Neuland

Überall auf der Welt gibt es unterschätzte Wirtschaftsstandorte. Manche ­stehen im Schatten der bekannteren Cluster ihres Landes, andere entwickeln sich erst zu Geheimtipps. Wir stellen sie vor. Diesmal: Edmonton in Kanada.

Februar 2021
Autor: Daniel Lenkeit

In Edmonton kann man die City über ein 13 Kilometer langes Pedway-System aus Tunneln und Brücken zu Fuß durchqueren, um etwa das Legislature Building oder die Art Gallery zu besichtigen. Die Wirtschaftsmetropole hat rund 972.000 Einwohner und die Amtssprachen sind Englisch und Französisch. © Brent Lawrence

Was macht Edmonton jetzt interessant?

Die Region Edmonton im kanadischen Alberta ist aus europäischer Sicht weit weg. Kanada haben deutsche Exporteure ohnehin nicht immer sofort im Blick, und Alberta, die rohstoffreiche Provinz im Westen, und deren Hauptstadt Edmonton, liegen noch einmal vier Flugstunden entfernt von Toronto. Doch ein näherer Blick auf die Region lohnt, denn sie bietet Entwicklungspotenzial in vielen Branchen. Von der Chemie- und Pharmaindustrie über die Produktion von pflanzlichen Proteinen und Functional Food bis hin zu einem der global führenden Hubs für künstliche Intelligenz (KI) punktet Edmonton mit einem breiten Angebot. Vor Kurzem legte Alberta zudem seine neue Erdgasstrategie vor. Vor allem Wasserstoff und Petrochemie bieten jetzt neue Chancen für Investoren und Marktteilnehmer aus dem Ausland. Die Region Edmonton hat das Potenzial, Kanadas ­Wasserstoffhub zu werden. Nach ersten Schätzungen ist es schon heute möglich, etwa 20 Prozent Wasserstoff in Albertas Erdgassystem einzuspeisen, ohne die Infrastruktur zu verändern.

»Die mit APIP geschaffenen finanziellen Anreize positionieren Alberta als offensiven Wettbewerber gegenüber den USA, dem mittleren Osten und asiatischen Petrochemieproduzenten.“«

Malcolm Bruce
CEO der regionalen Wirtschaftsförderungsagentur Edmonton Global

Das regionale Petrochemiecluster umfasst 40 Unternehmen, die Chemikalien, Treibstoff und Düngemittel herstellen. Wichtig für deutsche Unternehmen ist in diesem Rahmen die Einführung des „Alberta Petrochemicals Incentive Program“ (APIP). Dieses ist Teil des Corona-Konjunkturprogramms der Provinz und soll vor allem langfristige Investitionen in die Petrochemie Albertas anlocken. „Die finanziellen Anreize, die mit dem APIP geschaffen wurden, positionieren das industrielle Kernland von Alberta im Vergleich zu den Petrochemieherstellern in den USA, im Nahen Osten und in Asien sehr gut. Der Zugang unserer Region zu Rohstoffen, Talenten und internationalen Märkten sowie die Sicherheit und Vorhersehbarkeit unseres Geschäftsumfelds sind die Hauptgründe, warum mehrere der weltweit größten Akteure hier investieren “, sagt Malcolm Bruce, CEO der regionalen Wirtschaftsförderungsagentur Edmonton Global.

67.302

US-Dollar beträgt das BIP pro Kopf in Edmonton.

Was erwartet Unternehmen in Edmonton?

Edmonton ist eine junge, schnell wachsende Stadt mit gut ausgebildeten Arbeitskräften. Die Wirtschaftsregion ist die fünftgrößte in Kanada und profitiert zudem von geringen Steuersätzen. Alberta ist die einzige kanadische Provinz ohne eine separate Mehrwertsteuer. Der Standort verfügt über große Energieressourcen und hervorragende Forschungskapazitäten in den Bereichen Gesundheit und KI. Außerdem gibt es eine florierende Agrarindustrie. Edmontons aufstrebender KI-Sektor zieht viel Know-how in die Region, was nicht zuletzt am Forschungszentrum AMII liegt, das an die Universität von Alberta angegliedert ist und zu den renommiertesten der Welt gehört.

In diesem Jahr haben große Telekommunikationsversorger wie Telus und ­Rogers begonnen, ihre 5G-Infrastruktur in Edmonton und den angrenzenden Gemeinden aufzubauen. Das bietet gute Voraussetzungen für ­Themen wie KI und Smart City, außerdem für die lokale Industrie, die auf Hochleistungsinternet angewiesen ist.

In mehr als 70 Pavillons servieren die verschiedenen, in Edmonton ansässigen ethnischen Gruppen beim Heritage Festival typische Lebensmittel aus ihrer Heimat. © Brent Lawrence

Was muss man über Edmonton wissen?

Die Herausforderungen für das Kanadageschäft gelten auch für ­Edmonton. Durch starke föderale Strukturen sind Gesetzgebung (unter anderem Arbeitsgesetze) und Steuersysteme von Provinz zu Provinz unterschiedlich. Das kann die gesamte Marktbearbeitung in Kanada erschweren. Grundsätzlich punktet der Standort aber im regionalen Vergleich mit niedrigen Produktionskosten, der Förderung einzelner ­Industrien sowie Know-how im Energiesektor.

Was spricht sonst für Edmonton?

Edmonton ist eine Großstadt mit unmittelbarem Zugang zu Natur. Die großen Nationalparks Banff und Jasper sind in etwa vier Autostunden erreicht. Die Stadt Calgary liegt nur drei Stunden südlich von Edmonton. Dazu sind die Lebenshaltungskosten und guten Verdienstmöglich­keiten weitere Anziehungspunkte für junge Talente aus der ganzen Welt.

Deutsche Wurzeln in Edmonton gehen zurück bis zur ersten Besiedlung der Stadt, der deutsch-kanadische Kulturverband sitzt in Edmonton. Ebenfalls wichtig für die deutsch-kanadischen Wirtschaftsbeziehungen ist das German-Canadian Centre for Innovation and Research, das regelmäßig kleine und mittelständische Unternehmen der Region für Kooperationen nach Deutschland bringt.

Wie geht es für Edmonton weiter?

Die Provinz Alberta ist im Umbruch und will sich zunehmend aus der Abhängigkeit von der fossilen Brennstoffindustrie lösen. Aktuell leidet die Region unter der Coronakrise und sinkenden Investitionen im Öl- und Gasgeschäft. Die nationale Strategie für eine klimaneutrale Wirtschaft bringt noch größere Herausforderung für Alberta, bietet aber auch anderen Industrien Chancen, die Lücke zu füllen.

Das Steueraufkommen der Provinz hängt noch immer stark an der Erdölförderung, und die Investitionsbereitschaft vieler angegliederter Industrien steht und fällt mit dem Ölpreis. Das bedeutet: Albertas Wirtschaft wird sich nur langsam von der Pandemie erholen. In den nächsten zwei Jahren soll das BIP der Provinz jeweils um etwa drei Prozent steigen.

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