»China hat seine Planbarkeit verloren«

Wie wird sich das Chinageschäft für deutsche Unternehmen verändern? Antworten auf diese und andere drängende Fragen gibt der Präsident der Europäischen Handelskammer in Beijing.

Oktober 2022
Interview: Corinne Abele

Wie ernst müssen europäische ­Firmen ihre ­chinesischen Konkurrenten ­nehmen?

60 Prozent der von uns befragten Firmen halten ihre chinesischen Wettbewerber für genauso gut oder noch besser. Vor allem auf Drittmärkten stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis der Chinesen. Das zeigen auch Chinas Exporte, die immer noch um 20 Prozent zulegen, während die Importe vor sich hindümpeln. Kurz gesagt: Die Chinesen gewinnen im Rest der Welt Marktanteile, während wir unsere in ­China verlieren.

Was müssen die Europäer ­beachten?

Wichtig ist, dass wir in China am Markt mit den Kunden zusammenarbeiten. Wir müssen hier Produkte entwickeln, die auch weltweit attraktiv sind. Dabei wird vor allem die Politik in China immer unberechenbarer. Früher konnten wir uns auf die Fünfjahrespläne einstellen. Doch wir spüren einen wachsenden ideologischen Einfluss auf die Wirtschaft. Die Partei sitzt stärker in Kunden- und Lieferantenstrukturen, was zu ideologisierten Geschäftsentscheidungen führt, die man als Geschäftsmann nicht einschätzen kann. China hat seine Planbarkeit verloren.

Welche Rolle spielt die Zuspitzung des Konflikts in der Taiwanstraße?

Der Taiwanbesuch von Nancy Pelosi und Chinas drastische Militärübungen im Anschluss haben die Geopolitik in den Köpfen der Führungskräfte von Unternehmen weiter verankert. Schon jetzt veranlasst dies Unternehmen, die Struktur ihrer Lieferketten und Geschäftsabläufe zu überdenken.

Jörg Wuttke ist seit 1997 Geschäftsführer von BASF China. Im Mai 2019 wurde er zum dritten Mal zum Präsidenten der European Union Chamber of Commerce in China (EUCCC) gewählt. Wuttke lebt seit mehr als 20 Jahren in China.

Die Firmenzentralen sehen Abhängigkeiten von China immer kritischer. Wie wirkt sich das aus?

Es ist zu früh, das zu beantworten. Tatsächlich werden in den meisten Firmenzentralen bereits verschiedene Szenarien gefahren. Die Einreisebeschränkungen führen dazu, dass Firmenvorstände nun nach Jakarta und Indien reisen. Das öffnet vielen die Augen, China muss schnell reagieren. Allein 23 Prozent der Befragten der jüngsten Geschäftsumfrage der Europäischen Handelskammer sagen, dass sie vielleicht woanders hingehen. Wir können aufgrund rationaler Überlegungen das Land verlassen, während chinesische Firmen mit globalen Ambitionen aus Patriotismus bleiben. Die Situation ist für sie deutlich komplexer als für uns.

Steht China als Fitnesscenter und Experimentierfeld vor dem Aus?

Bislang haben wir durch die Anforderungen unserer chinesischen Kunden viel gelernt, was wir global haben einfließen lassen. Was den Wissenstransfer angeht, haben wir unsere Naivität verloren und sind inzwischen sehr viel besser aufgestellt. Die mittelständischen Hidden Champions sind deutlich vorsichtiger geworden. Inzwischen probieren wir auch bei karbonneutraler Produktion einiges in China aus. Hier haben wir Partner im KI- und 5G-Bereich, mehr Ingenieure und Risikobereitschaft – und wir kooperieren vor Ort mit internationalen Partnern. Dabei geht keine Grundlagentechnologie verloren. Firmen halten bewusst ihre Grundlagenforschung in OECD-Ländern und bauen nur ihre Entwicklungsstäbe in China aus. China schadet sich letztlich selbst.

Wie viel China kann sich ein deutscher Mittelständler künftig noch leisten?

Er wird sich immer weniger China leisten können. Wenn das europäische Lieferkettengesetz so kommt, wie es derzeit aussieht, werden wir weniger Lieferanten haben wollen, um weniger kontrollieren zu müssen. Mittelständler werden links und rechts runterfallen. Die Lieferkettengesetze werden ein Gamechanger. Wir müssen eine neue Stufe der Transparenz und Rechenschaftslegung erreichen – auch für das mögliche CO2-Grenzausgleichssystem.

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