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Internationale Entwicklungsbanken sind Pioniere bei der Finanzierung von Nachhaltigkeitsprojekten – und sie bauen ihr Engagement in diesem Bereich weiter aus. Wie deutsche Experten für nachhaltige Technologien bei den Ausschreibungen der grünen Geber zum Zuge kommen.

Dezember 2020
Autor: Martin Walter

Bei der Firma Ludwig Pfeiffer in Kassel hat man Erfahrung mit internationalen Entwicklungsbanken. Der Hoch- und Tiefbauer hat schon mehrere Aufträge der Asiatischen Entwicklungsbank gewonnen, zuletzt etwa die Sanierung von rund 230 Kilometern Wasserleitungen in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Weil dort nun weniger Wasser durch Lecks verloren geht, hat das Kasseler Unternehmen geholfen, Dhaka ein wenig klimaresilienter zu machen.

Geschäftsführer Ludwig Pfeiffer profitiert also indirekt vom Nachhaltigkeitstrend, und er setzt dabei auf internationale Geberinstitutionen. Denn Entwicklungsbanken haben bei der Finanzierung ihrer Entwicklungsprojekte bereits lange vor Corona auf Nachhaltigkeit geachtet. Die Klimafinanzierung durch die weltgrößten multilateralen Entwicklungsbanken in Entwicklungs- und Schwellenländern stieg im Jahr 2018 auf ein Allzeithoch von 43,1 Milliarden US-Dollar. Das sind 60 Prozent mehr als 2015.

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Prozent des gesamten Kreditvolumens der Europäischen Investitionsbank (EIB) flossen im Jahr 2019 in nachhaltige Projekte. Der Anteil grüner Investitionsvorhaben am EIB-Etat steigt seit Jahren: 2015 lag er noch bei 27 Prozent.

Bei Klimafinanzierungen gilt die Europäische Investitionsbank (EIB) als führend – und de facto als Klimabank der Europäischen Union. Ihre neue Kreditvergabepolitik im Energie­bereich sieht vor, dass sie schon ab Ende 2021 keine konventionellen Projekte für fossile ­Brennstoffe mehr finanzieren wird. Sie will den Anteil ihrer Finanzierungen, die dem Klimaschutz und der ökologischen Nachhaltigkeit gewidmet sind, schrittweise bis 2025 auf 50 Prozent erhöhen. Im Rahmen des europäischen Green Deals wird sie bis 2030 zusätzlich eine Billion Euro investieren.

Seit 2019 und 2020 steht das Thema endgültig ganz oben auf der Tagesordnung: ­Zuerst hat die Klimabewegung Fridays for Future das Bewusstsein geschärft. Nun hoffen viele Entwicklungs- und Schwellenländer in der ­Coronakrise auf Kredite der Entwicklungsbanken, um ihre Wirtschaft anzukurbeln. Nicht selten, um damit dann gleich die Weichen für ein umweltschonenderes Wachstum in der Zukunft zu stellen.

„Die Coronakrise birgt die Chance, dass die Gesellschaft die Dringlichkeit einer Klimakrise neu bewertet“, betont die Chefvolkswirtin der KfW-Bankengruppe, Fritzi Köhler-Geib. Für sie ist es zentral, Investitionsprogramme jetzt weltweit so zu gestalten, dass sie gleichzeitig Wachstum und nachhaltigeres Wirtschaften fördern. Auch die Direktorin für Klimageschäfte bei der Weltbanktochter Internationale Finanz-Corporation, Alzbeta Klein, plädiert dafür, die aktuelle Krise als Chance zu begreifen. „Wir wissen, dass viele erneuerbare Technologien eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen schaffen.“

Europäische Investitionsbank:
Besserer ÖPNV für die Ukraine

Die Europäische Investitionsbank (EIB) unterstützt die Ukraine mit einem 75-Millionen-Euro-Kredit bei der Modernisierung ihrer Verkehrsinfrastruktur. In fünf Großstädten des Landes mit insgesamt sieben Millionen Einwohnern sollen moderne Verkehrssysteme und bessere Straßen die Verkehrssicherheit erhöhen und so den öffentlichen Personennahverkehr fördern.

Die Koblenzer Unternehmensberatung Kocks Consult schult im Auftrag der EIB Fachkräfte vor Ort, die das Projekt vorantreiben sollen. Dadurch, dass mehr Menschen Busse und Bahnen benutzen, leistet die Firma einen Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung und zur Reduktion von Treibhausgasen.

Foto: Eine Straßenbahn im Podilviertel im ukrainischen Kiew. © dpa

Auch die GFA Consulting Group aus Hamburg setzt auf die Zusammenarbeit mit Entwicklungsbanken. Die Berater haben im Jahr 2019 mit dem Climate and Energy Cluster einen eigenen Bereich dafür eingerichtet. Im Auftrag von Entwicklungsbanken setzen sie Projekte zur nachhaltigen Energienutzung auf dem Balkan, in Osteuropa, Afrika und Zentralasien oder auch im Libanon um: Finanziers sind etwa die EIB und die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung.

„Viele unserer Beratungsvorhaben schaffen erst die Rahmenbedingungen für nachhaltige Technologien“, sagt Daniel Wahby, der Leiter des Climate and Energy Cluster. Zum Beispiel indem die GFA eine tragfähige Finanzierung entwickelt. Wahby rechnet in den kommenden Jahren mit einer steigenden Nachfrage im Bereich erneuerbarer Energien, weil sich die internationalen Klimaziele sonst nicht erreichen lassen.

Seitdem die Weltgemeinschaft im Jahr 1991 den ersten großen globalen Umweltfonds eingerichtet hat, die Global Environmental Facility, haben Entwicklungsbanken dazu eine Vielzahl von Finanzierungsinstrumenten aufgelegt. Städte rüsten sich mit den Geldern für den Klimawandel, Staaten bauen erneuerbare Energien aus oder fördern die Elektromobilität – alles mit dem Ziel, CO2-Emissionen zu reduzieren. Die Experten sind sich einig: Für die nachhaltige und klimaresiliente Wirtschaft der Zukunft braucht es hohe Investitionen in neue Technologien, schätzungsweise mehrere Billionen Euro. Dadurch entsteht ein Wachstumsmarkt für Nachhaltigkeitslösungen, von dem auch deutsche Anbieter profitieren können.

Afrikanische Entwicklungsbank:
Moderne Strom­netze für Afrika

Das deutsche Umweltministerium fördert in Kooperation mit der Afrikanischen Entwicklungsbank ein Projekt in Uganda, Mosambik, Sambia und Simbabwe. Die Stromnetze dort verlieren aktuell viel Energie. Eine Modernisierung würde sie effizienter machen und damit gleichzeitig die sogenannten technischen Verluste bei industriellen Stromabnehmern verringern – und so letztlich CO2-Emissionen senken. Auch die Stromrechnung für Endkunden fällt niedriger aus.

Die GFA Consulting Group aus Hamburg hat für dieses Projekt ein innovatives Finanzierungsinstrument (Blended Finance) entwickelt. Jetzt sind die Zinsen der nötigen Investitionskredite für die Projektpartner bezahlbar – ohne die Beratung durch das deutsche Unternehmen hätte es das Projekt wohl deutlich schwerer gehabt.

Foto: Elektrizitätswerk in Sambia. © picture alliance/Photohot

Ein wichtiger Teilmarkt ist das sogenannte Klimarisikomanagement. Wer in Zukunft Infrastruktur neu plant, muss immer auch klären, ob Brücken, Straßen oder Hafenanlagen trotz künftiger Klimaveränderungen einen Mehrwert bringen. „Wir gehen in den nächsten Jahren von einem stark steigenden Beratungsbedarf in diesem Bereich aus“, sagt ­Martin Becher, Klimaexperte bei Niras – IP Consult. Die Stuttgarter Beratungsfirma unterstützt Entwicklungsbanken bei der klimaresilienten Planung von Infrastrukturinvestitionen im Transport- und Energiesektor.

Eine gründliche Vorbereitung ist Pflicht

Der erste Schritt zum Erfolg bei internationalen Ausschreibungen von Entwicklungsbanken heißt: Informationsbeschaffung. Entwicklungsbanken stellen eine Vielzahl von Länder- und Projektinformationen bereit. Aus ihnen lässt sich filtern, ob und welche Geschäftsmöglichkeiten es überhaupt in einem Land gibt. Weil die Konkurrenz nicht schläft, ist es ratsam, sich möglichst frühzeitig über bevorstehende Projekte zu informieren. Dann sollten Unternehmen sich auf Vorhaben konzentrieren, bei denen die eigenen Produkte und Dienstleistungen konkurrenzfähig sind.

Den zweiten Schritt hat Hoch- und Tiefbauer Ludwig Pfeiffer verinnerlicht. Um im Geschäft mit den Entwicklungsbanken zu punkten, sagt er, sei es sehr wichtig, eine lokale Infrastruktur zu haben und über die nötigen „regionalen Kontakte“ zu verfügen. Unternehmen sollten also netzwerken – und zwar sowohl mit den zuständigen Mitarbeitern der Entwicklungsbank als auch mit den Entscheidungsträgern in den Durchführungsorganisationen der Kreditnehmerländer. In den allermeisten Fällen ist es nämlich nicht die Entwicklungsbank selbst, sondern eine Durchführungsorganisation im Projektland, die Aufträge an Unternehmen vergibt – das kann zum Beispiel das Verkehrsministerium, die Stadtverwaltung oder ein lokaler Wasser- oder Energieversorger sein.

Dritter Schritt: die eigentliche Bewerbung. Natürlich müssen die Angebotsunterlagen den formellen Vorgaben genau entsprechen und fristgerecht ankommen. Anbieter von Nachhaltigkeitslösungen sollten aber auch die Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandards sowie die Finanzierungskriterien der Entwicklungsbank gut kennen. Sie sollten zudem erklären können, welchen Beitrag ihre Produkte zu den Nachhaltigkeitszielen 2030 der Vereinten Nationen leisten, weil Entwicklungsbanken ihre Projekte an diesen Zielen ausrichten.

Europäische Investitionsbank:
Sauberes Wasser für Georgien

In Georgien sind die sanitären Versorgungssysteme in vielen Städten marode. Kanäle laufen oft über, und Abwasser versickert einfach im Boden. Die Europäische Investitionsbank unterstützt deshalb Machbarkeitsstudien und Entwürfe für entsprechende Modernisierungen der lokalen Wasserversorger. Die Leipziger Firma Sachsen Wasser berät zusammen mit Partnern diese Ver- und Entsorger bei der Erstellung der Studien, bei technischen Evaluierungen sowie bei der Konzeption einer nachhaltigen Trinkwasserversorgung. Schwerpunkt sind kleine und mittlere Ballungsräume. Dabei werden ­Wasser- und Energiesparen großgeschrieben. So leistet das Projekt indirekt einen Beitrag zum Klimaschutz.

Foto: Der Enguri-Staudamm zwischen Georgien und Abchasien. Die Trinkwasserversorgung in dem Land im Kaukasus ist vielerorts in schlechtem Zustand. © picture alliance/ImageBROKER

Wichtig sind auch Referenzen im betreffenden Land oder zumindest in der Region. Ohne sie sind die Erfolgschancen für Neueinsteiger eher gering. Als Einstieg empfiehlt sich in jedem Fall die Teilnahme als Unterauftragnehmer in einem Bieterkonsortium mit anderen erfahreneren Unternehmen und lokalen Partnern. Entsprechende Unternehmen kann man in den Vergabestatistiken der Banken finden und ansprechen. Consultingunternehmen und Einzelberater können sich übrigens bereits bei der Projektvorbereitung und Erstellung von Vorstudien auf entsprechende Ausschreibungen bewerben.

Wenn alles gut geht, können deutsche Unternehmen wie der Kasseler Hoch- und Tiefbauer Ludwig Pfeiffer auf diese Weise mit internationalem Gebergeld in Asien oder Afrika zum Zuge kommen. Geschäftsführer Ludwig Pfeiffer ist jedenfalls zuversichtlich. „Aufgrund der Gefahren durch den Klimawandel sehen wir in der Modernisierung von städtischen Trink- und Abwassersystemen gute Geschäftsmöglichkeiten in der Zukunft.“

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