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Auf dem Westbalkan tut sich einiges: Zahlreiche Unternehmen haben es in den vergangenen Jahren auf die Weltbühne geschafft – und lassen sich auch von der Coronakrise nicht ausbremsen. Eine Reise durch die Region.

April 2021
Autor: Martin Gaber

Das Bürohochhaus Beograđanka (übersetzt: die Belgraderin) überragt die Altstadt in Belgrad: In seinem Schatten gedeihen versteckte Weltmarktführer. © EXTREME-PHOTOGRAPHER

Die Länder des ehemaligen Jugoslawien verbinden viele auch heute noch mit schwerfälligen, staatlichen Industriebetrieben. Doch die Region befindet sich schon lange im Wandel: In Ländern wie Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien standen die Zeichen vor der Coronakrise auf Wachstum: Die Wirtschaft hätte 2020 um 3,4 Prozent zulegen sollen, nun stand unterm Strich doch ein Minus. Ausländische Investitionen vor Ort wuchsen zwischen 2015 und 2018 um 44 Prozent, der Handel der Region mit Deutschland im gleichen Zeitraum um 49 Prozent.

In den vergangenen 20 Jahren haben es Unternehmer geschafft, weltweit wettbewerbsfähige Betriebe zu etablieren oder neu auszurichten. Sie lassen sich trotz Corona nicht ausbremsen – und schaffen es meist sogar ohne staatliche Hilfsgelder durch die Krise. Eine Reise zu den versteckt erfolgreichen Unternehmen auf dem Westbalkan.

Spieleentwickler Nordeus, Serbien

Die Reise beginnt in Belgrad, beim Spieleentwickler Nordeus. Im Schatten von Plattenbauten befindet sich ein modernes, futuristisches Gebäude, das auch im Silicon Valley stehen könnte. 2009 wurde Nordeus gegründet und beschäftigt mittlerweile 170 Mitarbeiter aus 20 Nationen. Aushängeschild ist das Onlinespiel Top Eleven, bei dem mehr als 250 Millionen Gamer weltweit ihre eigene Fußballmannschaft managen.

Ausgangspunkt für diesen Erfolg sind die drei Gründer Branko Milutinović, Ivan Stojisavljević und Milan Jovović. Im Jahr 2006 zogen sie nach Kopenhagen und wollten Karriere machen. „Doch das war nichts für uns“, sagt Milutinović. „Spiele zu entwickeln ist unsere Leidenschaft. Und: Wir wollten Serbien auf der Gaming-Landkarte platzieren.“

»In Serbien gibt es großes Potenzial: 93 Prozent unseres Entwicklungsteams kommt von serbischen Universitäten.«

Branko Milutinović, Geschäftsführer und Mitgründer von NORDEUS

Der Standort Belgrad ist für die drei eine Herzensangelegenheit, aber auch objektiv eine ideale Wahl. Vor allem, wenn es um gut ausgebildete Softwareentwickler geht. „In Serbien gibt es großes Potenzial: 93 Prozent unseres Entwicklungsteams kommt von serbischen Universitäten“, sagt Milutinović. „Wir sind sicher, dass uns der Standort einen Wettbewerbsvorteil auf den Weltmärkten verschafft.“

Und Corona? Auch ein hoch digitalisiertes Unternehmen wie Nordeus leidet darunter, sagt der Gründer. „Wirtschaftlich nicht, aber die Kreativität, die durch die Zusammenarbeit im Büro entsteht, die fehlt uns.“

AS Holding, Bosnien und Herzegowina

Rund vier Autostunden von Belgrad entfernt liegt Tešanj. Die 50.000-Einwohner-Stadt in Bosnien und Herzegowina ist Sitz der AS Holding. Sie vereint 17 Unternehmen, fast 2.000 Produkte und mehr als 4.000 Mitarbeiter unter ihrem Dach. Tendenz: steigend.

Der Weg dahin klingt wie aus dem Bilderbuch: 1988 startete die Geschichte mit einem kleinen Lebensmittelladen, 2003 kam eine Fabrik zur Zuckerabfüllung hinzu, 2006 eine Keksfabrik. Das spülte Geld in die Kasse – wodurch die Besitzer weitere Unternehmen akquirieren konnten, vor allem aus dem Lebensmittel- und Textilbereich. „Der Schlüssel zum Erfolg ist der Export“, sagt Geschäftsführer Rusmir Hrvić. Schon heute exportiert AS in alle Welt, auch nach Deutschland.

»Wir haben uns breit aufgestellt und konnten so im Coronajahr 2020 trotzdem ein Exportplus verbuchen.«

Rusmir Hrvić, Geschäftsführer

Die Verunsicherung durch die Coronakrise ist bereits der Aussicht auf neue Chancen gewichen. „Als die Krise losging, wusste keiner, wohin die Reise geht“, sagt Hrvić. Er sieht die Krise als Chance. „Wir haben uns in den vergangenen Jahren breit aufgestellt. Unterm Strich steht für uns 2020 ein Exportplus.“ Jetzt will er den Konzern fit für die Zukunft machen. „Das nächste Projekt steht unter dem Thema Industrie 4.0. Es gibt viele Prozesse, die wir digitalisieren können. So werden wir noch wettbewerbsfähiger.“

TMD Gruppe, Bosnien und Herzegowina

Ebenfalls in Bosnien und Herzegowina befindet sich die TMD Gruppe. TMD produziert Lager- und Hochpräzisionskomponenten aus Stahl, vor allem im Bereich Automotive. Das Unternehmen ist einer der wichtigsten Exporteure der Metall verarbeitenden Industrie in Bosnien und Herzegowina. Ein Drittel der Exporte gehen nach Deutschland, wo große Automobilzulieferer zu den Kunden gehören. „Deutschland ist nicht nur wichtiger Exportpartner. Wir beziehen Vorprodukte aus Deutschland, Ausrüstung und Maschinen, Schmierstoffe, und selbst die Finanzierung kommt über die Tochtergesellschaft einer deutschen Bank“, sagt Geschäftsführer Adem Hanić.

»Deutschland ist ein wichtiger Handelspartner. Wir beziehen Vorprodukte, Ausrüstung und Maschinen.«

Adem Hanić, Geschäftsführer

Obwohl die Automobilindustrie schwer von der Krise getroffen wird, macht sich Hanić keine Sorgen. „Ich bin sicher, dass wir durch neue Lieferketten sogar profitieren werden.“ TMD macht vor, wie man in der Krise neue Ideen entwickelt. Als Beatmungsgeräte in Bosnien und Herzegowina knapp wurden, hat die Firma begonnen, ein eigenes Gerät zu entwickeln. „Das Gerät wurde in Großbritannien bereits getestet und zertifiziert. Jetzt ist die CE-Zertifizierung dran“, sagt Hanić.

Digital School, Kosovo

Auch weiter im Süden, im Kosovo, mangelt es nicht an kreativen Köpfen. Hana Qerimi und Darsej Rizaj haben eine Digital School gegründet, die Kurse im Programmieren für Sieben- bis 18-Jährige anbietet. „Wir bringen Schülern verschiedene Programmiersprachen bei und vermitteln die Logik dahinter. So können angehende Entwickler mit jeder Programmiersprache umgehen“, sagt Qerimi. Mittlerweile gibt es Ableger der Digital School in aller Welt. Auch die international renommierten Berlitz-Sprachschulen bieten Qerimis Kurse an.

»Die Techindustrie im Kosovo boomt. Überall werden gut ausgebildete Entwickler gesucht und die Löhne sind entsprechend gut.«

Hana Qerimi, Geschäftsführerin und Mitgründerin

Den Standort Kosovo empfindet sie als ideal. „Wir haben eine der jüngsten Bevölkerungen. Der Anteil der unter 35-Jährigen liegt bei 70 Prozent. Zudem boomt die Techindustrie im Land. Überall werden gut ausgebildete Entwickler gesucht, und die Löhne sind entsprechend gut.“

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