„Wir brauchen günstigeren Strom, der den Anreiz bietet, ihn im Gebäude zum Heizen zu nutzen“

Interview mit Björn Schreinermacher, Leiter Politik beim Bundesverband Wärmepumpe

Interview: Quentin Blommaert

Interview Bundesverband WärmepumpeBjörn Schreinermacher ist Leiter Politik beim Bundesverband Wärmepumpe.

Markets International: Herr Schreinermacher, Wärmepumpen tragen entscheidend zur Wärmewende bei. Wo werden sie installiert und für welchen Zweck?

Björn Schreinermacher: Sie kommen sowohl in Wohngebäuden als auch in der Industrie und in der Fernwärme zum Einsatz. Bis vor einigen Jahren wurden sie zum Großteil in Neubauten installiert, inzwischen macht das Modernisieren mit Wärmepumpen rund die Hälfte des Absatzes aus. Insgesamt haben wir auf dem Markt eine stark wachsende Nachfrage.

Warum tragen Wärmepumpen zur Energiewende bei?

Erstens reduzieren sie CO2-Emissionen von Gebäuden. Sie nutzen nämlich Wärme aus Boden, Wasser und Luft, um damit zu heizen. Im Gebäude fallen also keine Emissionen fürs Heizen an, man braucht nur Strom – und der kommt größtenteils aus Erneuerbaren Energien. Wir rechnen mit 25 bis 30 Millionen Tonnen CO2, die wir im Jahr 2030 über die Nutzung von Wärmepumpen einsparen können. Zweitens: Wärmepumpen bieten Flexibilität für das Stromsystem, da sie vom Stromversorger (fern-)gesteuert werden können.

Was muss sich ändern, damit Wärmepumpen rascher und reibungsloser eingesetzt werden?

Die hohen Strompreise in Deutschland müssen sich ändern. Wir bekommen die Kopplung von Wärme und Strom sonst nicht hin. Gleichzeitig spielen die Preise der Konkurrenten Erdgas und Heizöl eine Rolle. Es ist gut, dass es eine CO2-Bepreisung gibt, aber für Investoren und Gebäudeeigentümer besteht momentan noch keine Planungssicherheit: Es ist unklar, wo der CO2-Preis ab dem Jahr 2027 liegen wird. Wenn ich eine Investition für eine neue Heizung treffe, muss ich aber für die nächsten zehn bis 20 Jahre kalkulieren können. Die Bundesförderung für effiziente Gebäude ist hilfreich, der Markt wird dadurch gepusht. Nötig wäre ein ganz klares Bekenntnis seitens der Politik, dass das Programm mindestens bis zum Ende dieses Jahrzehntes erhalten bleibt.

Was fehlt noch, um Strom und Wärme stärker zu verzahnen?

Wir brauchen günstigeren Strom, der den Anreiz bietet, ihn im Gebäude zum Heizen zu nutzen. Parallel benötigen wir Photovoltaik (PV) auf den Dächern. Und: Wir müssen auch dafür sorgen, dass all diese Komponenten eines Gebäudes ineinandergreifen. PV-Anlage auf dem Dach, Stromspeicher, Wärmepumpe. Ich glaube, da können wir noch ein gutes Stück weiterkommen.

Was müsste noch passieren, damit künftig Wärmepumpen flächendeckend nur mit grünem Strom betrieben werden?

Naja, der Stromsektor hat ja schon einen Vorteil: Es gibt verbindliche Ausbauziele. Diese gibt es für erneuerbare Wärme noch nicht. Wenn wir klare politische Vorgaben bekommen, in welchem Maße erneuerbare Wärme ausgebaut wird, dann steigt durch diese Planungssicherheit auch die Nachfrage nach Wärmepumpen. Und auch Energieversorger könnten sich dann viel besser auf den Strombedarf einstellen, was wiederum die Energiewende vorantriebe.

Welche Länder setzen schon verstärkt auf Wärmepumpen?

Norwegen und Schweden haben das Potenzial von Wärmepumpen schon fast ausgeschöpft. Auch in China werden ganze Vorstädte mit Wärmepumpen ausgerüstet. Laut Internationaler Energieagentur (IEA) werden 20 Millionen Wärmepumpen weltweit pro Jahr verkauft, in den kommenden zehn Jahren dürften es bis zu 60 Millionen werden. Das ist ein gigantisches Potenzial.

Wie gut schlagen sich deutsche Mittelständler gegenüber Mitbewerbern?

Die deutsche Heizungsindustrie ist Technologieführer in dem Bereich. Deutsche Hersteller wie Viessmann und Vaillant stehen für Qualität. Allerdings: Wir haben keine klare Ausrichtung im Heimatmarkt, Heizungsunternehmen in Deutschland müssen hierzulande sowohl für Wärmepumpen produzieren als auch für die Nachfrage nach klassischen Kesseln. Das hat Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit.

Welche Märkte sind für deutsche Mittelständler besonders interessant?

Der Markt für Wärmepumpen boomt momentan extrem. Wir hatten 2020 einen Zuwachs bei der in Deutschland abgesetzten Anzahl an Wärmepumpen von 40 Prozent, über die vergangenen zehn Jahre um mehr als 100 Prozent. Das ist enorm.  Die Nachfrage nach Sanierung und CO2-Einsparung im Gebäudebereich wird weiter zulegen. Auch der Markt für Großwärmepumpen für die Fernwärme und Industrie steht kurz davor, enorm zu wachsen. Letztlich ist das ein weltweiter Trend.

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