Neue Nahrungsketten

Der Welthandel mit Nahrungsmitteln hat sich seit der Jahrtausendwende verdreifacht, um die wachsende und immer wohlhabendere Bevölkerung des Planeten zu ernähren. Dafür stehen gerade Hightechproduzenten wie Deutschland in der Pflicht.

April 2018
Autor: Frank Malerius, Mitarbeit: Martin Böll, Carsten Ehlers, Carl Moses, Stefanie Schmitt

Der Isemarkt in Hamburg gehört zu den feineren Adressen der Hansestadt. Eingerahmt von prächtigen Gründerzeithäusern zieht er sich schnurgerade von der U-Bahn-Station Hoheluftbrücke bis zum vornehmen Stadtteil Eppendorf. Hier kauft man regional. Die Äpfel stammen aus dem südlich der Elbe gelegenen Obstanbaugebiet Altes Land, das Gemüse kommt aus den agrarischen Vierlanden am östlichen Stadtrand. Die Freilandeier haben Hühner in der benachbarten Lüneburger Heide gelegt, und die Krabben Fischer kutterfrisch im nahen Büsum gefangen. Das Rindfleisch beim Metzger kommt zwar von edlen japanischen Wagyus. Die aber grasten natürlich auf heimischen Wiesen, bevor ihre Bestandteile auf lokalem Buchenholz reiften.

An ihren Verkaufsständen stellen sich die Gutshöfe persönlich vor: Von Plakaten lächeln glückliche Landwirte, deren Kinder auf den Feldern umhertollen. Hier kauft der Kunde nicht nur Nahrungsmittel, er bekommt gratis dazu auch ein gutes Gewissen. Denn er weiß, woher das Produkt kommt, wer es erntet, und unterstützt lokale Wirtschaftskreisläufe.

Die Gegenwelt zur Idylle liegt keine fünf Kilometer Luftlinie entfernt: im Hamburger Hafen. Hier kommen täglich Schiffe randvoll mit Essbarem beladen die Elbe heraufgefahren, seien es die sogenannten Bananendampfer aus Südamerika oder Frachter mit Rohkaffee aus Westafrika. Im Gegenverkehr laufen Bulkcarrier mit Weizen in Richtung Mittelmeer aus, und Kühlschiffe mit gefrorenem Schweinefleisch nehmen Kurs auf China. Etwa 25 Millionen Tonnen an Agrargütern und Nahrungsmitteln durchlaufen den Hafen jährlich und machen ihn zum größten Umschlagplatz von Nahrung in Nordeuropa. Statistisch gesehen macht der globale Knotenpunkt Hamburger Hafen Deutschland zum weltweit zweitgrößten Exporteur von Kaffee und sechstgrößten Lieferanten von Gewürzen. Die Händler an der Elbe helfen, die Welt zu ernähren.

Der Hamburger Hafen ist der zweitgrößte Exporteur von Kaffee weltweit.

Agrarhandel ist vermintes Gebiet

Wer regionalen und globalen Nahrungsmittelhandel gegeneinander aufwiegt, begibt sich auf ein ideologisches Minenfeld. Denn viele Verfechter von lokalem Anbau und Konsum lehnen strikt ab, wofür Teile des grenzüberschreitenden Austauschs von Agrargütern stehen: die gezielte Exportproduktion (Cash Crops) in industriellen Monokulturen. Sie würde, so der Vorwurf, kleinbäuerliche Lebensweisen zerstören und der Transport der Produkte rund um die Welt obendrein deren CO2-Bilanz belasten. Generell seien chemische Hilfsmittel und moderne Züchtungsmethoden so sparsam einzusetzen, dass sich der Kunde von nebenan die Produkte am Ende noch leisten kann. Mehrere für diesen Artikel befragte internationale Nahrungsmittelkonzerne lehnten es ab, die Herkunftsländer der Zutaten einiger ihrer Alltagsprodukte zu nennen. Offenbar wollten sie sich die öffentliche Kritik der Verfechter regionaler Ernährung ersparen.

Aus globaler Perspektive sind die Zusammenhänge komplexer: Ländliche Regionen müssen die wachsenden Städte versorgen, klimatisch bevorzugte Länder trockene Gegenden speisen und technologisch fortgeschrittene Produzenten Agrarprodukte für unterentwickelte Weltregionen erschwinglich halten. In Fachkreisen spricht man vom Prinzip der Gunstregion: angebaut wird, wo die Bedingungen am besten sind. Als Folge müssen Händler Milliarden Tonnen an ­Nahrungsmitteln rund um den Globus transportieren. Im Jahr 2016 ging Essen für eine Billion US-Dollar in den Export, dreimal mehr als noch zur Jahrtausendwende. Der Anteil von Nahrungsmitteln am Gesamthandel ist in diesem Zeitraum um ein Viertel auf 6,5 Prozent gestiegen. Bei fast allen wichtigen Produktgruppen nimmt die Exportquote seit Jahren rasant zu: Laut Welternährungsorganisation (FAO) werden heute zehn Prozent des Fleisches ausgeführt, ein Viertel des Weizens, ein Drittel des Zuckers, mehr als 40 Prozent der Sojabohnen, fast die Hälfte des Milchpulvers und 55 Prozent der Öle und Fette. Angesichts solcher Dimensionen wird die persönliche Gewissensentscheidung auf dem Wochenmarkt zum Wohlstandsphänomen.

Welche Faktoren bestimmen die explodierende Nachfrage? Da ist zum einen das Wachstum der Weltbevölkerung von 6,1 Milliarden Menschen im Jahr 2000 auf heute 7,6 Milliarden. Für 2050 prognostizieren die Vereinten Nationen 9,8 Milliarden. Die höchsten Steigerungsraten entfallen ausgerechnet auf Gebiete, deren Böden und Klima keine Selbstversorgung zulassen, wie den arabischen Raum. Oder auf Regionen, denen die politischen und ökonomischen Voraussetzungen für eine ausreichende Produktion fehlen, wie Subsahara-Afrika. Zusätzlich zur zunehmenden Bevölkerungszahl steigen überall auf der Welt Menschen in die Mittelschicht auf und essen weniger getreidebasierte Nahrungsmittel. Stattdessen verlangen sie nach Fleisch, Obst und Gemüse.

Deutsche und französische Milch in einem Supermarkt im südchinesischen Haikou. Westliche Milch gilt als Luxusgut. Zudem trauen viele Chinesen einheimischen Produzenten nach Lebensmittelskandalen nicht.

© Xiong yijun/Imaginechina/laif

Deutsche Exporte nach Asien steigen

Seit der Jahrtausendwende ist die weltweit produzierte Menge von Nahrungsmitteln bereits um schätzungsweise 70 Prozent gestiegen. Experten sind sich einig, dass der Globus auch zehn Milliarden Menschen ernähren kann. Doch dafür muss die Produktion bis 2050 um weitere 50 Prozent zulegen. Subsahara-Afrika und Südasien müssten sie sogar mehr als verdoppeln. Für Regionen, die ihr Ziel verfehlen, bleibt Handel die einzige Alternative. Damit stehen Hochtechnologieländer wie Deutschland in der Verantwortung.

Schon heute exportiert Deutschland ein Drittel der hierzulande produzierten Nahrungsmittel: 26 Prozent des Fleisches, 31 Prozent des verarbeiteten Obstes, 34 Prozent der Milch und Milchprodukte sowie 57 Prozent der Süßwaren. Tendenz: steigend. In absoluten Zahlen haben sich die deutschen Ausfuhren von Milch seit der Jahrtausendwende wertmäßig verdoppelt, bei Getreide, Obst und Gemüse verdreifacht und bei Fleisch sogar verfünffacht.

Knapp 78 Prozent dieser Ausfuhren gehen in andere Länder der Europäischen Union (EU) und immerhin neun Prozent nach Asien. So ist Deutschland beispielsweise seit Kurzem größter Schweinefleischlieferant der Philippinen und zweitgrößter Südkoreas. Kritiker behaupten gern, deutsche Agrarausfuhren in Entwicklungsländer zerstörten die Landwirtschaft dort. Laut Statistik kann das kaum sein: Nur 1,6 Prozent der deutschen Nahrungsmittelexporte gehen nach Afrika. Und gerade einmal 0,006 Prozent in die sogenannten Least Developed Countries. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) schätzt, dass die künftigen Wachstumschancen der Exporteure vor allem in den kaufkräftigen Märkten Asiens und Amerikas liegen. Der EU-Binnenmarkt hingegen? Buchstäblich gesättigt.

Doch Deutschland exportiert nicht nur Nahrungsmittel, sondern ist auch selbst massiv auf Einfuhren angewiesen. Im Jahr 2017 hat die Bundesrepublik laut UN Com­trade essbare Waren im Wert von 72 Milliarden US-Dollar eingeführt. Folge ist ein Handelsdefizit in Höhe von 8,2 Milliarden US-Dollar – eines der weltweit höchsten in diesem Bereich. Genügend Indizien dafür liefert ein simpler Gang durch den Supermarkt. Denn wer verzichtet gern auf Bananen, Schokoriegel, französischen Wein oder Olivenöl?

»Die künftigen Wachstumschancen deutscher Exporteure liegen vor allem in Asien und Afrika.«

Stefanie Sabet, Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie

Die Arbeitsteilung nimmt weiter zu

Die FAO rechnet damit, dass die jetzt schon bestehenden Ungleichgewichte bei Produktion und Konsum künftig noch größer werden: Regionen, die bereits heute einen Überschuss produzieren, werden noch mehr exportieren – vor allem Nord- und Südamerika. Am anderen Ende der Skala werden Afrika, der Nahe Osten und Ostasien (durch den Hunger Chinas) immer deutlicher zu Nettoempfängern. Die USA, Argentinien und Australien exportieren etwa 50 Prozent ihrer selbst produzierten Nahrungsmittel. Die arabische Welt hingegen muss 50 Prozent des Bedarfs über Einfuhren decken, in den Golfstaaten sind es sogar 80 bis 90 Prozent. Europa und Zentralasien hangeln sich um die Nulllinie.

Die Produktion von Nahrungsmitteln wird sich immer stärker auf wenige Gunstregionen konzentrieren. So wie Zucker heute fast ausschließlich aus Brasilien kommt und Palmöl aus Indonesien und Malaysia, werden künftig zunehmend die Weltgegenden ein Produkt exklusiv herstellen, in denen die Bedingungen am besten passen.

Weniger begünstigte Länder importieren ihr Essen dann von dort: Laut der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der FAO wird der Importbedarf Subsahara-Afrikas an Weizen zwischen 2016 und 2026 um 42 Prozent steigen, an Fleisch um 60 Prozent, an Sojabohnen um 87 Prozent und an Mais um 166 Prozent. Auch Nordafrika ist bei nahezu allen Grundnahrungsmitteln Nettoimporteur und wird bis 2026 zwölf Prozent mehr Weizen, 33 Prozent mehr Sojabohnen und 67 Prozent mehr Fleisch einführen müssen. Der Bedarf Afrikas wird teilweise aus Südamerika gedeckt werden, das seine Fleischexporte bis dahin um ein Viertel und seine Sojaausfuhren um ein Drittel steigern wird.

Die FAO schätzt, dass 95 Prozent der künftigen Nachfragesteigerung auf Entwicklungsländer entfallen, denn auch dort geht der Trend weg von Grundnahrungsmitteln und hin zu einer höherwertigen Ernährung. In den entwickelten Ländern hingegen hat der Konsum tierischen Proteins bereits seinen Höhepunkt erreicht.

Ob ein Land Nettoexporteur oder -importeur von Nahrungsmitteln ist, hängt von vielen Faktoren ab: verfügbare Fläche, Bodenqualität, Niederschlagsmenge, Ausbildungsstand und politische Stabilität. Größtes Nettoeinfuhrland ist Japan, dem An­bau­flächen fehlen, mit einem jährlichen Saldo im Wert von minus 50 Milliarden US-Dollar. Wichtigste Exporteure sind die großen südamerikanischen Flächenstaaten Argentinien und Brasilien, die weite Teile der Welt unter anderem mit Fleisch und Soja versorgen.

Anteil deutscher Lebensmittel, die ins Ausland gehen

61,8 %

Süßwaren, Dauerbackwaren, Speiseeis

59,0 %

Fertiggerichte und sonstige Lebensmittel

39,1 %

Milch und Milchprodukte

32,3 %

Verarbeitetes Obst und Gemüse

30,6 %

Alkoholische Getränke

26,4 %

Fleisch und Fleischprodukte

17,5 %

Teigwaren

Nach Warengruppen, 2016. Quellen: United Nations Comtrade Database auf der Basis von Standard International Trade Classification 0; Vereinte Nationen; Statistisches Bundesamt; Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie; Welternährungsorganisation

Südamerika nutzt deutsche Technik

Für den südamerikanischen Kontinent war die bereits im 19. Jahrhundert beginnende Exportproduktion von Agrarprodukten Schlüssel zur Industrialisierung. Alle dortigen Volkswirtschaften sind heute ohne sie nicht funktionsfähig. Die Ausfuhr bringt die Devisen, mit denen Konsum, Vorprodukte und Investitionsgüter bezahlt werden. In Argentinien etwa hängt ein Drittel aller Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Landwirtschaft ab. Deutsche Unternehmen liefern die nötigen Vorprodukte und Ausrüstungen: Chemikalien, Landmaschinen, Verarbeitungs- und Verpackungsmaschinen sowie Kühltechnik.

Teile Südamerikas haben schon früher Lebensmitteltechnik aus Deutschland importiert – und zwar in Form der Rezepte deutscher Einwanderer. So gibt es viele kleine und mittlere Unternehmen, die sich auf Herstellung und Vertrieb typisch deutscher Delikatessen spezialisiert haben. Bier und Sauerkraut (Chucrut) verbinden Südamerikaner am stärksten mit Deutschland. Einige deutsche Bezeichnungen sind sogar in den regionalen Wortschatz eingegangen, etwa Kuchen, Leberwurst (meist als Leverwurst), Gulasch, Spätzle oder Brezel.

Afrika ist auf Importe angewiesen

Während Südamerika Nahrung für die Welt herstellt, muss Subsahara-Afrika fast alles einführen. Das westafrikanische Guinea zum Beispiel. Trotz bester Böden kann die Landwirtschaft dort die Menschen nicht ernähren, weil die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen fehlen. Folglich kommen die Zwiebeln aus den Niederlanden, das Tomatenmark kommt aus China, das Hühnerfleisch aus Brasilien, das Speiseöl aus Malaysia und jede Menge Reis aus ganz Asien. Einige asiatische Hersteller schreiben „German Quality“ auf ihre Verpackungen, auch wenn die Produkte mit Deutschland nichts zu tun haben.

Infolge der Einfuhren gewöhnt sich die Bevölkerung Westafrikas seit einiger Zeit an industriell gefertigte Nahrungsmittel. Die Menschen essen zunehmend importierte Süß- und Backwaren, Kekse oder Molkereiprodukte. Teilweise sind die verkauften Mengen so hoch, dass die Hersteller in vielen Städten lokale Werke gebaut haben. Aber die Zutaten – Zucker, Weizen, Milchpulver, Fruchtsaftkonzentrat oder chemische Zusätze – kommen fast komplett aus dem Ausland.

Die natürlichen Bedingungen für den Anbau sind in vielen Ländern des Kontinents hervorragend, aber es gibt kaum eigenes Know-how. Ausländische Investitionen bleiben aus, weil es an Rechtssicherheit fehlt. In der Regel erhält ein Agrarinvestor eine Landkonzession von der Nationalregierung. Doch auf Gemeindeebene haben Stammesoberhäupter das Sagen. Mit ihnen müssen sich Investoren arrangieren, indem sie Geld zahlen, soziale Projekte durchführen oder lokale Arbeitskräfte einstellen. Die Kosten hierfür ergeben sich erst im Laufe der Zeit, Planungssicherheit gibt es nicht.

Immerhin bauen einige Länder erfolgreich Cash Crops an, etwa die Elfenbeinküste Kakao oder Äthiopien Kaffee. Sie nutzen die Exporterlöse für den Kauf von Grundnahrungsmitteln und darüber hinaus für Agrartechnologie. Letzteres wäre bei der Kultivierung traditioneller Agrargüter wie Mais, Hirse oder Maniok deutlich schwieriger. Für die meisten Länder des Kontinents bleiben Cash Crops, neben Bodenschätzen, schon aufgrund des niedrigen Bildungsniveaus auf absehbare Zeit die einzige nennenswerte Devisenquelle.

Die Importländer werden in Zukunft noch stärker auf Einfuhren angewiesen sein.

Studie der Welternährungsorganisation

Chinesen mögen deutsche Milch

Manche Länder setzen auch auf Importnahrungsmittel, weil die Menschen einheimischer Ware misstrauen. Das bis vor wenigen Jahren für deutsche Lieferungen praktisch geschlossene China führt mittlerweile im großen Stil hiesige Produkte ein. Im Jahr 2016 hat Deutschland für fast eine Milliarde US-Dollar Fleisch nach China geliefert. Damit war das 20.000 Kilometer Seeweg entfernte Reich der Mitte viertgrößter Absatzmarkt für Fleisch made in Germany. Bei Milch und Milchprodukten waren es 250 Millionen US-Dollar.

Grund für diese hohe Nachfrage: zahlreiche Lebensmittelskandale, die das Vertrauen in die eigenen Produkte erschüttert haben. Unter anderem waren an mit dem Kunstharz Melamin versetzter Babymilch 300.000 Babys erkrankt. Daraufhin wurde in deutschen Drogeriemärkten zwischenzeitlich Babymilchpulver knapp. Offenbar verschifften Privatleute einen erheblichen Teil davon nach China.

Deutsche Produkte sind in chinesischen Supermärkten gut vertreten und werden auch als solche vermarktet, seien es Joghurt, Fruchtgummi, Kekse oder Schokolade. Kunden übertragen die technologische Expertise Deutschlands auf die Nahrungsmittelqualität. Die Chinesen essen mit zunehmendem Wohlstand zwar nicht mehr, dafür aber teurer. Das heißt: abgefülltes Wasser anstatt Leitungswasser, Wein anstatt Bier, mehr Fleisch und weniger Reis, mehr ausländische Speisen als einheimische sowie vermehrt Biowaren. Und sie sind experimentierfreudig. „Chinesen probieren alles, was sie vom Geschmack und vom Geruch her gerade noch ertragen können“, sagt Käsemacher Liu Yang, der in Frankreich gelernt hat und in Beijing für seinen Rohmilchkäse im Manufakturstil bekannt ist.

China gilt in vielen Statistiken als weltgrößter Nahrungsmittelimporteur. Allerdings haben die Berechnungen Unschärfen. So entfällt unter anderem die Hälfte aller weltweiten Sojabohnenimporte auf das Reich der Mitte, bei denen aber schwer zu bestimmen bleibt, ob sie zu Tofu oder Tierfutter werden.

Agrarhandel ist noch stark beschränkt

Der Welthandel mit Lebensmitteln würde wohl noch viel stärker boomen, wären da nicht die vielen Handelshemmnisse. Fast überall auf der Welt sind die Zollsätze für landwirtschaftliche Erzeugnisse weitaus höher als für Industriegüter, und bei praktisch allen Freihandelsabkommen gelten sie als schwierigster Verhandlungspunkt. Oft gibt es Ausnahmeregelungen, und die Produkte werden nur im Rahmen von Einfuhr- oder Zollkontingenten ins Land gelassen. Für Restriktionen gibt es vielerorts gute Gründe: Denn ohne Einfuhrbeschränkungen würde die Landwirtschaft in Ländern mit geringer klimatischer oder technischer Konkurrenzfähigkeit binnen kürzester Zeit ausradiert werden.

Auch umgekehrt ist es besonders für kleine und mittelständische Unternehmen zunehmend schwieriger, Drittmärkte zu erschließen. Denn für sie gelten andere Regeln. „Nicht alle in der EU zugelassenen Nahrungsmittel dürfen einfach ins Ausland exportiert werden“, berichtet BVE-Geschäftsführerin Stefanie Sabet. „Die Hersteller müssen andere Standards einhalten, oft sind aufwendige und langjährige Zulassungsverfahren notwendig.“

Doch es gibt auch Fortschritte. „Zum Wachstum des Welthandels mit Agrargütern und Nahrungsmitteln haben wesentlich Handelsliberalisierungen auf WTO-, aber auch auf multi- und bilateraler Ebene beigetragen“, sagt Sabet. Allein die EU hat mehr als 770 internationale Abkommen zum Agrarhandel geschlossen. Darunter fallen umfassende Freihandels-, aber auch spezifische Veterinärabkommen.

Die Ergebnisse der Liberalisierung zeigen sich dann wieder auf dem Hamburger Isemarkt. Die Stände von Gutshöfen aus dem Umland führen auch internationale Ware, etwa allerlei tropische Südfrüchte oder Paprikaschoten aus der Türkei. Auf den zweiten Blick ist sogar der größte Teil der feilgebotenen Produkte ausländischer Herkunft. Die Händler haben sie auf dem Großmarkt eingekauft, in Sichtweite des Hafens. Offensichtlich sind Obst und Gemüse aus aller Welt – hier wie auf allen anderen Wochenmärkten in Deutschland – längst eine symbiotische Beziehung mit den heimischen Produkten eingegangen: für den Verbraucher eine komfortable Lage.

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