Auf zu neuen Ufern

Vom hoffnungslosen Fall zum Hoffnungsträger: Bangladeschs Wirtschaft wächst seit Jahren beständig und Investitionen in die Infrastruktur bieten Geschäfts­chancen – auch für deutsche Unternehmen. Doch die halten sich noch zurück.

Dezember 2022
Autor: Boris Alex

Sechs Kilometer lang, 20 Meter breit: Die Brücke, die über den Fluss Padma vor den Toren von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka verläuft, ist eines der größten Infrastrukturprojekte der vergangenen Jahre. © picture alliance/Cover Images

Am 26. Juni 2022 war es endlich so weit: Mit lautem Hupen rollten die ersten Autos und Lkw über die Padma-Brücke. Einen Tag zuvor hatte Bangladeschs Premierministerin Hasina Wajed die sechs Kilometer lange Querung über den gleichnamigen Fluss südlich der Hauptstadt Dhaka eingeweiht. Die Brücke sei „der Stolz und ein Symbol für die Leistungsfähigkeit und Stärke des Landes“, sagte die Regierungschefin selbstbewusst bei der virtuellen Eröffnungszeremonie. Und es ist nicht das einzige Großprojekt: Schon beim Landeanflug auf die 20-Millionen-Metropole Dhaka fällt eine Baustelle direkt neben dem Hauptstadtflughafen ins Auge. Seit dem Jahr 2020 baut dort ein japanisch-koreanisches Konsortium für 2,3 Milliarden US-Dollar ein drittes Terminal mit 24 Flugsteigen. Ab Oktober 2023 können dann jährlich 20 Millionen statt bisher acht Millionen Passagiere abgefertigt werden.

Rund um den Flughafen hupen Autos, Busse, Motorräder und Rikschas um die Wette. Zwar sind immer mehr Menschen motorisiert, doch der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur hinkt hinterher. Dieses Problem will Bangladesch in Angriff nehmen: Vor dem Flughafen ragen die Pfeiler für eine fast 50 Kilometer lange Expressautobahn in die Höhe, auf der ab dem Jahr 2026 der Verkehr ins Zentrum von Dhaka rollen soll. Auch in der Innenstadt fährt man an Betonstelzen vorbei. Doch diese sind nicht für eine neue Straße, sondern für die erste von insgesamt sechs Metrostrecken vorgesehen. In Kürze soll ein Teilstück der 20 Kilometer langen Linie MRT-6 eröffnet werden, die dann bis zu 60.000 Passagiere pro Stunde durch Dhakas Innenstadt transportiert. Der Bau einer zweiten Linie vom Flughafen zum 20 Kilometer entfernten Hauptbahnhof Kamalapur steht bereits in den Startlöchern. Die Kosten für die komplett unterirdisch verlaufende Strecke beziffert das Transportunternehmen Dhaka Mass Transit Company auf sechs Milliarden US-Dollar. Bis zum Jahr 2030 soll das Metronetz dann 130 Kilometer und 104 Stationen umfassen.

Mit der Modernisierung der Infrastruktur will Bangladesch die Grundlage für die nächste Wachstumsphase legen. Das Land hat sich zur zweitgrößten Volkswirtschaft in Südasien hochgearbeitet und beim Bruttoinlands­produkt pro Kopf sogar Indien überholt, so Daten der Weltbank. „Bangladeschs Stärken sind vor allem die junge Bevölkerung und die wachsende konsumfreudige Mittelschicht“, sagt Rezwanul Hoque Khan vom German Business Council in Dhaka, einem privaten Interessenverband von deutschen Unternehmen in Bangladesch. „Wir gehen davon aus, dass die Wirtschaft im laufenden Finanzjahr 2022/2023 erneut zwischen sechs und sieben Prozent zulegen wird“, so Khan.

Der Internationale Währungsfonds sieht das Land auch langfristig auf dem Wachstumspfad und erwartet für die kommenden fünf Jahre durchschnittlich Zuwächse beim BIP von sieben Prozent pro Jahr. Mitentscheidend hierfür ist, dass Bangladesch seine Abhängigkeit von der Bekleidungsindustrie verringert. Mit rund vier Millionen Beschäftigten und einem Anteil an den Gesamtexporten von 80 Prozent dominiert die Branche. Doch Bangladeschs Wirtschaftswachstum soll künftig auf einer breiteren Industriebasis stehen. „Wir sehen bei Pharmazie, Lebensmittelverarbeitung und der Elektronikfertigung Potenzial. Bei den Dienstleistungen stehen der Gesundheitssektor und die IT-Branche im Mittelpunkt“, sagt Khan.