»Corona hat die Produktions- und Geschäftsabläufe kräftig durcheinandergewirbelt«

Februar 2021
Ullrich Umann/Washington D.C.
Twitter: @GTAI_USA

Wie entwickelt sich das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr?

Seit dem zweiten Halbjahr 2020 erholt sich die Konjunktur nach den folgeschweren Einbrüchen aus der ersten Jahreshälfte. Die Prognosen für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2021 belaufen sich mit Stand Mitte Februar auf 4,9 Prozent. Diese optimistische Vorhersage basiert auf drei Säulen: auf dem Regierungswechsel in Washington und den damit im Zusammenhang stehenden neuen Energie-, Umwelt- und Handelspolitiken, auf dem positiven Start der Impfkampagne zur Eindämmung der Covid-Pandemie und auf dem sich anbahnenden jüngsten Hilfspaket der US-Regierung im Umfang von 1,9 Billionen US-Dollar, das derzeit zwischen dem Weißen Haus und dem US-Kongress verhandelt wird.

Das Sorgenkind bleibt der Arbeitsmarkt. Auf der einen Seite hat die Konkurswelle des Jahres 2020 hunderttausende Arbeitsplätze vernichtet. Auf der anderen Seite wurden in der Vergangenheit nicht genügend für die Ausbildung von Facharbeitern und Technikern getan. Diese fehlen jetzt in der durch Automatisierung und Digitalisierung der Verwaltungs- und Produktionsabläufe gekennzeichneten Aufschwungsphase.

Welche deutschen Unternehmen haben jetzt die Chance auf einen Markteintritt (und warum)?

Pandemie und Lockdown haben die Produktions- und Geschäftsabläufe kräftig durcheinandergewirbelt. Es gibt kaum ein Unternehmen, dass keine Entzerrung der Arbeitsplätze durchführen musste, Hygienekonzepte eingeführt hat und Personal, wo nur möglich, im Homeoffice belässt.

Im Ergebnis kommen die IT- und Telekommunikationsbranchen, die Automatisierungs- und Elektrotechnik aber auch der Werkzeugmaschinenbau ihrer Auftragslage kaum noch nach. Zu ihren Kunden gehören inzwischen selbst die kleinen und mittleren Firmen aus dem verarbeitenden Gewerbe, die vor der Pandemie die Notwendigkeit dafür noch nicht gesehen hatten.

Privathaushalte stecken ihre Ersparnisse in Heimelektrik und Heimelektronik, nehmen Hypothekenkredite auf und initiieren Baustarts für Eigenheime in noch nie dagewesener Rekordhöhe. Hiervon profitiert die Bauwirtschaft, Planer sowie sämtliche Zulieferindustrien.

Einen regelrechten Boom erlebten Hersteller von Medizintechnik, Medikamenten, Schutzausrüstungen, Reinigungs- und Desinfektionsmitteln sowie Haushalts- und Hygienepapier. Gleiches gilt für Hersteller hochwertiger und hygienisch einwandfrei verpackter Nahrungsmittel und Getränke.

Was müssen deutsche Unternehmen beachten, die diesen Markt jetzt erschließen möchten?

Die Markterschließung wird für deutsche Unternehmen insbesondere durch die eingeschränkte Einreisefreiheit behindert. Doch können Geschäftsleute und potenzielle Investoren bei den US-Konsulaten in Deutschland eine Ausnahmegenehmigung beantragen. Zusammen mit einem maximal zwei Tage alten Nachweis über einen negativ verlaufenen Coronatest in der Tasche dürfte die Einreise  gelingen.

Des Weiteren finden keinerlei Präsensveranstaltungen statt, also auch keine Messen und Fachausstellungen. Zudem ist es schwierig, Geschäftspartner und potenzielle Kunden in ihren Büros und Firmensitzen anzutreffen. Im Umkehrschluss ist es aber relativ leicht geworden, sich selbst unbekannterweise zu Videocalls zu verabreden und auf diese Art und Weise Bekanntschaft zu schließen und selbst Geschäfte einzufädeln.

Zu beachten ist ebenfalls, dass auch unter Präsident Biden die nationalen Lieferbindungen bei Bundesausschreibungen beibehalten und sogar noch verschärft wurden. Dennoch sind öffentliche Ausschreibungen hochinteressant, beschafft der Bund doch jedes Jahr Waren und Dienstleistungen im Umfang von rund 600 Milliarden US-Dollar.

In der privaten Wirtschaft gibt es zwar keine nationalen Richtlinien oder Lieferklauseln für Beschaffungen. Doch gibt man sich auch hier zuweilen patriotisch. Es ist daher keine Seltenheit, dass sich US-Niederlassungen deutscher Firmen betont amerikanisch geben. Aus diesem Grund wird zugesehen, einen möglichst hohen lokalen Wertschöpfungsanteil hinzubekommen, was von der Kundschaft in den USA durchaus anerkannt wird.