Maschinenbau in Deutschland – Cool bleiben

Nach teils historischen Einbrüchen im Coronajahr 2020 erlebt der deutsche ­Maschinenbau derzeit vielerorts einen Höhenflug. Was dahintersteckt – und ­warum die Branche dennoch mit viel Ungewissheit kämpft.

Oktober 2021
Autorinnen: Samira Akrach, Jenny Eberhardt und Edda vom Dorp

Nicht nur der hier abgebildete Bohrer läuft auf Hochtouren: Die deutschen Maschinenbauer schlagen ein hohes Tempo an. © Liuhsihsiang

Als Crescimento muito forte, zu Deutsch: sehr starkes Wachstum, so bezeichnet Manfred Al-Kayal die Umsatzentwicklung, die Bosch Rexroth derzeit in Brasilien erlebt. Nachdem bereits im Sommer 2020 zunächst die Nachfrage aus dem Agrarsektor anstieg, ziehen seit Beginn 2021 auch der Bausektor und die verarbeitende Industrie nach. Al-Kayal, Generalmanager für Brasilien und Südamerika bei dem fränkischen Hersteller für Antriebs- und Steuerungstechnik, erklärt sich die sehr guten Ergebnisse vor allem durch die schnelle Anpassung von Bosch Rexroth an die Pandemie: Durch eine zweiwöchige Schließung im April 2020 sei das Unternehmen in der Lage gewesen, den Betrieb komplett umzustellen – um ihn danach unter Einhaltung aller Coronaschutzmaßnahmen aufrechtzuerhalten. „Das hat uns einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil verschafft, da wir unsere Kunden durchgängig bedienen konnten“, meint Al-Kayal.

Bosch Rexroth ist kein Einzelfall. Vom „besten Jahr seit 40 Jahren“ und „Jahreszielen für 2021, die schon im Juni erreicht wurden“, war beim Treffen der Mitglieder des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in Brasilien im Juni die Rede. Gute Nachrichten für die Branche: Schließlich ist Brasilien der wichtigste Absatzmarkt und Produktionsstandort der deutschen Maschinenbauer in Latein­amerika.

»Wir Exportieren 90 Prozent unserer Maschinen und sind bis Anfang 2022 komplett ausgelastet.«

Klaus Kaufmann
Geschäftsführer Unicor GmbH

Die Aufbruchstimmung beschränkt sich nicht auf Brasilien: Laut VDMA beflügelt die globale Konjunkturerholung den deutschen Maschinen- und Anlagenbau weltweit. Nicht nur die Auftragsbücher sind prall gefüllt, auch die Exporte steigen. Einer der Gründe: Die wichtigsten Absatzmärkte der Deutschen, die USA und China, haben sich deutlich schneller von der Krise erholt als erwartet. Angekurbelt durch die mächtigen Konjunkturpakete der US-Regierung expandieren in den USA alle wichtigen Abnehmerbranchen der Maschinen- und Anlagenbauer, zeigt der US-Einkaufsmanagerindex PMI von Juni. „Wir haben einen Auftragsschub aus den USA erhalten, den wir 2021 nicht mehr abarbeiten können“, sagt Klaus Kaufmann, Geschäftsführer der Unicor GmbH. Der mittelständische Produzent für Wellrohre mit Sitz im bayrischen Haßfurt exportiert rund 90 Prozent seiner Maschinen, viele davon in die USA. Bis Anfang 2022 ist Unicor komplett ausgelastet.

Leicht war das Coronajahr 2020 für die deutschen Maschinenbauer deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil: Es bescherte der Branche ein historisches Produktionsminus von zwölf Prozent. Unicor konnte das Geschäftsjahr 2020 mit großer Anstrengung positiv abschließen – musste dafür aber auch einiges investieren. „Wir haben neue digitale Kommunikationsmittel eingeführt, mit denen wir in Echtzeit mit unseren Kunden kommunizieren können“, berichtet Geschäftsführer Kaufmann. „Mittlerweile führen wir komplette Maschineninbetriebnahmen mit digitalen Brillen online durch.“

Branchenvertreter äußern sich vorsichtig optimistisch zur weiteren Entwicklung. Die Beschäftigungszahlen steigen laut VDMA, und das Fachkräfteniveau dürfte, nach längerer Kurzarbeit, beinahe gehalten werden. Auch andere europäische Länder, die gleichzeitig wichtige Absatzmärkte für die deutschen Maschinenbauer sind, senden überwiegend positive Signale: Im Vereinigten Königreich gehört der Maschinenbau zu den Industriebranchen, die sich vergleichsweise schnell von der Coronakrise erholt haben. Die französische Maschinenbauproduktion brach 2020 zwar um 12,3 Prozent ein, erholt sich seitdem aber kräftig. Dabei profitieren Frankreichs Maschinenbauer von staatlichen Subventionen für die Modernisierung und Digitalisierung ihrer Produktion. In Italien, nach Deutschland der größte Maschinen- und Anlagenproduzent Europas, ist die Lage gemischt: Einige Branchen wie Werkzeug- und Verpackungshersteller sind optimistisch. Italiens Textilmaschinenhersteller hingegen spüren noch keinen Aufwind: Der Ausfall von Messen, Branchentreffen und sozialen Events machen der italienischen Bekleidungsindustrie weiter schwer zu schaffen.

Stahl und Halbleiter sind Mangelware

Große Sorge bereitet der Branche weltweit die Materialknappheit sowie die hohen Rohstoffpreise. Vor allem Stahl, Kupfer, Kunststoffe und Halbleiter sind Mangelware – und die Preise steigen rasant. Schuld sind nicht nur Verzögerungen in der Lieferkette. Auch die Neuorientierung Chinas auf den eigenen Binnenmarkt bewirkt, dass weniger Vorprodukte ins Ausland geliefert werden. Das kommt wenig überraschend: Längst ist China größter Maschinenbauproduzent weltweit, vor den USA und Deutschland. Das Jahr 2020 bescherte China nun einen weiteren Titel: Erstmals lief die Volksrepublik Deutschland den Rang als Exportweltmeister ab und etabliert sich damit als global wichtigster Lieferant von Maschinen und Anlagen. Das ist auch auf dem heimischen Markt spürbar: Zwischen 2015 und 2020 sind die chinesischen Maschinenimporte nach Deutschland wertmäßig um fast 40 Prozent angestiegen. Deutsche Unternehmen zeigen sich beunruhigt. „Auch für unsere Branche ist China eine ernste Herausforderung“, sagt der Maschinenproduzent für Wellrohrformen Klaus Kaufmann. „Chinesische Firmen haben unsere Maschinen und die unserer Wettbewerber kopiert und dringen mit schlechten Kopien auf Märkte wie Indien, Türkei, den Balkan, Afrika und Asien vor. Die Preise, zu denen chinesische Firmen anbieten, sind für uns nicht darstellbar.“ Kaufmann stellt aber auch fest, dass Kunden nach schlechten Erfahrungen mit chinesischen Produkten wieder zu Unicor zurückkommen.