„Ohne saubere Prozesswärme kann das 1,5-Grad-Ziel nicht erreicht werden“

Martin Haagen, Head of Sales bei Industrial Solar im Gespräch mit Markets International.

Interview: Quentin Blommaert

Interview Industrial Solar ProzesswärmeIndustrial Solar hat sich auf Prozesswärme-Anwendungen spezialisiert. Im Jahr 2008 ist das Unternehmen als Kollektorhersteller gestartet. Mit ihren Fresnel-Kollektoren können Temperaturen von bis zu 400 Grad erreicht werden. Head of Sales Martin Haagen im Markets-Interview.

Markets International: Wie trägt Industrial Solar zur Wärmewende bei?

Martin Haagen: Wärme wird in der Industrie zu 90 Prozent fossil bereitgestellt. Wir bieten Lösungen, um die Prozesswärme in der Industrie zu dekarboniseren. Die industrielle Wärmewende ist ein wichtiges Thema und wurde bisher ungenügend adressiert – ohne saubere Prozesswärme kann das 1,5-Grad-Ziel nicht erreicht werden. Viele Technologien sind jedoch schon heute wettbewerbsfähig.

Wo werden Ihre Energielösungen eingesetzt?

Unsere Anwendungen kommen in der Industrie und zu kommerziellen Zwecken zur Anwendung, ein typischer Sektor ist die Lebensmittelindustrie. Neben den Wärmeprojekten adressieren wir auch elektrische Energie. Dies ist aufgrund der zunehmenden Sektorenkopplung technisch sinnvoll und aufgrund des größeren Marktvolumens unternehmerisch notwendig. Der Wärmemarkt hängt leider noch immer hinterher.

Inwieweit lassen sich Strom und Wärme schon kombinieren?

Für uns ist vor allem der mittlere Temperaturbereich bis 400°C interessant, da hier Strom selten zum Wärmen verwendet wird. Grünen Strom zum Wärmen bereitzustellen, ist nur dann sinnvoll, wenn alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind. Aktuell ist es noch nicht sinnvoll, Wärme im großen Maßstab zu elektrifizieren. Am Ende muss eine Vielzahl von Lösungen sinnvoll kombiniert werden. Eine zentrale Rolle werden dabei Wärmepumpen spielen.

Was fehlt noch, um beide Bereiche noch stärker zu verzahnen?

Es fehlt an Daten. Selbst die Unternehmen haben viel ungenauere Informationen über ihren Wärmeverbrauch als über ihren Stromverbrauch. Zur Entwicklung von Wärmelösungen sind Temperatur- und Lastprofile notwendig, die meist nicht in genügender Detailtiefe vorliegen. Der Politik fehlen natürlich auch Daten, um sinnvolle Anreizsystem zu schaffen. Der größte Hebel liegt bei den Unternehmen, sie müssen sich initiativ um das Messen kümmern. Dazu müssen die Firmen motiviert werden. Wir sind beim Strom deutschlandweit bei 40 Prozent erneuerbarem Strom, in der industriellen Wärme bei etwa zehn Prozent. Dieses Verhältnis zeigt jetzt schon deutlich, wo wir mehr machen müssen.

Was schlagen Sie vor?

Unsaubere Energie muss teurer als saubere sein. Die Kosten für fossile Brennstoffe steigen bereits, dazu kommt noch der CO2-Preis. Parallel müssen die Kosten für saubere Energie sinken – dies geschieht über direkte Förderung, sinkende Kosten bei größerem Marktvolumen und technische Weiterentwicklung. Der größte Hebel sind dabei sinkende Kosten durch steigendes Marktvolumen. Der Markt für solare Prozesswärme war in den vergangenen Jahren zu klein, um signifikante Kostensenkungen zu realisieren. Die Politik muss bei Anreizsystemen den spezifischen Stand einer Technologie berücksichtigen und hybride Ansätze fördern – Wärmepumpen und Solarthermie können sich zum Beispiel sehr gut ergänzen. Grundsätzlich bedarf es mehr Referenzanlagen in der Industrie, um das Vertrauen der Abnehmer zu fördern.

Welche Länder sind für Industrial Solar besonders interessant?

Jordanien ist eins der ersten Länder weltweit, das in seiner Energiestrategie aus dem Jahr 2020 auch solare Prozesswärme als explizites Ziel definiert hat. Weitere Länder in der MENA-Region sind die Golfstaaten, die das notwendige Kapital haben, aber auch niedrigere Energiepreise. Für uns sind generell Länder interessant, in denen die Sonne viel scheint und es Industrie gibt, etwa Brasilien, Südafrika, Australien und Indien. Was Auslandsmärkte generell angeht, steht das Thema Wärmewende zwar in vielen Ländern auf der Agenda, hat aber keine hohe Priorität. Es steht weniger öffentliches Geld bereit, um die Industrie und ihre Wärmewende zu fördern. In Deutschland ist unsere Kerntechnologie, der Fresnel Kollektor, nur bedingt sinnvoll – hier bieten wir daher andere Technologien zur sauberen Wärme- und Stromerzeugung.

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