»Über den Hafen von Beirut wurden knapp zwei Drittel der Landeseinfuhren abgewickelt.«

Interview mit Christian Glosauer, Reisekorespondent für den Libanon bei Germany Trade & Invest

August 2020
Interview: Andreas Bilfinger

Wie wichtig ist der Hafen von Beirut für den Libanon? Was bedeutet dessen Zerstörung für das Land insgesamt?

Der Libanon ist stark importabhängig, besonders bei Nahrungsmitteln, die zu über 80 Prozent eingeführt werden müssen. Über den Hafen von Beirut wurden knapp zwei Drittel der Landeseinfuhren abgewickelt, darunter auch Kraftstoffeinfuhren für libanesische Energieerzeugung. Der Hafen ist im Wesentlichen ein Importschwerpunkt, es gehen im Vergleich nur ein Bruchteil der Einfuhrmenge über den Hafen in den Export. Die monatliche Einfuhrtonnage schwankt zwischen 300.000 und 600.000 Tonnen, das Exportvolumen liegt zwischen 40.000 und 80.000 Tonnen pro Monat. Im Mai 2020 wurden 341.641 Tonnen an Güter über Beirut abgewickelt.

Da der Hafen mindestens bis Jahresende, wahrscheinlich länger, nicht mehr betrieben werden kann, muss auf den zweitgrößten Hafen Tripoli etwa 50 Kilometer nördlich von Beirut ausgewichen werden. Tripoli war bislang nur zu 40 Prozent ausgelastet und kann einen Teil des Verkehrs aufnehmen. Libanon ist aus chinesischer Sicht ein Glied in der Kette seiner Belt and Road Initiative (Neue Seidenstraße) und das Land engagiert sich bereits im Hafen Tripoli. Die China Harbor Engineering Company (CHEC) soll dabei helfen, den Hafen für die Aufnahme größerer Schiffe vorzubereiten. Dazu gehört eine Verlängerung der Anlegequais auf 2.200 Meter und Vertiefung auf 12 Meter Tiefgang, die Installierung chinesischer Containerkräne.

Der Hafen Beirut diente bislang mit als strategischer Getreidespeicher der Nation. Beirut importiert etwa 1,2 Millionen Tonnen Weizen und 900.000 Tonnen Mais jährlich. Diese Einfuhren müssen aufrechterhalten werden, soll es nicht zu einem Volksaufstand kommen, wie die Unruhen bei der letzten Brotpreiserhöhung demonstrieren. Der Weizen kommt hauptsächlich aus Russland und der Ukraine. Der meiste Weizen wurde bislang über das Terminal eingeführt, das zerstört wurde.

Geopolitisch dürften konkurrierende Akteure den Ausfall des Hafens als Chance sehen, ihren Einfluss im Land auszudehnen. Dazu gehören China, Russland mit Syrien, Damaskus hat den Hafen Tartus an Russland vermietet. Auch die Türkei hat ihre Häfen als Ausweichmöglichkeiten angeboten.

Wovon lebt der Libanon, was wird in dem Land produziert oder hergestellt?

Kaum eine Volkswirtschaft in der Region ist so stark vom Ausland abhängig wie der Libanon. Das Land ist weder bei Nahrungsmitteln noch bei Energie auch nur annähernd Selbstversorger. Es gibt wenig Industrie, die Stärken Libanons liegen bei Dienstleistungen wie Banking, Tourismus, Logistik aber auch Ingenieursdienstleistungen vor allem für die Bauwirtschaft. Auch die vergleichsweise gut ausgebildeten jungen Libanesen, die bislang Beschäftigung im Ausland finden, stellen einen Dienstleistungsexport dar. Allerdings sind zwei Säulen der libanesischen Einkommen zusätzlich zu Corona noch weiter unter Druck gekommen: Tourismus und Gastarbeiterüberweisungen. Durch die niedrigen Ölpreise sinken die Beschäftigungschancen von jungen Libanesen in den Golfstaaten, die derzeit selbst unter Finanzierungsdruck kommen. Zwischen Oktober 2018 und September 2019 betrugen die Netto-Überweisungen der Auslandslibanesen rund drei Milliarden US-Dollar oder etwa fünf Prozent des BIP. Die Tourismuseinnahmen für 2019 werden auf 2,5 Milliarden US-Dollar geschätzt. Hier spielen die Golfaraber traditionell eine große Rolle, da viele in den heißen Sommermonaten in den Libanon ausweichen. Auf der Habenseite entlasten die niedrigen Ölpreise den Staatshaushalt, da das Land fast vollständig auf Energieeinfuhren angewiesen ist.

»Der libanesische Staat war immer vergleichsweise schwach, er musste die Interessen von 19 verschiedenen Konfessionen im Land austarieren. Das machte das Land deutlich freier als andere arabische Staaten.«

Christian Glosauer,
Reisekorrespondent für den Libanon bei Germany Trade & Invest

Welches sind die wichtigsten Einnahmequellen des Staates?

Der libanesische Staat ist formal seit März 2020 insolvent. Den Offenbarungseid leistete die neue Regierung unter Premierminister Hassan Diab (seit Januar 2020) am 9. März 2020, als Libanon eine Eurobond-Anleihe über 1,2 Milliarden US-Dollar nicht mehr bediente – der erste Zahlungsausfall seit Jahrzehnten. Das Land hatte Ende 2019 Auslandsverbindlichkeiten von 196 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Darin enthalten sind die Einlagen von Ausländern (vor allem libanesische Diaspora) bei libanesischen Banken. Die Staatsverschuldung lag Ende 2019 bei 155 Prozent des BIP. Dagegen beliefen sich die Auslandsverbindlichkeiten des Staates Ende 2019 auf lediglich 20 Prozent des BIP. Nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) beliefen sich 2019 die Zinszahlungen auf die öffentliche Schuld auf 9,4 Prozent des BIP und beanspruchten damit etwa 44 Prozent der Staatseinnahmen. Das Haushaltsdefizit wird für 2020 auf 16 Prozent der Wirtschaftsleistung geschätzt, dürfte aber nach der jüngsten Katastrophe noch höher ausfallen.

Kann man von einem funktionierenden Staat Libanon im Sinne Europas sprechen oder ist es ein sogenannter „failed state“?

Der libanesische Staat war immer vergleichsweise schwach. Er musste geschickt die Interessen von 19 verschiedenen Konfessionen im Land austarieren, was mehr oder weniger gut funktionierte. Das machte das Land deutlich „demokratischer“ und freier als andere arabische Staaten, was sich auch in einer sehr freien Presse ausdrückte. Allerdings wurden dadurch Langfristplanungen erschwert, Entscheidungen wurden nicht gefällt, wie es an der maroden Energieversorgung abgelesen werden kann. Die Hafenzerstörung ist neben den Toten und materiellen Schäden auch ein weiterer Ansehensverlust für die Staatsmacht, die offensichtlich eine solche Katastrophe nicht verhindern konnte. Das Vertrauen in den Staat dürfte derzeit am Nullpunkt sein.

War der Libanon vor der Explosion attraktiv für deutsche Investoren oder Unternehmen – und ist er es jetzt noch?

Es gibt keine nennenswerten deutschen Investitionen im Libanon. Der kleine Binnenmarkt, der gleichzeitig dem Importdruck mächtiger Nachbarn wie der Türkei aber auch China ausgesetzt ist, bietet wenig Chancen für lokale Produktionen auch wegen der fehlenden industriellen Tradition. Libanon ist seit den Phöniziern eine Handelsnation. Solange die erhebliche libanesische Diaspora, die weltweit auf 16 Millionen geschätzt wird, nicht in der Heimat investiert, fällt es schwer, Ausländer dazu zu motivieren.

Derzeit werden die Karten neu gemischt. Es können sich künftig Geschäftschancen für deutsche Unternehmen im Windschatten des chinesischen Engagements ergeben. Der chinesische Botschafter im Libanon gab auf der Investorenkonferenz 2018 in Beirut ausdrücklich eine Art Sicherheitsgarantie für das Land ab.

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