Naher Osten

Die Coronakrise hat das System der internationalen Lieferketten erschüttert. Unternehmen wollen sie nun vereinfachen und verkürzen. Beim sogenannten Nearshoring rücken dabei ­Länder in den Fokus, die sonst in der zweiten Reihe stehen – so wie die des Westbalkans.

Oktober 2020
Autor: Martin Gaber

Ein Mitarbeiter des Autozulieferers ZF bereitet einen Dummy zum Crashtest vor: ZF ist einer der führenden Anbieter von Sicherheitstechnik für die Automobilindustrie und seit dem Jahr 2019 mit einem Standort in Serbien vertreten.  © ZF Friedrichshafen AG

Täglich pendeln Lkws zwischen Deutschland und Goražde im ­Osten Bosnien und Herzegowinas. Der 20.000-Einwohner-Ort ist von Bergen umgeben und liegt idyllisch am Fluss Drina. Das Ziel der Lastwagen liegt wenige Kilometer vor der Stadt. Dort produziert ein Weltmarktführer: Die Emka Gruppe ist einer der größten Formenbauer Europas und führend bei Verschlüssen, Scharnieren und Dichtungen. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Mitarbeiter in dem kleinen Ort auf mehr als 800 gewachsen. Das Werk drohte aus allen Nähten zu platzen. Ein Neubau musste her, ein weiteres Unternehmen wurde übernommen. Es läuft gut für Emka in Bosnien und Herzegowina – und das schon seit 25 Jahren.

Glossar

Was bedeuten Off-, Near- oder auch Reshoring?

Offshoring: Bezeichnet die Verlagerung von Unternehmensprozessen ins Ausland und wird in Far- und Nearshoring unterteilt.

Farshoring: Aus deutscher Sicht geht es dabei um weiter entfernte Märkte wie beispielsweise China.

Nearshoring: Bezeichnet näher gelegene Märkte, häufig solche in Osteuropa. Dazu gehört auch der Westbalkan.

Reshoring: Steht eigentlich für die Rückverlagerung der Produktion ins Herkunftsland. Heute verwendet man das Wort aber oft für die Rückverlagerung aus weit entfernten Märkten nach Europa.

Outsourcing: Hierbei steht wiederum der unternehmerische Prozess im Vordergrund, nicht das Zielland oder die Region.

Kurze Lieferketten liegen im Trend

Die Covid-19-Pandemie könnte nun für zusätzlichen Schub sorgen. Denn die Krise hat die Schwächen der global verflochtenen Weltwirtschaft offenbart. Die Abhängigkeit von komplexen, langen Lieferketten über Kontinente hinweg hat in vielen Betrieben für Unsicherheit gesorgt und Begriffe wie Re- und Near­shoring die Runde machen lassen. Dabei geht es im Kern darum, die Produktion wieder so nah wie möglich vor die eigenen Werkstore zu holen.

Viele Unternehmen werden ihre Kalkulationen nach der Krise noch enger bemessen als zuvor. Das macht es unwahrscheinlich, dass Firmen ihre Produktionsstandorte in großem Stil nach Deutschland zurückverlagern. Dafür könnten nun Regionen in den Fokus rücken, die viele Unternehmen bislang noch nicht auf dem Radar hatten – wie eben der Westbalkan.

Günstig vor den Toren der Europäischen Union (EU) gelegen und weniger als zwei Flugstunden von Deutschland entfernt ist die Region für Unternehmen aus Deutschland der ideale Standort. Lkws brauchen rund einen Tag, um von der Bundesrepublik aus zu den interessantesten Clustern zu gelangen. In Ländern wie Bosnien und Herzegowina, Nordmazedonien oder Serbien finden vor allem die Metall- und Textilindustrie, aber auch Automobilzulieferer und Pharmaunternehmen gute Bedingungen vor.