strategie aufgeht oder ob die Ziele zu hochgesteckt sind, bleibt abzuwarten. Jedenfalls bekommt Rent-A-Port, der Betreiber des Automobilzulieferparks der Deep C Industrial Zone in Haiphong, in dessen Nachbarschaft die Vinfast-Fabrik gebaut wird, neuerdings vermehrt Anfragen von Automobilunternehmen.

Gut zu wissen