Nachhaltige Vorreiter

Gute Unternehmensführung und Nachhaltigkeit sind auch im Auslandsgeschäft in aller Munde. Für kleine und mittlere Unternehmen stellen sie aber eine große Herausforderung dar. Die Firma Brugger Magnetsysteme hat vorgemacht, wie beides gelingt.

April 2022
Autor: Achim Haug

Georg Brugger-Efinger (links) und Thomas Brugger von Brugger GmbH Magnetsysteme setzen auf nachhaltige Lieferketten. © Brugger GmbH Magnetsysteme,

Thomas Brugger ist es wichtig, Nachhaltigkeit umfassend zu verstehen. „Unternehmen müssen ökologisch, sozial und betriebswirtschaftlich nachhaltig handeln – nur eine Dimension davon zu beachten, macht langfristig keinen Sinn“, sagt der Geschäftsführer der Brugger GmbH Magnetsysteme. Am Standort in Hardt im Schwarzwald lebt die Firma diese Einstellung schon lange vor. „Bereits meine Eltern haben Wert auf gute Unternehmensführung gelegt. Als Familienbetrieb fühlen wir uns der Gemeinschaft verpflichtet“, so Brugger, der seit 1994 den Hersteller von permanent-magnetischen Baugruppen gemeinsam mit seinem Bruder Georg leitet.

Und tatsächlich: Den ersten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlichte Brugger schon 2013 – rechtzeitig zum 50-jährigen Jubiläum des Unternehmens. Auszeichnungen als vorbildlicher Arbeitgeber sind schon fast selbstverständlich. Seit 2019 ist die Firma klimaneutral. Den Umweltpreis des Landes Baden-Württemberg hat sie 2020 ebenso erhalten wie 2021 den Preis der deutschen Wirtschaft in China für unternehmerische Verantwortung in der Kategorie „Nachhaltige Lieferketten“.

Diese Lieferkette war ein dickes Brett. Bei Magneten und ihren Grundstoffen ist die Welt von China abhängig. Rund 98 Prozent der Seltenen-Erden-Magneten in der EU stammen aus China – einem Wirtschaftspartner mit zunehmend zweifelhaftem Ruf. Faire Arbeitsbedingungen und Umweltschutz sind im Reich der Mitte, gerade in den Rohstoffindustrien, noch keine Selbstverständlichkeit. Für Brugger hatte es deshalb oberste Priorität, Transparenz über seine Lieferanten zu erhalten. Doch wie sollte das einem kleinen Unternehmen wie Brugger ohne eigene Präsenz vor Ort gelingen?

Fachkundige Unterstützung

Hier kam Lutz Berners ins Spiel. Mit seiner auf China spezialisierten Beratungsfirma Berners Consulting GmbH begleitete er vor Ort die Umsetzung. Er stellte ein Team von Beratern mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit zusammen. In den ersten Gesprächen mit den Lieferanten zeigte sich, dass diese auf einem relativ hohen Niveau arbeiteten, was die Produktion anging. Das Thema Corporate Social Responsibility (CSR) war für sie dagegen eher Neuland. Immerhin: Brugger als inhabergeführtes Unternehmen konnte dem Thema einiges abgewinnen.

Allerdings passten die schon bestehenden Regelwerke nicht so recht zu den Bedingungen in der Branche. Ein eigener Nachhaltigkeitskatalog musste her – und das ließ sich in Zusammenarbeit mit der Universität Nanjing machen. Damit nahm das Projekt jedoch noch größere Dimensionen an. Brugger beantragte eine Förderung beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Mit Erfolg: 42 Prozent der Projektkosten ­wurden vom Förderprogramm DeveloPPP übernommen. Mit dem Programm unterstützt das BMZ privatwirtschaftliche Vorhaben in Entwicklungs- und Schwellenländern, die gleichzeitig eine Verbesserung der Lebensbedingungen zur Folge haben. Das ist auch notwendig, denn die Durchsetzung von Nachhaltigkeitsstandards in diesen Regionen ist grundsätzlich nicht einfach. Die Zulieferer haben selbst meist wenig Interesse, da sie höhere Kostenstrukturen fürchten. Zudem können sich die lokalen Behörden als zusätzlicher Bremsklotz erweisen, wenn sie Verstöße von Firmen decken oder durch zu strenge Umweltstandards den Standort benachteiligt sehen. „In China ist der Standard jedoch gar nicht so schlecht – es gibt strenge Umweltgesetze und das Arbeitsrecht wird auch meist durchgesetzt“, so Lutz Berners. Eine besondere Herausforderung stellen dagegen staatliche Interessen dar. So werden Abbau und Raffinierung von Seltenen Erden von Beijing als ein strategisch relevanter Sektor eingestuft – dieser Bereich ist daher kaum zu durchdringen. In der Verarbeitung zu Rohmagneten dominiert dagegen die Privatwirtschaft.

6 TIPPS FÜR MEHR NACHHALTIGKEIT IN DER LIEFERKETTE

Früh anfangen: Das Gesetz zur Lieferkettensorgfalt tritt 2023 für größere Unternehmen in Kraft. Doch sie werden ihre direkten Zulieferer ebenfalls in die Pflicht nehmen. Das Gesetz wird künftig auch auf kleinere Unternehmen ausgeweitet.

Strategisch analysieren: Zum Beispiel mit einer ABC-Analyse, um die kritischen Länder, Lieferanten sowie Produkte zu identifizieren und den Handlungsbedarf zu priorisieren.

Resilienz schaffen: Firmen, die stark von einzelnen Lieferanten oder Standorten abhängig sind, sind verletzlich. Besser ist es, geografisch zu diversifizieren.

IT-Tools einsetzen: Spezielle Software­instrumente für die Supply Chain warnen zum Beispiel über die automatische Analyse von Social-Media-Posts frühzeitig vor Problemen bei den Produktionsbedingungen.

Beraten lassen: Vor allem kleine und mittlere Unternehmen stoßen schnell an Grenzen. Erfahrene Berater helfen. Der erste Kontakt kann über Auslandshandelskammern und Industrie- und Handelskammern erfolgen.

Tu Gutes und rede darüber: Nutzen Sie das Erreichte zur Vermarktung des Unternehmens – Kunden und auch künftige Mitarbeiter werden Ihre Erfolge registrieren.

Anreize für die Zertifizierung

Für Brugger hat sich der große Einsatz in Sachen Nachhaltigkeit jedenfalls gelohnt: Bis zum Herbst 2016 erhielten die vier chinesischen Lieferanten ein Zertifikat, inzwischen sind weitere Geschäftspartner dazugekommen. Sie alle ließen sich in sechs Kategorien überprüfen: Managementsystem, Geschäftsethik, Arbeiterrechte, Umweltschutz, Gesundheit am Arbeitsplatz und Arbeitsschutz. Als sich die chinesischen Firmen beim Reaudit 2019 bewährten, belohnte Brugger sie: Je nach erreichter Stufe gab es Co-Finanzierung für eine bessere Schutzausrüstung, neue elektrische Hubwagen statt der alten hydraulischen oder auch eine Fitnessausrüstung für die Mitarbeiter.

Thomas Brugger treibt das Thema Nachhaltigkeit auch zukünftig weiter voran: Gemeinsam mit Gleichgesinnten hat er die Initiative Fair Magnet aus der Taufe gehoben, ein Industriebündnis für nachhaltige Lieferketten für Magneten. Das Ziel: die Einhaltung von ökologischen, ökonomischen und sozialen Standards entlang der Lieferkette und in der Produktion. Dabei steht die Einführung nachhaltiger Produktionsbedingungen bei der Verarbeitung von Seltenen Erden in China im Fokus. Und wenn im Jahr 2022 in China die erneute Prüfung der Brugger-Zulieferer ansteht, macht sich der Geschäftsführer inzwischen keine Sorgen mehr, dass eine Firma nicht bestehen könnte.

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