Neuland

Überall auf der Welt gibt es unterschätzte Wirtschaftsstandorte. Manche ­stehen im Schatten der bekannteren Cluster ihres Landes, andere entwickeln sich erst zu Geheimtipps. Wir stellen sie vor. Diesmal: Novi Sad in Serbien.

April 2021
Autor: Martin Gaber

Ein Tipp für heiße Tage in Novi Sad: Die Festung Petrovaradin verfügt über ein 16 Kilometer langes Tunnelsystem. © Dejan

Was macht Novi Sad jetzt interessant?

Novi Sad wird 2022 Europäische Kulturhauptstadt sein, und damit die erste Stadt überhaupt außerhalb der Europäischen Union (EU), die sich mit diesem Titel schmücken darf. Damit tritt Novi Sad einen Schritt aus dem Schatten der Millionenmetropole Belgrad. Doch einen Grund zum Verstecken gibt es für die 340.000-Einwohner-Stadt im Norden Serbiens ohnehin nicht. Denn Novi Sad hat einiges zu bieten: kulturelle Vielfalt, eine Universität mit rund 50.000 Studierenden, eine Poleposition-Lage vor den Toren der EU und eine stark wachsende Wirtschaft mit Technologiefokus. Zudem ist Novi Sad die Hauptstadt der Region Vojvodina. Diese galt schon in Jugoslawien als Kornkammer. Noch heute boomt hier die Landwirtschaft.

6.600

Euro beträgt das BIP pro Kopf in Novi Sad.

Was erwartet Unternehmen in Novi Sad?

Novi Sad hat viel Potenzial für die Entwicklung und Produktion ­innovativer technologischer Lösungen für die Automobilindustrie. Das hat auch der deutsche Zulieferer Continental erkannt und ist seit drei Jahren mit einem Forschungs- und Entwicklungszentrum (F&E-Zentrums) vor Ort. Continental ist nicht das einzige Erfolgsbeispiel. Insgesamt ist Deutschland der wichtigste ausländische Investor in Novi Sad und der Region Vojvodina. Mehr als 50 deutsche Unternehmen beschäftigen hier rund 20.000 Mitarbeiter. Neben den Bereichen Automotive und Landwirtschaft entwickeln sich neue Cluster. So wächst die Lebensmittelindustrie und profitiert von den Anbauflächen vor der Haustür. Und auch die IT-Branche entdeckt Novi Sad für sich. Digitalunternehmen erhalten institutionelle Förderung für Forschung und Entwicklung und finden ihre Talente an der lokalen Hochschule.

Was muss man über Novi Sad wissen?

Die Herausforderungen bei Geschäften auf dem Balkan gelten auch für Serbien. So nennen Unternehmen laut einer Umfrage der Deutsch-Serbischen Wirtschaftskammer vor allem die mangelnde Bekämpfung von Korruption, fehlende Rechtssicherheit, kaum Transparenz bei der öffentlichen Vergabe und eine träge Verwaltung als Probleme. Doch Novi Sad wächst, und die Verwaltung ist bemüht um Investitionen, gerade aus dem Ausland. „Von den Behörden und der Regierung vor Ort sowie in Belgrad wurden wir super unterstützt“, sagt Continentals Werkleiter in Novi Sad, Lucian Margineanu.

Das Musikfestival Exit erhielt 2007 die Auszeichnung als Europas beliebtestes Festival. © Exit Festival Novi Sad/Press

Was spricht sonst für Novi Sad?

Innerhalb von zwei Autostunden erreicht man die vier Nachbarstaaten Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Rumänien und Ungarn. Zudem wird gerade die Eisenbahnverbindung nach Budapest und Belgrad ausgebaut. Auch per Schiff geht es über die Donau Richtung Ost und West. Doch eigentlich muss man gar nicht weg, um etwas zu erleben. Novi Sad und die gesamte Region sind ein Vielvölkergebiet, in dem 26 Volksgruppen zusammenleben. Amtssprachen sind Serbisch, Ungarisch, Slowakisch, Rumänisch, Russinisch, eine ostslawische Sprache, und Kroatisch mit den entsprechenden Schriften. Die Minderheiten pflegen ihre eigenen Traditionen und ihre eigene Kultur. Hier lebt noch heute der jugoslawische Gedanke des Vielvölkerstaats. Man kann außerdem an der Donau baden gehen, bei Serbiens größtem Musikfestival Exit feiern, in einem der zahlreichen Cafés verweilen oder die Museen und Galerien der Stadt besuchen.

Wie geht es für Novi Sad weiter?

Die Wirtschaft in Novi Sad und der Region Vojvodina wächst. Im Jahr 2019 sogar stärker als in Belgrad. Während die Vojvodina um fast zehn Prozent zulegen konnte, hinkte Belgrad mit 7,6 Prozent hinterher. Und die Prognosen bleiben positiv: Durch den hohen landwirtschaftlichen Anteil hat die Coronapandemie die Region nicht so stark getroffen wie andere. Auch Continental bleibt Novi Sad treu. „Ich bin sehr stolz, dass die guten Ergebnisse unseres F&E-Zentrums in Novi Sad für weitere Investitionen der Gruppe in Serbien gesorgt haben“, sagt Sasha Cioringa, Continental-Geschäftsführer für Serbien. Und Werkleiter Margineanu fügt hinzu: „Ich bin froh, Teil eines Teams zu sein, dass positive Impulse für das wirtschaftliche Umfeld in der Region Novi Sad setzt.“ Continental erweitert den Standort Novi Sad gerade um ein zweites Werk. Das Jahr als Europäische Kulturhauptstadt wird zudem neue Projekte für Stadt und Region bringen. Und Novi Sads Position auf der Europakarte festigen.

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