Milch wie Seide

Die Mikrobiologin Anke Domaske hat ein fast vergessenes Verfahren ­wiederentdeckt und revolutioniert: Aus saurer Milch macht sie Biokleidung.

August 2017

Ein Freitagabend im Supermarkt: Andere Kunden laden die letzten Einkäufe vor dem Wochenende in ihre Wagen. Die 27-jährige Mikrobiologiestudentin Anke Domaske steht mit einer Herdplatte und einem 50 Zentimeter langen Einkochthermometer an der Kasse. Was nach Marmeladenherstellung aussieht, ist Laborausrüstung.

Denn Anke Domaske hat sich in den Kopf gesetzt, Textilien aus Milch zu kochen. Der Grund: Ihr Stiefvater ist schwer krank, sein geschwächter Organismus reagiert auf normale Fasern mit heftigen Allergien. Deshalb will Domaske nun eine Milchfaser entwickeln – ganz ohne Chemie. Und auch ohne professionelle Hilfe, denn die Experten, die sie um Hilfe gebeten hat, haben sie für verrückt erklärt.

Anke Domaske legt viel Wert auf eine ressourcensparende Produktion. Für ein Kilogramm Fasern benötigt sie nur zwei Liter Wasser – für Baumwolle braucht man etwa 10.000 Liter pro Kilogramm. | © Jürgen Jehle/Kammann Rossi

Das war vor sechs Jahren. Für verrückt erklärt sie heute keiner mehr: Seit dem Jahr 2015 läuft die Produktion von Domaskes Unternehmen Qmilk Deutschland GmbH. Ihre Proteinfaser stellt sie in der hauseigenen Anlage in Hannover aus verunreinigter, meist saurer Milch her. Allein in Deutschland werden jährlich zwei Millionen Tonnen Milch weggekippt. „Dabei enthält sie noch wertvolle Inhaltsstoffe und bietet großes Potenzial für technische Zwecke“, sagt Domaske – insbesondere das Eiweiß. „Wenn Milch sauer wird, schwimmen auf der gelben Molke weiße Flocken, die wir abschöpfen.“

Neu ist das Verfahren nicht: Bereits in den 1930er-Jahren wurde Milchprotein zu Fasern verarbeitet – damals allerdings mit Formaldehyd zur Festigung. Weil das extrem schädlich für die Haut ist und deshalb mittlerweile auch verboten, experimentierte Domaske jahrelang mit natürlichen Ersatzstoffen. Die Anlage von Domaske knetet die Eiweißflocken zu einem festen Teig und drückt ihn durch eine Art Nudelmaschine. Heraus kommen Hunderte dünner, weißer Fäden, die an Spaghetti erinnern.

Tatsächlich sei der Stoff zu 100 Prozent essbar, sagt die Jungunternehmerin. Die Fasern werden in Italien und Polen verwoben und zu Kleidungsstücken verarbeitet. Sie kosten zwischen 150 und 200 Euro. „Das Tragegefühl ist vergleichbar mit Seide“, sagt Domaske. „Und: Qmilk ist besonders gut für Allergiker geeignet.“ Das weiß einer ganz besonders zu schätzen: Domaskes Stiefvater. „Er ist unser größter Fan.“