»Das Start-up-Ökosystem boomt regelrecht«

Indien hat den Boden für eine schnell wachsende Start-up-Szene bereitet – in allen Sektoren der Wirtschaft. Julian Zix will deutsche und indische Start-ups zusammenbringen. Er ist sich sicher: Beide können voneinander profitieren.

Februar 2022
Interview: Florian Wenke

© Sorbetto/Getty Images, German Indian Startup Exchange Program (GINSEP)/Julian Zix

Herr Zix, wie bringen Sie deutsche und indische Start-ups zusammen?

Unser Netzwerk umfasst Start-ups aus beiden Ländern sowie mehr als 150 Organisationen, die bei der Erschließung beider Märkte helfen. Wir unterstützen hauptsächlich beim Marktzugang, führen aber auch Pilotprojekte durch, die indische Fachkräfte und Investoren mit deutschen Start-ups vernetzen. In Deutschland besteht ein Großteil unserer Arbeit darin, Indien als mögliches Ziel für die Markterschließung zu platzieren. In Indien muss Deutschland derzeit weniger „verkauft“ werden, dort geht es meist direkt um das Vernetzen mit relevanten Akteuren.

Was zeichnet den indischen Markt in Bezug auf Start-ups aus?

Bezeichnend sind Dynamik und Vielfalt. Das Start-up-Ökosystem boomte zuletzt regelrecht und ist nun das drittgrößte weltweit mit mehr als 40.000 aktiven Start-ups. Mittlerweile existieren mehr als 700 Hubs, die durch verschiedene Regierungsprogramme gefördert werden. Hotspots sind vor allem Metropolregionen wie Bengaluru, Delhi und Mumbai, aber man findet überall verteilt schnell wachsende, regionale Ökosysteme. Sie überzeugen durch Fachkräfte, eine große Investorenszene, Tech-Affinität und ein risikofreudiges Start-up-Mindset. Zusätzlich gibt es viele Intermediäre, also Organisationen, die mit ihren Programmen das Start-up-Ökosystem stärken. In Sachen Digitalisierung sind die Inder vielfach weiter als die Deutschen, das ist hilfreich.

Welche Bereiche entwickeln sich ­aktuell besonders dynamisch?

Im vergangenen Jahr haben vor allem Tech-Start-ups der Bereiche Finanzen, Bildung, Lebensmittel und Gesundheit viel Geld eingesammelt. Der E-Commerce-Bereich hat den größten Aufschwung erlebt, vor allem der Lebensmittelsektor. Dort haben sich Marktplätze und sogenannte Farm-to-Consumer-Marken etabliert, also Webseiten, die Erzeuger und Endkunden direkt miteinander vernetzen. Auch sogenannte Foodtechs haben große Deals gelandet, sie gehören gemessen an der Investitionssumme sogar zu den Top Drei. Im Healthtechsektor haben telemedizinische Lösungen einen Aufschwung erfahren. Und: Der Umstieg auf Homeoffice hat Enterprise-Tech-Lösungen und E-Learning-Plattformen boomen lassen.

»Die Unternehmen sollten offener für nicht deutschsprachige Fachkräfte werden, um Zugriff auf einen wesentlich größeren Talentpool zu haben. «

Julian Zix leitet seit 2018 das German Indian Startup Exchange Program (GINSEP). Zuvor war er fünf Jahre in Beratungsunternehmen und als Projektmanager in Indien tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Start-ups, Entrepreneurship und Private-Sector-Development in Schwellenländern.

Wie unterscheidet sich die deutsche und indische Start-up-Mentalität?

Das lässt sich zwar nicht pauschalisieren, es gibt jedoch einige Tendenzen. Indische Gründer wirken oft risikofreudiger als deutsche und sind als Problemlöser bekannt. Dafür steht das indische Wort „Jugaad“ – eine praxisorientierte Improvisationsfähigkeit. Außerdem tendieren indische Gründer ab und an dazu, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen, während deutsche Gründer eher länger abwarten und akribisch planen. In Indien dürften viel mehr Start-ups scheitern, weil hier schlichtweg viel mehr ausprobiert wird.

Welche Chancen bieten sich für deutsche Unternehmen?

In vielen Bereichen bietet Indien größere Anwendungsmöglichkeiten und Skalierbarkeit als in Deutschland. Es empfiehlt sich zunächst eine Recherche zu Einstiegsregionen, potenziellen Partnerorganisationen und Wettbewerbern. Dann folgt der Aufbau eines lokalen Netzwerkes. Eine Herausforderung ist allerdings die preissensible Kundschaft, der lokale Wettbewerb ist enorm. „Made in Germany“ genießt in Indien nach wie vor einen hervorragenden Ruf. Deutsche Produkte sind aber oft zu teuer und daher dort schwer landesweit auszurollen. Abgespeckte Lowtech-Varianten können eine auf den indischen Markt angepasste Lösung sein. Kooperationen mit lokalen Unternehmen helfen, den Markt besser zu verstehen und Produkt sowie eventuell die Strategie anzupassen.

Welche Rolle spielen indische Techtalente für deutsche Firmen?

Einerseits herrscht in Deutschland Fachkräftemangel, auch bei Start-ups. Andererseits finden viele indische Absolventen deutscher Universitäten oft lange keinen Job in Deutschland. Auch direkt aus Indien besteht Interesse, in Deutschland zu arbeiten. Es werden zwar bereits indische Fachkräfte hierzulande beschäftigt, aber das Potenzial wird nicht ausgeschöpft. Die Unternehmen sollten offener für nicht deutschsprachige Fachkräfte werden, um Zugriff auf einen wesentlich größeren Talentpool zu haben. Zudem werden indische Bewerbungen oftmals nicht korrekt bewertet, weil beispielsweise indische Abschlüsse nicht eingeordnet werden können oder das Anschreiben anders ist als hier üblich. Auch die Bundesregierung könnte die Rahmenbedingungen vereinfachen, etwa mit Start-up-Visa und sogenannten Fast-Tracks, also Schnellverfahren, die IT-Fachkräften einen einfacheren Zugang zum deutschen Markt ermöglichen.

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