Die Bergfestung

Andorra erfindet sich neu. Der Pyrenäenstaat zwischen Spanien und Frankreich treibt die Diversifizierung und Internationalisierung voran. Die Coronakrise beschleunigt das Tempo der Veränderungen.

April 2022
Autor: Oliver Idem

Die romanische Kapelle Sant Joan de Caselles steht im andorranischen Dorf Canillo. Überall im Land gibt es historische Kirchen, die vor allem bei Touristen beliebt sind. © Fautre/Le Figaro Magazine/laif

»Investitionen in Andorras Wirtschaft kommen vor allem aus Spanien. Das könnte sich durch das Assoziierungsabkommen mit der EU ändern.«

Oliver Idem
GTAI-Korrespondent Madrid

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Wer an Andorra denkt, hat vor allem ein Bild vor Augen: ein Steuerparadies mitten in den Pyrenäen. Ein zum Großteil auf Einkaufs- und Skitourismus sowie Niedrigsteuern basierendes Modell genügt allerdings nicht mehr, um für die Zukunft gerüstet zu sein. Das hat Andorra erkannt und arbeitet sich bereits seit zehn Jahren in der Steuertransparenz voran. Für Dynamik sorgen auch die laufenden Verhandlungen mit der Europäischen Union (EU). Andorra strebt nämlich ein Assoziierungsabkommen mit der Staatengemeinschaft an, um näher an die EU zu rücken.

Die aktuellen nationalen Ziele für Digitalisierung und Nachhaltigkeit ähneln bereits sehr der Richtung, in die die EU-Staaten streben. So hat Andorra im Sommer 2020 als Antwort auf die Coronakrise den Aktionsplan „Horitzó 23“ ins Leben gerufen. Der Fahrplan lautet: Diversifizierung, mehr Innovationen und bessere Infrastruktur. Impulse kommen vor allem aus dem Dienstleistungssektor. Die gut ausgebaute digitale Konnektivität soll als Basis für mehr Wertschöpfung dienen. Ein geplanter Technologiepark setzt auf Digitalwirtschaft, Gesundheit und Biotechnologie.

Diese Felder sind auch von politischem Interesse. Bis zum Jahr 2023 will die Regierung ein nationales epidemiologisches Labor aufbauen und eine Patienten-App einführen, mit der Patienten einfacheren Zugang zu Leistungen des Gesundheitswesens und gleichzeitig alle Daten an einem Ort gebündelt haben. Generell will sie das Gesundheitswesen stärker auf Prävention ausrichten und die Versorgung personalisieren. Der Pyrenäenstaat mit seinen rund 77.000 Einwohnern will zudem den ohnehin schon starken Sporttourismus weiter ausbauen. Sport gilt als strategischer Sektor und bringt viel Geld in die Kasse. Das Andorra Esports Clúster will nun neue saisonale Angebote über den Wintersport hinaus schaffen, die das Profil des Landes schärfen.

Mit der wirtschaftlichen Diversifizierung geht auch der Wunsch nach einer stärkeren Kooperation mit ausländischen Partnern einher. Während anderswo die Zeichen auf Protektionismus stehen, strebt die andorranische Regierung eine Internationalisierung an. So will Andorra eine Sonderwirtschaftszone einrichten, um noch attraktiver für ausländische Investoren zu werden. Die meisten kommen aus dem Nachbarland Spanien. Das Pharmaunternehmen Grifols beispielsweise will bis zum Jahr 2023 für 25 Millionen Euro ein immunologisches Forschungs- und Entwicklungszentrum bauen.

Bis Ende 2021 war Andorra nur über die Straße zu erreichen. Dieser Engpass in der Verkehrsinfrastruktur wurde jetzt beseitigt: Inzwischen gibt es eine Flugverbindung aus Madrid. Dazu hat der Kleinstaat eine Kooperation mit dem Flughafen La Seu d’Urgell im spanischen Katalonien vereinbart. Eine Eisenbahnverbindung dürfte vorerst Zukunftsmusik bleiben. Zwar ist eine Studie dazu geplant, doch wäre der Aufwand aufgrund der gebirgigen Struktur enorm hoch.

Auf anderen Ebenen schreitet die Vernetzung schneller voran. Seit 2019 sind die fünf andorranischen Banken Teil des Sepa-Zahlungsraums. Zudem nahm der Internationale Währungsfonds das Land 2020 als Mitglied auf. Die Anzahl der Doppelbesteuerungsabkommen mit anderen Ländern wächst. Diese intensive Zusammenarbeit mit dem Ausland scheint wie eine moderne Interpretation des Landesmottos Virtus Unita Fortior: Vereinte Tugend ist stärker.

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