Mexiko: Basisarbeit

Das nordamerikanische Land steht für die Widersprüche der Schwellenländer. Die Fertigungsstandorte großer ausländischer Unternehmen sind oft schon vernetzt und digitalisiert. In einheimischen Betrieben ist dagegen Retrofit gefragt, also das Aufrüsten bestehender Anlagen.

Februar 2018
Autor:  Florian Steinmeyer

Land am Scheideweg

Im Schwellenland Mexiko kommunizieren die großen, in der Regel ausländischen Firmen sowie einige ihrer direkten Zulieferer zwar auch schon automatisiert mit Kunden, Lieferanten und Wartungsdienstleistern. Insgesamt liegt Mexiko bei der Industrie 4.0 aber doch erheblich hinter Ländern wie Frankreich oder Italien. Bei Fabrikbesuchen vor Ort wird deutlich, dass es hier in der Produktion vorrangig noch um Monitoringsysteme und um die Vernetzung von Maschinen innerhalb der Werke geht.

Der deutsche Elektronikkonzern Bosch ist da mit seinen elf Fabriken im Land schon einen Schritt weiter. Das Unternehmen ist hier gleichzeitig Anbieter und Nutzer von Industrie-4.0-Lösungen. Aktuell sei Bosch dabei, in seinen mexikanischen Werken ein Manufacturing Execution System (MES) einzurichten, berichtet Carlos Conde, Direktor von Bosch Manufacturing Solutions in Mexiko.

»In den Schwellenländern gibt es zwei Welten: Hightechfabriken und sehr einfache Manufakturen.«

Florian Steinmeyer, GTAI-Korrespondent, Mexiko-Stadt

„Es sammelt automatisch Daten und informiert in Echtzeit über die Produktion.“ Dadurch ist es unter anderem möglich, die Maschinen vorausschauend zu warten und die Qualität der Produkte zu verbessern. Bis Mitte 2019 soll die komplette Fertigung in nahezu allen Bosch-Werken im Land mit MES ausgestattet sein.

Neben der Kfz-Branche fragen laut Conde bislang die Luftfahrt- und die Elektroindustrie am stärksten Lösungen für die vernetzte Produktion nach. Nicht alle Firmen sind aber zu einer breiten Vernetzung bereit. „Viele haben nicht das nötige Vertrauen, um Daten mit ihren Kunden oder Zulieferern zu teilen.“ Darüber hinaus ist die IT-Infrastruktur mancherorts zu schwach für die Bandbreiten, die Firmen benötigen.

Zahlen & Fakten

31

Roboterdichte in der verarbeitenden Industrie pro 10.000 Beschäftigte (Zahl der Multifunktionsroboter 2016**)

4,9

Zahl der SIM-Karten für Maschinen 2017 je 100 Einwohner ***

Rang 76

von 139 beim Networked Readiness Index 2016. Dieser zeigt die digitale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes an. (Deutschland belegte Rang 15).*

28,3%

In Mexiko hat die Industrie fast 30 Prozent Anteil am Volkseinkommen. Hier produzieren viele amerikanische und europäische Firmen. Dadurch ist das Land auch ein großer potenzieller Markt für Industrie-4.0-Anwendungen.****

269

Roboterdichte in der Automobilindustrie pro 10.000 Beschäftigte (Zahl der Multifunktionsroboter 2016**)

Quellen:

* Weltwirtschaftsforum, ** IFR World Robotics 2017, *** Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, **** UN Statistics Division

Das dritte Problem: Es gibt kaum Ingenieure mit Industrie-4.0-Vorwissen. Unternehmen müssen zudem Mitarbeiter in der Produktion für den Umgang mit den neuen Technologien schulen. Ein Pluspunkt für die Entwicklung der intelligenten Fertigung ist dagegen die breite und wachsende Industrie. Das Land wird immer stärker eine Produktionsplattform für den nordamerikanischen Markt.

Mexikos Betriebe müssen sich allerdings auch neue Märkte jenseits der USA erschließen – angesichts der Unsicherheiten um das Freihandelsabkommen Nafta. Dafür sind mehr Produktivität und eine bessere Qualität nötig, sprich: moderne Fertigungsverfahren. Weil die Lohnkosten so niedrig sind, ist der dafür nötige Automatisierungsgrad bisher allerdings gering.

Da gleichzeitig oft das Budget für komplett neue Anlagen fehlt, rüsten die Firmen eher nach; Experten sprechen von Retrofit. Als besonders aussichtsreich gilt dafür die Chemieindustrie. Einheimische Konkurrenz für die nötigen Ausrüstungen gibt es in Mexiko so gut wie keine.

Doch sämtliche großen Anbieter sind bereits in Mexiko vertreten: deutsche Unternehmen wie Bosch, Festo, SAP, Siemens und T-Systems, aber auch ABB, General Electrics, Hewlett Packard oder Dassault Systèmes.

Digitalisierungsinitiativen

Die Nationale Digitalstrategie ist eine gemeinsame Agenda verschiedener Ministerien für Förderinstrumente. Das Land hat diverse Förderprogramme rund um die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft aufgelegt.

Daneben unterstützt das Programm für die Softwareindustrie Gründer und Mittelständler im Bereich Softwareentwicklung.

Die Initiative Vernetztes Mexiko setzt sich für freie Internetzugänge an öffentlichen Orten ein.