Trainspotting in Taipei

Deutsche Modellbauer sind weit über die Landesgrenzen bekannt. Auch die kaufkräftige Bevölkerung Taiwans setzt auf deutsche Qualität. Ein Besuch in einem Fachgeschäft in Taipei.

April 2022
Autor: Alexander Hirschle

Der Brite Simon George hat die Eisenbahnroute Calder Valley Line aus dem  Jahr 1983 nachgebaut. Acht Monate hat er für die 2,4 Kilometer lange Strecke gebraucht. Kostenpunkt: 250.000 Pfund. © Gary Calton/eyevine/laif

Frühjahr 2020. Ich stehe vor der Eingangstür eines unscheinbaren Gebäudes in einer Seitenstraße in Taipei. Der Putz bröckelt von den leicht modrigen Wänden wie an so vielen Häusern in der taiwanischen Hauptstadt. Das Klingelschild mit vorwiegend chinesischen Schriftzeichen gibt nur wenige Informationen her. Hier soll also ein Modellbahngeschäft zu Hause sein.

Ich gehe die Treppe hoch in den zweiten Stock. Dort erschließt sich mir ein Paradies: ein Geschäft, voll vom ­Boden bis an die Decke. In jedem Winkel stehen Schienen, Loks, Waggons, Bausätze für Häuser, Tunnel und was das Herz eines passionierten Modellbauers sonst so begehrt. Mein Herz schlägt höher, immerhin bastele ich seit 50 Jahren an Modellbahnen. Schon mein Großvater war Eisenbahner, und ich musste die Familientradition natürlich fortsetzen. Mein Miniaturzug begleitete unsere Familie überall hin, wo ich als Korrespondent für GTAI gearbeitet habe: nach São Paulo, Bangkok, Bonn, Seoul und Taipei – 20 Jahre in verschiedenen ausländischen Bahnhöfen. Die internationalen Reaktionen auf meine Tüftelei schwankten zwischen Bewunderung, Unverständnis und Mitleid – da die Nachbarn sich in ihrer Freizeit mit einem Caipirinha oder Mai Tai an Strand oder Pool tummelten. Doch nun sollte in Taipei die Krönung erfolgen, die Erfüllung meines Kindheitstraums: eine Anlage mit zehn Kreisen und zehn gleichzeitig fahrenden Zügen!

Lieferkettenprobleme nicht neu

Unsere temporären Heimatländer in den vergangenen 20 Jahren sind nicht zwingend als Modellbaumetropolen bekannt, eine lokale Versorgung mit den entsprechenden Komponenten war nie möglich. Wir mussten Stecker, Kabel, Schienen und Züge regelmäßig aus dem Heimaturlaub in Deutschland mitbringen. Aber dann der Schock: Taiwan machte im Zuge der Covid-Krisenstrategie die Insel im März 2020 dicht. Reisen nach Deutschland waren nur noch unter sehr erschwerten Bedingungen möglich – das Ende des Modellbahntraums in Taipei schien sich deutlich abzuzeichnen, bevor er begonnen hatte.

Doch nun stehe ich im Fachgeschäft M.J. Model Railroad und Hoffnung keimt auf. Eine gigantische Auswahl an Produkten made in Germany, Marken mit dem Flair von Weihnachten wie Märklin, Fleischmann, Faller, Vollmer, Kibri und Preiser. Michelle Kuo, ausgebildete Computerexpertin, und ihr Mann, ein graduierter Mathematiker, starteten vor knapp zwei Dekaden mit der Umsetzung ihres Traums. Zunächst einfache Basteleien für Freunde, dann ein schlicht gestrickter Onlinevertrieb für Modellbahnzubehör, 2006 die Eröffnung des ersten kleinen Shops. Danach ging es umsatzmäßig aufwärts, zwei weitere Umzüge in jeweils größere Räumlichkeiten folgten.

Zu Beginn verkauften die Firmeninhaber vor allem japanische und US-Produkte: Die sind günstiger und kulturell näher am taiwanischen Kunden. Taiwan pflegt mit beiden Ländern enge wirtschaftliche Beziehungen. Ab 2010 zog das Geschäft an, und auch deutsche Lieferanten wurden interessant, die damals angesichts eines schwächelnden Heimatmarktes auch verstärkt auf die Boomregion Asien schielten.

Der Auftakt der Geschäftsbeziehungen gestaltete sich mühsam. Nicht jeder in Deutschland weiß etwas mit Taiwan anzufangen, und oft waren mehrfache Kontaktanfragen nötig, um die Aufmerksamkeit für den potenziellen neuen Markt zu wecken. Doch als sich die Prozesse eingespielt hatten, waren die deutschen Modellbaufirmen verlässliche Partner: „Die deutschen Modelle gelten in Taiwan als Luxus- und Prestigegüter bei den Kunden“, sagt Michelle Kuo.

Es sind eher wohlhabende, ältere Menschen, die sie nachfragen. Jüngere Interessenten steigen meist mit japanischer Ware ein, um später mit fortlaufender Expertise und Alter auf Märklin-, Trix- oder Fleischmann-Züge umzuschwenken. Die bieten einfach mehr Optionen, wie zum Beispiel digitale Anwendungen.

Modellbau Taiwan

Für GTAI-Korrespondent Alex Hirschle wurde zu Weihnachten ein Kindheitstraum wahr: Er baute sich in Taipei eine Anlage, auf der zehn Züge gleichzeitig fahren – und das, zumindest meistens, unfallfrei.

Erlebnis steht im Vordergrund

Preislich sei es schwer, mit Onlinehändlern mitzuhalten. Daher setzt das taiwanische Paar auf das „Erlebnis Modellbahn“ und zeigt in seinen Räumlichkeiten selbst gebaute Anlagen. Auch ein Kundenservice und Wartungsleistungen gehören zum Angebot. Künftig wollen die beiden Taiwaner Kurse anbieten, um den Nischenmarkt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen.

Das Interesse am Modellbau in Taiwan steigt nach Einschätzung von Kuo weiter an, denn Taiwan birgt als Modellbaumarkt Potenzial. Die Wirtschaft des Landes wächst trotz Coronakrise und Handelskonflikt stetig. Die Bewohner der Insel verfügen über die zweithöchsten Vermögenswerte pro Kopf in Asien. Kaufkraft für die nicht sonderlich günstigen Modellbahnprodukte ist also vorhanden.

Problematisch gestalten sich die beengten Platzverhältnisse. Die wenigsten Menschen in Taipei können sich ein Haus leisten, sondern leben in kleinen Wohnungen. Daher bauen die Experten von M.J. Model Railroad für ihre Kunden Sonderanfertigungen: Modellbahnen zum Ausklappen in Betten und Tischen integriert oder an der Decke zum Herunterfahren. Auch Spezialmodelle für Restaurants oder Kinderkliniken haben sie bereits ausgeliefert. Inzwischen hat Kuo ein größeres Geschäft bezogen, und die Kunden drücken sich am Schaufenster die Nase platt. Der alte Laden, an dem ich vor zwei Jahren stand, dient mittlerweile als Showroom.

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