»Wissen vor Ort weitergeben«

Interview mit Julia Braune, Geschäftsführerin von German Water Partnership über die deutsche Wasserwirtschaft.

April 2020
Interview: Marilena Piesker, wortwert

Wir beobachten seit Jahren extreme Wetterereignisse durch den Klimawandel. Wie kann Wassermanagement helfen, die Folgen zu mildern?

Die klimatischen Bedingungen verschärfen sich tatsächlich. Das wirkt sich auch auf das Thema Wasser aus: von extremen Dürreperioden in Südafrika bis hin zu Starkregenereignissen. Wir alle haben die Bilder verdorrter Landschaften oder von Fluten in Asien vor Augen. Diese Naturereignisse haben einen großen Effekt auf die Lebensumstände der Menschen. Die Wasserwirtschaft spielt dabei eine starke Rolle und es wird zukünftig darum gehen, das Thema Wasserressourcenmanagement global noch stärker in den Vordergrund zu stellen – also mit den Ressourcen so umzugehen, dass man Dürreperioden überstehen und gleichzeitig Wasser vernünftig in die richtigen Kanäle leiten kann, um Überschwemmungen zu verhindern.

In welchen Ländern und Regionen sehen Sie Potenzial?

Wir beschäftigen uns mit der ganzen Welt, aber Asien und der afrikanische Kontinent stehen derzeit im Fokus. Auf jeden Fall auch Indien und China, die einen großen Bedarf am Aufbau von Infrastruktur für eine stark wachsende Bevölkerung haben.

Wo liegen Wachstumsmärkte?

Thematisch zum Beispiel in der landwirtschaftlichen Bewässerung. Es gibt einen Markt für Vorhersagemodelle etwa bei Starkregenereignissen. Auch das Thema Wasserkreisläufe in der Stadt dürfte für deutsche Unternehmen interessant sein. Ich denke an die Megacities in Asien aber beispielsweise auch in Ägypten, für die eine gute Bewirtschaftung ebenso wichtig ist wie gut ausgelegte Systeme und nachhaltige Konzepte. Da kann die deutsche Wirtschaft viel leisten.

Wo liegen die besonderen Stärken deutscher Wassertechnologie?

Deutsche Unternehmen haben einen hervorragenden Ruf in Sachen Qualität und Verlässlichkeit. Viele Anbieter bieten kleine, aber spezialisierte Lösungen an. Das ist ein Vorteil: Sie sind flexibel und entwickeln maßgeschneiderte Technologien.

Die Herausforderung liegt im internationalen Wettbewerb: Wir haben nicht die großen Konzerne, die die komplette Leistung aus einer Hand bieten, um zum Beispiel eine Megacity auszustatten.

Wir wollen daher unseren Mitgliedern die Chance geben, sich zu vernetzen und Partner zu finden, mit denen sie gemeinsam auftreten und Angebote abgeben können, um eine größere Wettbewerbsfähigkeit zu erlangen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Um zu zeigen, dass auch deutsche Konsortien eine ganze Wertschöpfungskette abbilden können, planen wir derzeit eine Showcase-Plant in Indien, bei der unsere Mitglieder eine Kläranlage mit Technik nach neuesten Standards ausstatten. Es ist eine Sache, ob man einer indischen Delegation in Deutschland eine Anlage zeigt, oder ob man darstellen kann, dass die Technik unter den Bedingungen vor Ort funktioniert. Dass ein Projekt im Land zu den dortigen Bedingungen funktioniert, ist ein wichtiges Absatzargument.

»Deutsche Unternehmen müssen sich vernetzen«

Julia Braune ist Geschäftsführerin von German Water Partnership (GWP), dem Branchenverband der international aktiven deutschen Wasserwirtschaft.

Wie findet man die richtigen lokalen Kooperationspartner?

Das wichtigste ist eine regelmäßige Präsenz vor Ort. Zusammenarbeit hängt auch immer davon ab, dass man sich kennengelernt hat. GWP bietet zahlreiche Möglichkeiten, in die Länder zu gehen und Kontakte zu den Stakeholdern im Wasserbereich aufzubauen und zu pflegen. Dazu gehören unsere GWP-Days ebenso wie das vom Bundeswirtschaftsministerium finanzierte Markterschließungsprogramm oder Partnerschaften mit regionalen Verbänden. Beispielsweise haben wir gerade eine Partnerschaft mit der African Water Association (AfWA), dem afrikanischen Wasserverband für Subsahara Afrika, begonnen. AfWA ist ein wichtiger Multiplikator, mit dessen Hilfe wir unsere Mitglieder mit afrikanischen Wasserspezialisten vernetzen können.

Was können Unternehmen tun, um die Hilfe zur Selbsthilfe in den Zielländern zu steigern?

Das Thema Ausbildung und Weitergabe von Wissen spielt eine besondere Rolle. Die beste Technik hilft nichts, wenn sie nicht richtig betrieben oder gewartet wird. Immer mehr Unternehmen bieten Schulungen, in denen Mitarbeiter internationaler Unternehmen an deutscher Technik geschult werden. Mit der „Betreiberplattform“ haben wir ein vom Bundesentwicklungsministerium finanziertes Projekt aufgesetzt, bei dem erstmalig auch kommunale Unternehmen ihr Know-how an Fachkräfte vor Ort weitergeben können.

Welche Themen werden in diesem Jahr und auf der IFAT mit Blick auf Wassermanagement aktuell sein?

Die großen Themen sind sicherlich der Klimawandel, Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung und die Schaffung von Kreisläufen. Auch Fragen rund um Re-Use und sogenannte „Sponge-City“ werden in den Fokus rücken – also wie man Wasser in Städten speichern und wiederverwenden kann.

Ein anderer Bereich sind die Digitalisierung, die Vernetzung von Systemen und die nächsten Schritte bis hin zum Einsatz selbstlernender Algorithmen.

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Service: Neue Wasserprojekte, Broschüren etc.