„Geothermie kann über unser Energiesystem den Wärmemarkt ändern“

André Deinhardt, Geschäftsführer des Bundesverbands Geothermie, im Gespräch mit Markets International.

Interview: Quentin Blommaert

Interview Bundesverband GeothermieAndré Deinhardt ist Geschäftsführer des Bundesverbands Geothermie.

Markets International: Herr Deinhardt, was bedeutet Geothermie für die Energiewende?

André Deinhardt: Geothermie kann unser Energiesystem über den Wärmemarkt ändern. Die Wettbewerbsvorteile gegenüber fossilen und anderen Erneuerbaren Energien: Erdwärme kann man auch in Kälte umwandeln, sogenannte Absorptionskälte, und bei günstigen Bedingungen sogar zur Stromproduktion benutzen. Ein weiteres Beispiel: Aus Thermalwasser, das in Geothermie-Kraftwerken eingesetzt wird, kann man Lithium extrahieren.

Wo und wofür wird Geothermie eingesetzt?

Schon heute wird Geothermie bis 400 Meter Tiefe in Verbindung mit Wärmepumpen praktisch flächendeckend verwendet. Man kann die Erdwärme mithilfe von Wärmepumpen als Wärmeenergie zum Heizen gewinnen. Diese Nutzungsart kommt für die Wärme- und Kälteversorgung von einzelnen Häusern bis zur Versorgung von ganzen Stadtquartieren zum Einsatz. Dann gibt es noch tiefe Geothermie: Dabei werden in geologisch besonders geeigneten Regionen Wärmequellen tiefer als 400 Meter im Boden genutzt. Fernwärmesysteme, Stromproduktion und Absorptionskälte sind bisher die gängigen Anwendungen. Hotspot in Deutschland ist die Metropolregion München. Weitere besonders geeignete Gebiete befinden sich in Südwestdeutschland im Oberrheingraben und im Norddeutschen Becken.

Wird Geothermie mehr zur Wärme- oder zur Stromproduktion benutzt?

Der eindeutige Schwerpunkt liegt bei der Wärmeproduktion. Nach Zahlen der Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien erzeugten 2020 oberflächennahe Geothermie-Anlagen circa 4.800 Gigawatt-Stunden an Wärme. Die Wärme- und Stromproduktion kann vor allem Vorteile bringen, wenn sie jahreszeitlich kombiniert wird.

Stichwort Sektorkopplung: Was muss noch getan werden, um die Bereiche Strom und Wärme stärker zu verzahnen?

Die Geothermie kann den Strom- und Wärmesektor am effizientesten und umweltverträglichsten koppeln. Sie braucht wenig Platz, hat den geringsten CO2-Fußabdruck und die höchsten Jahresarbeitszahlen. Damit die Technologie optimal wirken kann, müssen aber noch einige Regeln angepasst werden und vor allem muss in Anlagetechnik und Exploration investiert werden.

Was muss sich verbessern, damit Geothermie rascher und reibungsloser eingesetzt wird?

Da gibt es einige Punkte: Investitionen in Erdwärmeanlagen sollten noch gezielter gefördert werden – finanziell, aber vor allem dadurch, dass Genehmigungsverfahren einfacher werden. Die Politik sollte beim Ordnungsrecht ansetzen, Technologie und Forschung fördern und Preissignale setzen. Ein höherer CO2-Preis böte große Chancen für die Geothermie. In der Praxis müssen Hybrid-Heizungen, die mit Strom aus erneuerbaren Energien laufen, in Zukunft der Normalfall sein. Dass immer noch klimaschädigende Technologien eingebaut werden, muss verboten werden.

Welche Länder setzen schon verstärkt auf Geothermie? Wie gut schlagen sich deutsche Mittelständler gegenüber Mitbewerbern?

In Gebieten mit heißen Quellen in Island oder am pazifischem Feuerring wird Geothermie schon sehr lange und in einer großen Bandbreite genutzt. Deutsche Anbieter spielen hier weltweit allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Oberflächennahe und tiefe Geothermie in Gebieten mit einer Quellentemperatur bis 120°C lassen sich in vielen Ländern und Regionen nutzen. Auf diesen beiden Gebieten sind deutsche Unternehmen zusammen mit den Partnern aus weiteren europäischen Ländern stark, unter anderem Frankreich und Italien. Deutsche Unternehmen sind vor allem im niedrigen Temperaturbereich stark, also überall dort, wo es einen hohen Bedarf an Heizenergie bis 100 °C gibt.

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