Neuland

Überall auf der Welt gibt es unterschätzte Wirtschaftsstandorte. Manche ­stehen im Schatten der bekannteren Cluster ihres Landes, andere entwickeln sich erst zu Geheimtipps. Wir stellen sie vor. Diesmal: den indischen Bundesstaat Gujarat.

Dezember 2021
Autor: Boris Alex

Vallabhbhai Patel war ein Unabhängigkeitskämpfer in Rajpipla. Seine Statue zieht Touristen an. © Rutvik/Adobe Stock

Was macht Gujarat jetzt interessant?

Für Indienkenner ist der Bundesstaat mit seinem hohen Wirtschaftswachstum zwar kein Geheimtipp mehr. Doch eine Reihe von Infrastruktur- und Industrieprojekten dürfte die Region weiter in den Fokus von Investoren rücken – und auch deutschen Firmen neue Chancen eröffnen. Derzeit befindet sich die erste Hochgeschwindigkeitsstrecke Indiens zwischen Gujarats größter Stadt Ahmedabad und der Finanzmetropole Mumbai im Bau. Ab 2026 sollen Züge die rund 500 ­Kilometer in gut zwei Stunden statt wie bisher in 6,5 Stunden zurücklegen. Die schnelle Anbindung soll Ahmedabad und andere Industriestädte wie Surat und Vadodara aufwerten.

»Gujarat ist ein Wachstumstreiber für die Erneuerbaren Energien.«

Boris Alex GTAI-Korrespondent in Neu-Delhi

Was erwartet Unternehmen in Gujarat?

Indiens Premierminister Narendra Modi stammt aus Gujarat und war 13 Jahre lang Regierungschef des Bundesstaates. In dieser Zeit wurden zahlreiche wirtschaftsliberale Reformen angestoßen, was Gujarat den Ruf eines investorenfreundlichen Standorts einbrachte. Zahlreiche Cluster – allen voran die chemische und petrochemische Industrie, aber auch Pharma, Textil und Nahrungsmittel – sind in den vergangenen Jahren entstanden. Sie locken unter anderem Konzerne wie BASF und Bayer in die Region. Vor allem für exportorientierte Unternehmen ist der Standort attraktiv. Rund 40 Prozent des indischen Außenhandels werden über die Häfen in Gujarat abgewickelt.

60 Millionen

Einwohner hat der indische Bundesstaat Gujarat.

Was muss man über Gujarat wissen?

Der Bundesstaat hat bedeutende politische Führer wie Mahatma Gandhi hervorgebracht, nach dem die Hauptstadt Gandhinagar benannt ist. Zudem stammen die Gründer vieler indischer Industriekonglomerate wie Tata, Reliance und Adani sowie des IT-Konzerns Wipro aus der Region. Sie haben den Mythos des hart arbeitenden Gujarati-Businessman geprägt. Allerdings wird auf den Geschäftserfolg nicht mit Whiskey angestoßen: Gujarat ist ein Dry State, in dem Alkohol streng verboten ist. Das tut der Beliebtheit der Sechs-Millionen-Metropole Ahmedabad aber keinen Abbruch. Sie gilt als eine der lebenswertesten indischen Großstädte.

Was spricht sonst für Gujarat?

Der Bundesstaat ist einer der Wachstumstreiber für die erneuerbaren Energien. Bei der Windkraft belegte er im März 2021 mit 8,6 Gigawatt den zweiten und bei der Solarenergie mit 4,4 Gigawatt den dritten Platz unter den indischen Staaten. Mit seiner 1.600 Kilometer langen Küstenlinie will Gujarat auch bei der Offshorewindkraft ein Vorreiter werden. Das macht den Standort für die Hersteller von Umwelttechnik attraktiv. Renew Power will eine Fabrik für Solarmodule bauen. Insgesamt sollen bis 2030 rund 30 Milliarden US-Dollar in den Ausbau der erneuerbaren Energien in den Bundesstaat fließen.

Vegetarier kommen in Gujarat auf den Geschmack: Rund zwei Drittel der Bürger verzichten auf Fleisch. © manubahuguna/Adobe Stock

Wie geht es für Gujarat weiter?

Um das hohe Wachstumstempo beizubehalten, will der Bundesstaat seine Wirtschaft weiter diversifizieren und setzt dabei unter anderem auf die Biotechnologie und Biopharmazeutik. Im Biotechcluster Ahmedabad sind inzwischen mehr als 100 Unternehmen und Forschungseinrichtungen aktiv. Mit den angekündigten Industrieparks zur Massenproduktion von Arzneimitteln und von Medizintechnik will die Regierung heimischen und ausländischen Unternehmen den Weg nach Gujarat ebnen.

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